Viktor Benner, 71, sitzt in der Wohnküche seines Hauses in der Gartenstadt Falkenberg. „Grau, grau, grau“ seien die Fassaden vieler Häuser gewesen, als er vor 25 Jahren hierher zog, sagt er. Aber das ist vorbei. Inzwischen erstrahlen die Häuser längst wieder in frischen Farben: mal gelb, mal orange, mal blau, mal rot.

Tuschkastensiedlung wird das Wohngebiet deswegen auch genannt. Sie ist eine von sechs Siedlungen der Berliner Moderne, die die Unesco 2008 in ihre Liste des Weltkulturerbes aufnahm. Alle sechs gelten als Antwort auf die akute Wohnungsnot vor und nach dem Ersten Weltkrieg: Es ging darum, mit einfachen Mitteln moderne und bezahlbare Unterkünfte zu schaffen. Berlins traditionelle Mietskasernen vor Augen, verfolgten die Bauvisionäre den Anspruch, Häuser ohne Seitenflügel und enge Hinterhöfe zu bauen, mit Wohnungen, die Licht und Luft bekamen. In der Tuschkastensiedlung ist das gelungen. Dort sind nach Planung des Architekten Bruno Taut von 1913 bis 1916 insgesamt 128 Wohnungen entstanden, davon 80 in Einfamilienhäusern.

Berliner Verlag/Coverfoto: Yva
So wohnte Berlin

Es ist ein Urbedürfnis des Menschen: ein Dach über dem Kopf. Darunter findet sich Geborgenheit aber nicht von allein. „Ein Haus wird gebaut, aber ein Zuhause wird geformt“, wie das Sprichwort besagt. Ein Zuhause in Berlin war schon immer in vielerlei Hinsicht besonders.

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Viktor Benner lebt mit seiner Frau in einem der Häuser. Auf 61 Quadratmetern Wohnfläche, in zweieinhalb Zimmern, mit Küche und Bad. Benner ist zufrieden: „Ein Häuschen mit Garten – was braucht man mehr?“ Den Garten nutzt er noch heute, wie es Taut vor mehr als hundert Jahren erdacht hat: als Selbstversorger, um Gemüse anzubauen. „Ich pflanze Tomaten, Gurken, Dill, Petersilie, Lauchzwiebeln und Radieschen“, sagt Benner. Und die Miete? Rund 570 Euro inklusive Betriebskosten zahle er. Ohne Gas, die Heizkosten kämen noch dazu.

Viele Menschen in der Gartenstadt wohnen schon sehr lange dort. Wolfgang Meinicke gehört zu ihnen. „Unsere Familie lebt seit mehr als hundert Jahren in der Tuschkastensiedlung“, sagt der 71-Jährige. „Mein Opa war Erstmieter. Etwa im Jahr 1916 ist der eingezogen. Meine Mutter ist hier geboren, sie hat bis zu ihrem Tod in der Gartenstadt gelebt: 101 Jahre lang!“

Meinicke lebt mit seiner Frau in der früheren Wohnung seines Opas. In den Gärten auf der Rückseite der dortigen Häuser wurden damals kleine Ställe errichtet. Bis in die 1960er-Jahre seien dort Hühner gehalten worden, berichtet Meinicke, vorher auch Ziegen.

Blick in den Wohnraum von „Tautes Heim“. Ein Ehepaar hat das Einfamilienhaus in der Hufeisensiedlung mit Möbeln der 1920er- und 1930er-Jahre eingerichtet.
Berliner Zeitung/Markus Wächter
Blick in den Wohnraum von „Tautes Heim“. Ein Ehepaar hat das Einfamilienhaus in der Hufeisensiedlung mit Möbeln der 1920er- und 1930er-Jahre eingerichtet.

Die bekannteste der sechs Berliner Welterbe-Siedlungen ist die Hufeisensiedlung. Auf den Flächen des ehemaligen Rittergutes Britz entstand von 1925 bis 1930 ebenfalls nach Plänen von Bruno Taut und Martin Wagner eine Großsiedlung mit rund 2000 Wohnungen, darunter 679 Einfamilienhäuser. Den Mittelpunkt bildet ein Gebäudekomplex in Hufeisenform, drumherum zwei- und dreigeschossige Zeilenbauten.

Wie es sich früher in der Hufeisensiedlung gelebt hat, lässt sich heute in einem kleinen Einfamilienhaus nachempfinden, das die Garten- und Landschaftsarchitektin Katrin Lesser, Urenkelin des Gartenarchitekten Ludwig Lesser, und ihr Mann Ben Buschfeld in Anlehnung an das historische Vorbild saniert und eingerichtet haben. „Tautes Heim“ lautet der Name, in augenzwinkernder Anspielung auf den großen Modernisten. Das Besondere daran: Das Haus ist anzumieten. Wer will, kann also ein paar Tage und Nächte im Weltkulturerbe verbringen.

Über eine Holztreppe mit grau lackierten Stufen geht es ins erste Obergeschoss. Dort steht ein Klappbett im großen Schlafzimmer. „Das Klappbett haben wir auf einem Foto in einer alten Zeitschrift gesehen und leicht abgewandelt neu entworfen und nachbauen lassen“, sagt Katrin Lesser. „Das ist sehr praktisch, weil die Wohnungen ja auch damals nicht viel Platz hatten.“ Ben Buschfeld ergänzt: „Viele Möbel aus den 20er- und 30er-Jahren haben irgendwelche Klappmechanismen integriert“, kluge Details, die Mehrfachnutzungen erlauben.

Lesser und Buschfeld betreiben nicht nur das anzumietende Museum, sie leben auch selbst in der Hufeisensiedlung. „Wir wohnen fast 25 Jahre hier – und das sehr gerne“, sagt Buschfeld. „Die Hufeisensiedlung vereint die Qualitäten von Stadt und Dorf. Wir haben eine sehr enge Nachbarschaft, viel Grün, Häuser mit Gärten, sind aber trotzdem in 20 oder 25 Minuten am Alex oder an der Friedrichstraße.“

Die Ringsiedlung Siemensstadt wurde von 1929 bis 1934 errichtet, sie liegt in den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf und Spandau. Die Info-Station bietet Führungen an.
CC-BY 4.0
Die Ringsiedlung Siemensstadt wurde von 1929 bis 1934 errichtet, sie liegt in den Bezirken Charlottenburg-Wilmersdorf und Spandau. Die Info-Station bietet Führungen an.

Die einst städtische Gehag, die die Hufeisensiedlung errichten ließ, gehört heute zur Deutsche Wohnen. Mit der Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg, der Weißen Stadt in Reinickendorf und der Ringsiedlung Siemensstadt besitzt das Unternehmen vier der sechs Siedlungen der Moderne. Die Tuschkastensiedlung in Bohnsdorf und die Siedlung Schillerpark in Wedding sind im Besitz der Berliner Bau- und Wohnungsgenossenschaft von 1892, die zur ersten Generation von Wohnungsbaugenossenschaften in Deutschland gehört.

Die Ringsiedlung Siemensstadt mit 1370 Wohnungen wurde von 1929 bis 1934 nach Entwürfen von sechs Architekten – darunter Walter Gropius und Hans Scharoun – errichtet. Die Bezeichnung Ringsiedlung erhielt das Projekt, weil vier der Architekten Mitglieder der Architektengemeinschaft „Der Ring“ waren.

Thomas Krüger betreibt eine Info-Station in der Ringsiedlung und lädt regelmäßig zu Führungen durchs Weltkulturerbe. Er sagt, im Vergleich mit der Hufeisensiedlung und der Gartenstadt Falkenberg seien die Siemensstadt, die Weiße Stadt, die Siedlung Schillerpark und die Wohnstadt Carl Legien „richtig großstädtisch“. In diesen vier Siedlungen dominierten „große Zeilenbauten mit ruhigen Straßen, öffentlichen Grünflächen und Spazierwegen“ das Bild.

Die Ringsiedlung sei praktisch in einem Stück errichtet worden, sagt Krüger bei einem Rundgang, nur zwei Häuserzeilen seien nach der Machtübernahme der Nazis entstanden. Die lehnten die Ideen des Neuen Bauens und des Bauhauses ab. „Das ist ein Grund, warum sie die Planung regelrecht zusammengestutzt haben“, erklärt Krüger. „So wurden im Unterschied zu den vorher errichteten Häusern bei den nach 1933 errichteten Gebäuden die Balkone weggelassen.“

Die Wohnungen bieten auf kleinster Fläche viel Platz zum Leben.

Thomas Krüger, Info-Station Ringsiedlung Siemensstadt

Zu den markantesten Häusern gehören die Zeilenbauten Hugo Härings. Er hat kleine Balkone mit abgerundetem, tropfenähnlichem Grundriss entworfen. „Die Idee von Hugo Häring war, die Balkone so zu gestalten, dass sie möglichst wenig Schatten werfen“, sagt Krüger. „Deswegen haben sie die abgerundete Form.“ Trotzdem passten ein Tisch mit drei Stühlen, eine Liege und noch ein kleinerer Tisch darauf.

Bei den von Häring gestalteten Zeilenbauten sollten ganz oben Atelierwohnungen entstehen, Wohnungen mit Dachterrassen. Daraus wurde aber nichts. Im Dachgeschoss sind keine Wohnungen entstanden, sondern Trockenräume. Krüger erinnert an die Weltwirtschaftskrise Ende der 1920er-Jahre. „Deswegen haben die Planer die Häuser enger zusammengerückt, haben dichter gebaut und wahrscheinlich gesagt: Wir machen oben gar nichts.“

Das Besondere sind auch in der Siemensstadt die ausgetüftelten Grundrisse. „Die Wohnungen bieten auf kleinster Fläche viel Platz zum Leben“, sagt Krüger. „Auf etwa 60 Quadratmetern finden sich Küche, Bad und drei Zimmer.“ Die Küche bilde dabei mit dem Balkon und dem Wohnzimmer eine Einheit mit einem Rundweg. Im hinteren Bereich seien zwei Schlafräume und das Bad. „Das war die Revolution damals“, sagt Krüger. „Es war ein schöner Raumzusammenhang. Viele haben aber heute den Durchgang zwischen Küche und Wohnzimmer zugemacht – um mehr Stellfläche für Schränke zu bekommen.“

Zu den bekanntesten Architekten der Siemensstadt gehört Hans Scharoun. Er hat den trichterförmigen Haupteingang zur Siedlung entworfen, der aus zwei lang gestreckten Gebäuden besteht. Eines der Gebäude mit weißer Fassade wird wegen seiner Ähnlichkeit mit einem Schiff „Panzerkreuzer“ genannt. Auf der gegenüber liegenden Seite hat Scharoun viele Jahre selbst gelebt. „Seine Wohnung hat, wie die anderen auch, einen raumsparenden Grundriss: Scharoun hat den Essbereich direkt vor die Küche gelegt und mit dem Wohnraum verbunden“, sagt Krüger. „Dadurch wirken die Wohnungen unheimlich großzügig und hell.“

Die Wohnstadt Carl Legien aus den Jahren 1929/30 liegt im Bezirk Pankow. Gebaut wurde sie nach den Plänen der Architekten Bruno Taut und Franz Hillinger.
imago/Pop-Eye
Die Wohnstadt Carl Legien aus den Jahren 1929/30 liegt im Bezirk Pankow. Gebaut wurde sie nach den Plänen der Architekten Bruno Taut und Franz Hillinger.

Szenenwechsel. Wohnstadt Carl Legien in Prenzlauer Berg, benannt nach dem SPD-Politiker und Gewerkschafter, der 1920 den Generalstreik gegen den Kapp-Putsch auf die Beine stellte. Nach Plänen von Bruno Taut und Franz Hillinger entstanden hier von 1929 bis 1930 sechs Wohnblöcke mit 1149 Wohnungen. Die Blöcke gruppieren sich u-förmig um große Innenhöfe. Die Deutsche Wohnen hat eine ihrer Wohnung im Stil der Zwanzigerjahre eingerichtet, die für Führungen zur Verfügung steht. „Trotz der nach heutigen Maßstäben geringen Größe ist der Grundriss sehr praktisch und hat einen großen Balkon, der vom Wohnzimmer und von der Küche erreichbar ist“, sagt Thomas Krüger.

Auf engsten Raum haben manche Menschen noch lange nach dem Zweiten Weltkrieg in der Wohnstadt Carl Legien gelebt. Zu ihnen gehört Herta F., 83, die in einer Zweizimmerwohnung lebt. Im Jahr 1965 sei sie eingezogen, berichtet sie. Mit ihrem Mann und ihren drei Kindern – zwei Mädchen und einem Jungen – habe sie in der Wohnung gelebt. Anfangs hätten die Kinder in einem Zimmer geschlafen, sie und ihr Mann im anderen. Später sei der Balkon verglast worden und als weiterer Wohnraum hergerichtet worden – für den Jungen. Im Zuge der Sanierung und der Rekonstruktion der Wohnung nach historischem Vorbild sei die Verglasung des Balkons aber wieder entfernt worden. Und wie gefällt ihr die Wohnung heute? „Ich kann nicht klagen“, sagt sie, „es funktioniert alles.“

Waltraut Z., 80, lebt seit 38 Jahren in der Wohnstadt Carl Legien. Ihr Zuhause hat zwei Zimmer, Küche und Bad. „Die Wohnung ist richtig schön, hell und freundlich“, sagt sie. „Ich fühle mich wohl.“ Und die Miete? Beim Einzug habe sie 60 DDR-Mark gezahlt, mittlerweile seien es 575 Euro warm. Geändert hat sich nicht nur die Miete. In den ersten Jahren waren die Bewohner noch verpflichtet, das Treppenhaus selbst zu reinigen; alle vier bis sechs Wochen ist Waltraut Z. an der Reihe gewesen. Aber das ist lange vorbei. Putzen muss heute keiner mehr.

Manchmal kommen Leute mit Fotoapparat und fragen, ob das das Original-Café von Bruno Taut ist.

Riadh Gose, Café Eckstern

An der Erich-Weinert-Straße 101, Ecke Sodtkestraße, betreibt Riadh Gose, 54, das Café Eckstern. „Wir haben am 1. Mai 2014 aufgemacht“, erzählt er. „Früher war hier eine Aufbackstube. Ich habe einen Schreck bekommen, als ich die Räume damals gesehen habe“, sagt Gose. „Mir war es als Designer und Kunstdozent wichtig, etwas zu machen, das zu Bruno Taut und zum Weltkulturerbe passt.“

Zusammen mit seinem Freund, dem Designer und Künstler Stefan Schudlich, hat er die Räume umgebaut und innen ein Wandbild aufgetragen. Der Schriftzug an der Fassade wurde nach historischem Muster neu gestaltet. Die farbigen Stühle erinnern an die Farben von Türen und Fenstern in der Siedlung.

„Am Anfang war es schwer, Kunden zu finden, doch mittlerweile läuft es“, erzählt Riadh Gose. „Manchmal kommen Leute mit Fotoapparat und fragen, ob das das Original-Café von Bruno Taut ist. Da fühle ich mich natürlich geehrt.“

Für den Toilettenraum im Café habe er sogar ein historisches Handwaschbecken erworben, bei einem Sammler, für 20 Euro. „Wir sind dafür an einem Sonntag hin und zurück mehr als 1000 Kilometer gefahren.“ Die schönste Toilette, die er je gesehen habe, habe später ein Besucher gesagt. Aber das Becken hing nur drei bis vier Jahre, dann musste es abgebaut werden. Gose: „Das Hygieneamt verlangte ein Waschbecken mit Mischbatterie.“


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