Vor 13 Jahren, 2009, zog Daniel de Schryver nach Berlin. In Antwerpen geboren, hatte er viele Jahre in Brüssel gelebt, bis ihm die Stadt, in der „sich niemand als Brüsseler oder Brüsselerin fühlt, sondern immer nur als Bewohner eines Viertels“, nicht mehr gefiel. „Hier ist das anders“, sagt er, und seine blauen Augen blitzen. „Auch Berlin hat sehr unterschiedliche Stadtteile, aber trotzdem gibt es ein Gefühl des Zusammenhalts. Die Leute fühlen sich als Teil eines großen Ganzen.“ Eine gehörige Portion Stolz auf den eigenen Kiez, die eigene Straße muss das ja nicht ausschließen.

Wenn wir so wollen, ist de Schryver so etwas wie eine wandelnde Berlin-Broschüre. Eher noch: ein Hansaviertel-Handbuch auf zwei Beinen. Er weiß viel über den Ortsteil zwischen Moabit und Tiergarten, lebt selbst in einem der Architektenhäuser, die dem Viertel seinen Charme verleihen, ist Mitglied im Bürgerverein Hansaviertel und gibt Stadtführungen durch den Bereich zwischen Altonaer Straße, Siegessäule und Spreeufer. Gerade für ihn als Architekturfan gibt es hier immer wieder etwas zu entdecken.

Berliner Verlag/Coverfoto: Yva
So wohnte Berlin

Es ist ein Urbedürfnis des Menschen: ein Dach über dem Kopf. Darunter findet sich Geborgenheit aber nicht von allein. „Ein Haus wird gebaut, aber ein Zuhause wird geformt“, wie das Sprichwort besagt. Ein Zuhause in Berlin war schon immer in vielerlei Hinsicht besonders.

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Eigentlich arbeitet Daniel de Schryver in der Pharmaindustrie. Dass es in seiner freien Zeit eher die schönen Künste sind, die ihn begeistern, sieht man ihm und seiner Wohnung an. Erst mal sind da die Kilts, die er gerne trägt. „Als Jean Paul Gaultier seinen ersten Männerrock über den Laufsteg schickte, war ich sofort fasziniert“, sagt der Belgier. „Aber damals war der noch ein bisschen zu teuer für mich.“

Irgendwann hat er zu einem etwas günstigeren Modell von Comme des Garçons und schließlich zu den traditionellen schottischen Kilts gefunden. Die seien nicht nur bequem. „Wie man sich kleidet, hat auch eine Auswirkung darauf, wie die Menschen auf dich reagieren. Und ich habe gemerkt, dass sie es interessant finden, einen Mann im Rock zu sehen. In Paris wäre das anders, da gibt es einen stärkeren sozialen Druck, der die Individualität einschränkt.“

Und individuell, so mag de Schryver es. Deswegen war er froh, als er vor fast drei Jahren seine neue Wohnung im Hansaviertel fand. Sie liegt im Eternithaus, das der Architekt Paul Baumgarten 1957 für die Eternit AG entwarf und baute – und das heute unter Denkmalschutz steht. Wie die anderen Gebäude der Gegend war es Teil der Interbau, einer internationalen Bauausstellung, die architektonische Ideen zur Neugestaltung der kriegszerstörten Stadt für alle sichtbar machen sollte.

CC-BY 3.0/Willy Pragher, 1960
„Interbau Objekt 25 A“ – das ist die offizielle Bezeichnung des Berliner Eternithauses, hier 1960.

„Im Hansaviertel, das vor dem Krieg dicht bebaut war, standen Anfang der Fünfziger gerade noch 17 Häuser, von denen nur drei überhaupt bewohnbar waren“, erzählt de Schryver. So entstand der Plan zu einer Art West-Berliner Modellstadt, auch als Reaktion auf das, was Ost-Berlin zu jener Zeit errichtete. Dort machten damals die Stalinbauten an der Stalinallee (heute Karl-Marx-Allee und Frankfurter Allee) auf sich aufmerksam. „Da musste man sich im Westen überlegen, wie man darauf reagiert“, sagt de Schryver. Die Antwort: mit dem Besten, was die Architekturszene zu bieten hatte.

Also stehen im Hansaviertel Wohngebäude und -komplexe von Oscar Niemeyer neben jenen von Egon Eiermann, solche von Arne Jacobsen neben welchen von Walter Gropius, Max Taut neben Alvar Aalto. Es ist eine lockere Mischung aus Hochhäusern und Flachbauten, aus Reihenhaus-Komplexen und frei stehenden Bungalows mit Innenhof. „Ein begehbarer Architekturkatalog“, sagt de Schryver. Er selbst hat mit seiner knapp 100 Quadratmeter großen Maisonettewohnung im Eternithaus ein besonders schönes Exemplar erwischt. Dass der Asbest in den Faserzementplatten der Innenwände nicht entsorgt, sondern nur beschichtet wurde – damit kann er gut wohnen: Er bohrt einfach keine Löcher hinein.

Das sieben Wohnungen fassende Eternithaus hat etwas Schiffsähnliches: Lang gezogen liegt es zwischen den Bäumen angrenzender Parks. Auf einem schmalen, leicht wirkenden Unterbau aus Säulen und dickwandigen Glasbausteinen sitzt ein geradliniger Querriegel aus weißen und orangefarbenen Faserzementplatten, darauf gläserne Kuben und Terrassen. Folglich wirkt der untere Bereich von de Schryvers Wohnung – durch eine Tür aus einem mittig gelegenen Laubengang zu betreten – ein wenig eng.

Thomas Meyer/OSTKREUZ
Aus dem Untergeschoss mit Schlaf- und Arbeitszimmer sowie Kammern geht es über die Treppe in den weiten und lichten Wohn-Ess-Küchenbereich.

Ein kleines Schlaf- und Arbeitszimmer, das Bad und zwei Abstellkammern, ein größerer Flur mit der hochführenden Treppe – und plötzlich tut sich der obere Wohn-Ess-Küchen-Bereich in einem der Glaskuben des Hauses auf. Auch alle übrigen Räume sind mit größeren und kleineren Fenstern versehen. Selbst die Innenwände der Wohnung lassen durch schmale, rechteckige Glasscheiben reichlich Sonnenlicht herein. Eine Wohnung, die es gut meint mit ihrem Bewohner.

„Es ist eine fantastische Art zu bauen, die aber auch viel davon vorgibt, wie man darin leben soll, die Ecken und Formen hat, denen man gerecht werden muss“, sagt de Schryver. „Einfach irgendwas reinstellen geht hier nicht – ich musste mir ganz neue Sachen kaufen.“

Also stehen in seiner Wohnung nun Möbel, die der klassisch-modernen Formsprache des Architekten Baumgarten entsprechen: ein kantiges schwarzes Ledersofa auf silbrigen Beinen von Montis zum Beispiel, dazu ein blauer Loungesessel von Pierre Paulin für Artifort, Lampen von Egon Eiermann und Joe Colombo.

Vor allem ist es die Kunst, die hier ins Auge fällt. Begeistert sammelt de Schryver Werke zeitgenössischer Künstlerinnen und Künstler, schon im Flur bringt er Gemälde und Objekte von Flavio de Marco, Alicja Kwade und Peter Witucki zusammen. Im Arbeits- und im Esszimmer hängen farbstarke, collagenähnliche Gemälde von Gérard Fromanger.

Thomas Meyer/OSTKREUZ
Eine Wohnung, die es gut meint mit ihrem Bewohner. Viel Sonnenlicht strömt durch die kleinen und großen Fenster in die Räume. Von der Terrasse ist die Siegessäule zu sehen.

Besonders gern mag de Schryver ein unscheinbar wirkendes Kunstobjekt im sonnengefluteten Wohnzimmer: eine gläserne Kugel, in deren Zentrum ein geometrisches Muster aus feinen schwarzen Linien sichtbar wird. „Die ist von Enzo Mari, und ganz egal, wie man sie dreht und wendet“, sagt er und nimmt die Kugel in die Hand. „Man sieht immer das gleiche Raster.“

Im Wohnzimmer steht die Künstlerkugel vis-à-vis einer leuchtenden Skulptur von Susanne Rottenbacher, die aus verschlungenen gläsernen Rohren besteht, manche milchig-weiß, andere glasklar. „Ich habe nach etwas gesucht, das die eckige Struktur des Raumes ein bisschen auflockert.“ Ein Kunstwerk auf der angrenzenden Terrasse womöglich, eine Außenskulptur vor den Fenstern? „Aber nach langen Gesprächen mit der Künstlerin haben wir das wieder verworfen. Wir wollten die Ästhetik des Hauses von außen auf keinen Fall stören. Weil ich es perfekt finde, so wie es ist.“

Während er das sagt, schaut er aus den Fenstern auf die Terrasse, auf die Bäume, zwischen deren Kronen die „Goldelse“, die Viktoria auf der Siegessäule, majestätisch in der Sonne glänzt. Ein Motiv, das sich in jeder Broschüre für Berlin perfekt ausnehmen würde.


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