Ihre Eltern haben sich Sorgen gemacht, als sie ihnen von den Umzugsplänen erzählte. Dabei wollte Stephanie Inka Jehne nicht mal die Stadt verlassen. Sie ist in Berlin aufgewachsen, in Wilmersdorf, dort lebte sie mit ihrem Mann und dem kleinen Sohn. Aber der Sohn wurde größer, die Wohnung zu eng.

„Wir haben natürlich zuerst in Wilmersdorf etwas Neues gesucht“, sagt Jehne. „War aber alles unbezahlbar“, sagt ihr Mann. Er ist in Hellersdorf aufgewachsen, hing aber genauso an Wilmersdorf wie seine Frau. Trotz des Lärms, des Verkehrs, der ewigen Suche nach einem Parkplatz.

Zufriedener leben in Marzahn-Hellersdorf

Von ihrer Wohnungssuche erzählen Stephanie Inka und Marcus Jehne in ihrem Wohnzimmer am Cecilienplatz. Dass ihre Suche vor vier Jahren in Kaulsdorf, einem Ortsteil von Marzahn-Hellersdorf, endete, war auch für sie eine Überraschung. Die Wohnung hat 120 Quadratmeter, vier Zimmer, zwei Bäder und eine begehbare Garderobe, dazu einen großen Balkon. Sie ist ruhig und hell, obwohl sie im Erdgeschoss liegt. Und vor dem Haus ist immer ein Parkplatz frei. Stephanie Inka Jehne sagt, sie fühle sich, seit sie hier lebe, „zufriedener, glücklicher, ausgeglichener“.

Und das, obwohl die Wohnung in einem Plattenbau liegt. Oder weil sie dort liegt?

Berliner Verlag/Coverfoto: Yva
So wohnte Berlin

Es ist ein Urbedürfnis des Menschen: ein Dach über dem Kopf. Darunter findet sich Geborgenheit aber nicht von allein. „Ein Haus wird gebaut, aber ein Zuhause wird geformt“, wie das Sprichwort besagt. Ein Zuhause in Berlin war schon immer in vielerlei Hinsicht besonders.

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Stephanie Inka Jehne benutzt den Begriff Plattenbau nicht abfällig, ganz im Gegenteil. Sie schwärmt von ihrer Wohnung. Ihr Haus ist ein Elfgeschosser, Baujahr 1989. „Eins der letzten Häuser der DDR“, sagt sie. Die gebürtige West-Berlinerin profitiert, wenn man so will, von den Segnungen des Ost-Berliner Wohnungsbauprogramms, des größten Wohnbauprojekts, das es in dieser Stadt je gab. Und weit über sie hinaus.

Größte Großsiedlung Europas?

In knapp elf Jahren, zwischen 1976 und 1987, entstanden 60.000 neue Wohnungen in den damaligen Ortsteilen Marzahn und Biesdorf. Noch einmal 43.000 Wohnungen wurden bis 1992 in Kaulsdorf und dem heutigen Hellersdorf gebaut. Das Wohnungsbauprogramm der DDR, das den Staat finanziell ruinierte, lief nach dessen Ende am Rand Berlins weiter. Das Gebiet wird mitunter als größte Großsiedlung in ganz Europa bezeichnet.

Ob das stimme, da sei er nicht ganz sicher, sagt Oleg Peters. Eines aber sei gewiss: „In der deutschen Baugeschichte wurde nie in so kurzer Zeit so viel gebaut.“ Peters leitete bis vor Kurzem im Bezirk Marzahn-Hellersdorf das Standortmarketing. Inzwischen sei das Image der Großsiedlung wieder so gut wie in der Zeit nach dem Bau, sagt er. „Die Menschen fühlen sich wohl.“

Stephan Pramme
Wohnung von Stephanie und Marcus Jehne. Die Tapeten haben sie entfernt, die Betonwände gestrichen.

Auch Peters benutzt das Wort Plattenbau, das manche Bewohner des Bezirks fast so schlimm finden wie „Platte“. Die Häuser seien nun mal überwiegend in Plattenbauweise entstanden, sagt Peters, das sicherte die Rekordgeschwindigkeit des Bauprojekts: Ein Elfgeschosser wie der, in dem Familie Jehne wohnt, entstand in 110 Tagen. „Vom Aushub bis zur Schlüsselübergabe“, sagt Peters. Man fragt nach, weil man glaubt, sich verhört zu haben. Peters lächelt und sagt: Bei Fünf- oder Sechsgeschossern seien es im Durchschnitt nur 51 Tage gewesen.

Mit dem Vater auf dem Berliner Fernsehturm

Warum geht das heute nicht? Die Logistik sei sehr aufwendig, „das lohnt sich nur bei 100.000 Wohnungen“, sagt Peters. Er sitzt in seinem Büro in Biesdorf, das zugleich das Archiv der Forschungsstelle Baugeschichte ist, die er mit seinem Vater gegründet hat. Mit Günter Peters, der als Stadtbaudirektor halb Ost-Berlin geplant hat: das Zentrum rund um den Alexanderplatz, die Restaurierung des Kronprinzenpalais und der Neuen Wache Unter den Linden, schließlich den ersten Teil der Großsiedlung Marzahn. Peters erinnert sich, wie er als Kind mit seinem Vater auf dem Fernsehturm war, als die Kugel noch keine Außenwände hatte.

Die Familie lebte in einem Einfamilienhaus in Biesdorf, in dem Oleg Peters nach dem Tod seines Vaters dessen Büro übernommen hat. Er erzählt, dass sein Vater, der als Baudirektor im Bezirk Rostock den Hafen ausbaute, bevor er nach Berlin zog, eigentlich über die Sanierung von Altbauten promoviert hatte.

Günter Peters verantwortete auch die Sanierung des Arnimplatzes in Prenzlauer Berg. Die Häuser waren hinterher schöner, die Wohnungen größer, es gab Bäder. Aber die Zahl der Wohnungen war gesunken. Es wurde klar, dass die Hauptstadt der DDR ihr Wohnungsproblem nicht mit der Sanierung von Altbauten würde lösen können. Auch der Neubau ging nicht schnell genug.

BY-SA 4.0/Gerd Danigel/ddr-fotograf.de
Es scheint, als stünden diese vier Jungs bereit, ihr Castle in Marzahn zu verteidigen. Die Aufnahme entstand 1980. Ein Jahr zuvor wurde der Bezirk Marzahn gegründet.

„Bis 1970 sind in Ost-Berlin 3000 Wohnungen im Jahr gebaut worden“, sagt Oleg Peters. Die SED beschloss 1973, die „Wohnungsfrage“ in der DDR bis 1990 zu lösen. 1976 begannen die Erschließungsarbeiten in Marzahn. Zuerst kamen die Munitionsberger und die Vermesser. Archäologen sicherten die Reste alter Siedlungen. Dann wurde „die grobe Infrastruktur“ angelegt, sagt Peters. „Die Bauarbeiter konnten mit der S-Bahn bis Springpfuhl fahren.“

Wohngebiete statt nur Wohnungen

Vor den Häusern standen die Stationen, lagen die Gleise der Bahnen, wurden Heizkraftwerk und Klärwerk gebaut. Mit dem Aushub der Baugruben wurden Hügel aufgeschüttet. Peters und seine beiden Brüder arbeiteten auf Baustellen. Seine Brüder waren vom Fach; er sei ungelernt gewesen, sagt er, so wie viele auf der Baustelle. Der Fachkräftemangel sei ein Problem gewesen. Aber was sollte man machen, wenn man 7000 bis 8000 Leute gleichzeitig auf einer Baustelle brauchte? Auch anderswo in der DDR wurde gebaut.

Oleg Peters ist es wichtig, zu erwähnen, dass in Marzahn und später in Hellersdorf nicht nur Wohnungen geschaffen wurden, sondern ganze Wohngebiete. In der DDR habe man von „komplexem Wohnungsbau“ gesprochen: Die Grünanlagen und Freiräume wurden von Anfang an mitgeplant. So entstand zeitgleich zu den Wohnblöcken das, was Menschen sonst zum Leben brauchen.

Peters hat ein Blatt mit Daten zusammengestellt: Allein in Marzahn wurden bis 1989 auch 59 Schulen, 14 Jugendclubs, 23 Kaufhallen, 22 Gaststätten mit mehr als 100 Plätzen und 20 medizinische Einrichtungen gebaut, dazu 22 Kilometer Straßenbahngleise verlegt und 48.600 Parkplätze angelegt. Er deutet auf eine weitere beeindruckende Zahl: Fast zehn Kilometer „Sammelkanäle“ entstanden unter Marzahn. Große Röhren, durch die Stromleitungen, Telefonkabel, „alles außer Abwasser“ verlegt wurden. „Wenn etwas kaputt ist, muss keine Straße aufgerissen werden.“ Das gebe es in Berlin sonst so gut wie gar nicht.

Kurzerhand vom Bezirk Frankfurt (Oder) Ost-Berlin angegliedert

Der neue Stadtteil wuchs von Süden nach Norden, aus der Stadt heraus. Der Ort Ahrensfelde, der damals zum Bezirk Frankfurt (Oder) gehörte, musste 56 Hektar an Ost-Berlin abtreten. Mitte der 1980er-Jahre entstand dort der Ortsteil, der heute Marzahn-Nord heißt. Der S-Bahnhof, Endstation der Linie S 7, behielt den Namen Ahrensfelde.

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Jeder Raum in der Wohnung der Jehnes ist einer anderen Farbe gestrichen.

Torsten Preußing zog im April 1986 in der Nähe der Station in einen Block, an dessen anderem Ende noch gebaut wurde und in dem er noch heute wohnt. Er ist ein Ureinwohner des neuen Marzahn, wenn man so will. Mit seiner Familie hatte er in Schöneweide gewohnt, nach der Geburt des Sohnes war die Wohnung, anderthalb Zimmer, zu eng geworden. Preußing bewarb sich um eine Bleibe in Marzahn. Sechs Wochen später wurde er zur Schlüsselübergabe eingeladen. Er hatte das Haus nie gesehen, nun stand er mit den anderen, die einziehen wollten, vor dem Eingang. Sie sollten einen Hausgemeinschaftsleiter bestimmen und sich einigen, wer wo wohne. Erst dann gab es die Schlüssel.

dpa picture alliance/Karlheinz Schindler
Eine junge Familie bezieht im Oktober 1981 die 20.000ste Wohnung im dritten Wohngebiet von Marzahn. Fünf Jahre zuvor hatten die Erschließungsarbeiten für die Großsiedlung begonnen.

Im dritten Stock bezog Preußing eine Wohnung. Er bekam einen „Nutzungsvertrag“ über 68,8 Quadratmeter, drei Zimmer, Einbauküche, vier Heizkörper, ein Badestrahler, dazu „den Keller Nr. 3“. Die monatliche „Nutzungsgebühr“ betrug 73,80 Mark; mit den Nebenkosten für Zentralheizung, Warmwasser und Einbaumöbel wurden 115,30 Mark im Monat fällig. Dafür konnte die Familie so viel heizen und Wasser verbrauchen, wie sie wollte.

Außer dem Vertrag, der noch heute gilt, hat Preußing die Broschüre aufgehoben, die „Unsere Neubauwohnung“ heißt und neben den Wartungs- und Pflegehinweisen auch einen Wunsch enthielt: „Wir hoffen, daß Sie mit Ihren Angehörigen hier recht angenehme und glückliche Jahre verleben werden.“ So sei es auch gekommen, sagt er und führt seinen Besuch durch die Wohnung: Eine Nische im Flur hat er an allen Seiten bis an die Decke mit Bücherregalen gefüllt und als eine Art Arbeitszimmer eingerichtet. Sein Sohn nutzt sein altes Kinderzimmer gerade als Zwischenlager, er steckt in einem Umzug. Im Wohnzimmer stehen eine Couchecke und eine Schrankwand, auf dem Tisch liegen dicke Ordner.

Stephan Pramme
Die Decken aus Beton halten auch das Training von Marcus Jehne aus.

In Marzahn zum Berliner geworden

Preußing, der als Journalist für den Rundfunk der DDR gearbeitet hat, dokumentiert die Geschichte seines Stadtteils und mischt sich seit Jahren in aktuelle Diskussionen vor Ort ein. In Marzahn, sagt er, sei er erst zum Berliner geworden. Er stammt aus Hennigsdorf in Brandenburg. Seit dem Tod seiner Frau lebt er allein in der Wohnung. Er ist 75 Jahre alt – zum Glück hat die Genossenschaft, der das Haus gehört, vor einigen Jahren einen Aufzug an das Haus gebaut.

Bei Kaffee, Tee und Keksen, die er serviert hat, erzählt Preußing von den frühen Jahren im Neubaugebiet, von der legendären „Gummistiefelzeit“. Die Innenhöfe waren noch nicht grün, sondern verwandelten sich nach jedem Regen in Matschlandschaften. Wenn am Schwarzen Brett die Lieferung von Muttererde oder Gehölzen angekündigt wurde, trafen sich die Mieter zum Pflanzen. Nach dem Ende der DDR zogen einige Nachbarn weg, nicht in die Innenstadt, sondern weiter raus ins Grüne. Preußing blieb, engagierte sich gegen Abrisspläne, den Rückbau von Hochhäusern.

imago/Petra Schneider
„Favorit“ heißt die Schrankwand, die in vielen Wohnzimmern der DDR stand. Dieses Zimmer ist Teil der Museumswohnung in einem Plattenbautyp WBS 70 an der Hellersdorfer Straße 179.

Noch weit nach der Jahrtausendwende verschwanden Wohnungen, etwa 5000 in Marzahn und 1000 in Hellersdorf, sagt Oleg Peters. Auch sein Vater habe gegen den Rückbau gekämpft, „er war einer der größten Gegner“. Es habe zwar zeitweise viel Leerstand gegeben, sagt Oleg Peters, „aber keine Hauptstadt der Welt schrumpft auf Dauer“. Auch Schulen, Kitas, Jugendclubs verschwanden. Sie fehlen. Kaum mehr als ein Jahrzehnt ist seit dem letzten Abriss vergangen, längst wird im Bezirk wieder gebaut und um Flächen für noch mehr Neubauten gestritten. Selbst am Rand von Hellersdorf muss man sich inzwischen auf Wartelisten setzen lassen, wenn man in eine Wohnung aus dem DDR-Wohnungsbauprogramm ziehen will.

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Ben Schneider zog vor zwei Jahren in eine 65-Quadratmeter-Wohnung in Hellersdorf.

Heute längere Wartezeit als zu DDR-Zeiten

Anderthalb Jahre solle die Wartezeit betragen, erzählt Ben Schneider, ein weiterer glücklicher Plattenbaubewohner. Ihm ist es vor zwei Jahren gelungen, eine 65-Quadratmeter-Wohnung zu bekommen, in Hönow-West, unweit des U-Bahnhofs Louis-Lewin-Straße. Vom großen Balkon kann er auf den Innenhof schauen. Es grünt, man hört sehr viele Vögel, in der blühenden Weide summen die Bienen.

„Sieht ja auch wie eine ganz normale Wohnung“: Wohnzimmer von Ben Schneider.

Als Juniorberater in einer Agentur für Kommunikation arbeitet Ben Schneider in Berlin-Mitte. Den Trubel der Stadt mag der 23-Jährige. Und die Ruhe hier draußen: „Es hat etwas Kleinstädtisches, ohne dass es Kleinstadt ist.“

Aufgewachsen ist Schneider in einem Dorf in der Nähe von Angermünde. Vor sechs Jahren zog er mit Freunden nach Berlin in eine Wohngemeinschaft. Die lag in Marzahn-Nord. Wenn er das damals an der Uni Kommilitonen erzählte, hörte er die Vorurteile: Da draußen sei doch alles nur Beton und so weiter. Das komme auch heute noch vor. Aber wenn die Leute ihn besuchen, dann sagen sie: Sieht ja aus wie eine ganz normale Wohnung.


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