Dass im Mai 1945 hier kein Stein mehr auf dem anderen saß, ist bloß eine kleine Übertreibung. Einzelne Backsteine hafteten schon noch zusammen in der Großen Frankfurter Straße und der Frankfurter Chaussee, die vom Alexanderplatz nach Osten führten. Bewohnbar allerdings war seit den Bombenangriffen vom Februar 1945 kaum noch ein Haus. Mehr als 38 Millionen Steine fanden wenige Jahre später wieder Verwendung, von Berlinerinnen und Berlinern von Mörtel und Ziegelbruch befreit. Sie folgten dem Aufruf des Zentralkomitees der SED aus dem November 1951 „Für den Aufbau Berlins!“. Dort, wo zuvor Massenmietshäuser mit Hinterhöfen standen, sollte nun wirklich fürs Volk gebaut werden. Das war politischer Anspruch. Und politisch brisant.

Der Straße, die im Dezember 1949, als Ost-Berlin schon Hauptstadt der DDR war, den Namen Stalinallee erhielt und 1961 in Karl-Marx- und Frankfurter Allee umbenannt wurde, kam schon wegen ihrer Ausmaße von knapp 2,4 Kilometern Länge und rund 100 Metern Breite historische Bedeutung zu. Zur Grundsteinlegung der Prachtbauten Anfang Februar 1952 sagte Ministerpräsident Otto Grotewohl: „Hier werden die besten Arbeiter Berlins einziehen, sie werden am besten wohnen.“

Das erste Gebäude im neuen Stil war das Hochhaus an der Weberwiese, es wurde am 1. Mai 1952 übergeben. 90 Pfennig pro Quadratmeter Wohnfläche betrug die Miete. Die, die einzogen, waren tatsächlich fast alle Arbeiter. Entworfen hatte den Bau der Architekt Hermann Henselmann, den man gern mit der Karl-Marx-Allee insgesamt verbindet, doch er war überdies nur für die kastenartigen Turmbauten am Strausberger Platz und die kuppelgeschmückten Türme des Frankfurter Tors verantwortlich. Erwünscht war eine Orientierung am Neuen Bauen in der Sowjetunion unter Einbeziehung lokaler Bautraditionen. Wer sich darüber erheben wollte, sprach vom Zuckerbäckerstil, seriös heißt das Sozialistischer Klassizismus – wegen der Anleihen beim für das alte Berlin prägenden Architekten Karl Friedrich Schinkel.

Berliner Verlag/Coverfoto: Yva
So wohnte Berlin

Es ist ein Urbedürfnis des Menschen: ein Dach über dem Kopf. Darunter findet sich Geborgenheit aber nicht von allein. „Ein Haus wird gebaut, aber ein Zuhause wird geformt“, wie das Sprichwort besagt. Ein Zuhause in Berlin war schon immer in vielerlei Hinsicht besonders.

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Aus einem Gestaltungs-Wettbewerb waren fünf Architektenkollektive als Sieger hervorgegangen. Zur Abstimmung gingen sie im Sportzentrum Kienbaum östlich der Stadt in Klausur. Zwölf ein- bis dreihundert Meter lange Wohnblocks, sieben bis neun Stockwerke hoch, mit mehr als 2200 Wohnungen wurden geplant, mit Bädern, Fernheizung und Aufzügen. Als Sonderbeauftragter für die Projektierung fungierte ab Januar 1952 Richard Paulick. Während die ersten Häuser in die Höhe wuchsen, zeichneten die Architekten schon an den nächsten. Alles musste schnell gehen.

CC-BY-SA 3.0/Bundesarchiv/Hans-Günter Quaschinsky
Szene aus dem Defa-Kulturfilm „Die neue Wohnung“: Der Architekt und Nationalpreisträger Richard Paulick (Mitte) erklärt 1953 den Aufbau der Wohnblöcke.

Richard Paulick, zu Beginn seiner Karriere Assistent von Walter Gropius am Bauhaus, war als Mitglied der Sozialistischen Arbeiterpartei (SAP) 1933 nach Schanghai emigriert, wo er im eigenen Studio arbeitete. Er wurde wesentlich für das Gesicht der Allee verantwortlich, entwarf auch die Laternen entlang der Straße und baute danach in noch größerem Stil: industriell, in Hoyerswerda und Halle-Neustadt.

Gemma Paulick, seine dritte Ehefrau, war für die Innenarchitektur zuständig. In einem Dokumentarfilm von 1991 sagt sie rückblickend: „Diese Straße sollte ein Fundament legen für die Zukunft der Menschen, die hier leben sollen. Die waren durchaus mit dem Stil einverstanden. Weil es etwas ganz anderes war, etwas ganz Neues, wenn es auch nicht modern war in dem Sinne.“ Als sie zwei Jahre später starb, zog die Enkelin, die Schauspielerin und Fotografin Natascha Paulick in das Penthouse der Familie auf dem Wohnblock C.

Achim Bahr lobt diese Wohnung, während er auf andere, nach 1990 aufgesetzte Penthouses in der Allee nicht gut zu sprechen ist. Der Designer zitiert Paulicks Enkelin, die über die Allee gesagt hat: Außen Klassizismus, innen Bauhaus. Das träfe auf den funktionalen Schnitt der Wohnungen und die vielen praktischen Details zu. Bahr stammt aus Köln und nennt sich, mit einem Lächeln in der Stimme, „Wahl-Ossi“. Er gehört zu den besten Kennern der Gegend, weil er aus seiner Privatsache, dem Wohnen, eine gesellschaftliche Angelegenheit gemacht hat: 2018 gründete er den Verein Stalinbauten e.V., um reagieren zu können, wenn wieder Frevel am Denkmalschutz begangen würde. Dieser Schutz gilt eigentlich seit 1989, doch es seien danach einige Regeln umgangen worden.

Es war die letzte Allee, die in Europa gebaut wurde.

Achim Bahr, Stalinbauten e.V.

Das Wort Arbeiterpaläste für die Bauten findet Bahr nicht falsch. „Für die damalige Zeit waren die Wohnungen luxuriös, palastartig, auch wenn sie nur zwischen ein und drei Zimmer umfassten“, sagt er. Und: „Es war die letzte Allee, die in Europa gebaut wurde.“ Zum Tag des offenen Denkmals bietet er öffentliche Führungen an, man kann sie aber auch direkt bei ihm buchen. Einen guten Einstieg ins Thema bietet auch die auffallend schön gestaltete Website Stalinbauten.de.

In dem 2021 erschienenen Buch „Mein Stalinbau“ von Michaela Nowotnick und Thorsten Klapsch gehört Achim Bahr ein Kapitel. Die Autoren sind selbst Mieter, sie lernten einige ihrer Mitbewohner bei den Versammlungen kennen, als es darum ging, sich gegen Mietwucher und Verdrängung zu solidarisieren. Manche ihrer Gesprächspartner legten ihnen noch die Aufbaukarten und Urkunden vor, in denen ihr Einsatz von einst verzeichnet ist.

Im Jahr 1952 leisteten 45.000 Freiwillige vier Millionen Arbeitsstunden für die Bebauung der Allee. Aber das reichte nicht. Die SED-Führung verfügte im Mai 1953 für die ganze DDR eine Erhöhung der Arbeitsnormen um 10,3 Prozent, während die Löhne gleich blieben. Das traf auch die Brigaden der Stalinallee. Gerüchte von einem Streik und einer Demonstration machten die Runde, Bauarbeiter stritten miteinander, neue Fenster gingen zu Bruch.

17. Juni 1953: Agitation gegen Demonstration auf der Stalinallee

Wolfgang Grabowski war 15 Jahre alt und Mitglied der FDJ, als er am 16. Juni 1953 im Friedrichstadt-Palast saß. Es war eine außerordentliche Tagung des Berliner Parteiaktivs der SED. Von der Unruhe auf den Straßen wurde nicht gesprochen, nachdem aber noch am Morgen in der Gewerkschafts-Tageszeitung Tribüne die Normerhöhungen für richtig erklärt worden waren, räumte Walter Ulbricht abends ein, dass es falsch gewesen sei, sie administrativ zu verfügen. Als Parole für den nächsten Tag gab er aus: „Morgen tiefer in die Massen!“, Agitation gegen Demonstration.

Auch Wolfgang Grabowski war im Einsatz, zusammen mit etwa hundert Mitschülern. Im FDJ-Blauhemd sprach er zur Belegschaft einer Fabrik in der Neuen Bahnhofstraße am Ostkreuz, der Knorr-Bremse. „Was sollte ich denen schon sagen?“, erinnert er sich. „Ich habe einfach von mir erzählt, dass ich als Arbeiterjunge auf die Oberschule durfte und studieren will, was mir der Staat ermöglicht. Die Leute waren friedlich.“ Er wohnte im Kiez, in der Kopernikusstraße, mit Mutter, Oma und zwei Schwestern in anderthalb Zimmern. Der Vater war nicht aus dem Krieg zurückgekommen.

Der Aufstand vom 17. Juni 1953, in dessen Folge in Ost-Berlin und anderen Städten der DDR 55 Menschen starben, gehört zur Geschichte der Allee. In ihren Erinnerungen „Meine große Familie“ schreibt Irene Henselmann, wie sie an jenem Mittwoch am Strausberger Platz vom Dach aus die Demonstranten sah. Als anderntags Arbeiter Rat suchend zu ihrem Ehemann kamen, bat der seinen Freund Bertolt Brecht dazu.

imago/Schöning
Historisierende Fassaden schmücken den ersten Bauabschnitt im Rahmen des Nationalen Aufbauprogramms 1952 an der damaligen Stalinallee.

Irene Henselmann: „Brecht verhielt sich ganz still, registrierte jede Äußerung der jungen Leute und rief am nächsten Morgen an: Er bedanke sich für das Erlebnis und habe den Glauben an die Arbeiterklasse in dieser Zusammenkunft wiedergewonnen und ein Gedicht darauf gemacht; das erste seit Monaten.“

Bekannt wurde das Gedicht erst später: „Nach dem Aufstand des 17. Juni/ Ließ der Sekretär des Schriftstellerverbands/ In der Stalinallee Flugblätter verteilen/ Auf denen zu lesen war, daß das Volk/ Das Vertrauen der Regierung verscherzt habe/ Und es nur durch verdoppelte Arbeit/ Zurückerobern könne. Wäre es da/ Nicht doch einfacher, die Regierung/ Löste das Volk auf und/ Wählte ein anderes?“

Auf dem Platz vor dem einstigen Haus der Ministerien, dem heutigen Bundesfinanzministerium, befindet sich ein Denkmal für die Demonstranten. In der Allee selbst zitiert eine Tafel im Rosengarten einen Spruch von damals: „Wir wollen freie Menschen sein.“

Drei Zimmer, Küche, Bad für 85 Mark

Auf die Frage nach seinen Lieblingsorten nennt Wolfgang Grabowski den Rosengarten und die Weberwiese. Er wohnt seit 1954 in der Allee. Zur Zeit des Umzugs war er eigentlich schon nicht mehr in Berlin, sondern bereitete sich an der Arbeiter-und-Bauern-Fakultät in Halle aufs Auslandsstudium vor. Die Wohnungszuweisung galt seiner älteren Schwester, Christel; die hat im Glühlampenwerk Narva gearbeitet.

„Das können wir uns doch gar nicht leisten, dachten wir erst“, sagt Grabowski. „In der Kopernikus haben wir 22 Mark bezahlt, hier waren es dann 85“ – für drei Zimmer. Ein Badezimmer hatten sie vorher nicht, auch Fernwärme, Fahrstuhl und Müllschlucker waren für sie neu. Das Dach des flachen Gebäudes zwischen seinem und dem nächsten Haus, wo die Staatliche Versicherung der DDR ihre Büros hatte, nutzten sie und die Mieter von gegenüber als Balkon.

„Wir haben dort die Wäsche aufgehängt, Feste gefeiert. Seit Anfang der Neunziger geht das nicht mehr.“ Auch der Zugang zum Dach, das jahrelang alle Nachbarn genutzt hatten, ist inzwischen verschlossen. „Oben wurden italienische Nächte veranstaltet, mit Musik und Tanz“, erzählt Grabowski. „Ein Koch von der Mitropa wohnte hier, der hat Grillgerätschaften mit hochgebracht.“ Er selbst ist welterfahren, arbeitete im diplomatischen Dienst der DDR, war Botschafter in Syrien und zuletzt in Indien. Die Wohnung blieb der Familie als Anker, auch als sie im Ausland war.

imago/frontalvision.com
Heiß begehrt. Dieses freudestrahlende junge Paar nimmt bei seinem Einzug in den Wohnblock C an der Stalinallee 1953 die Küche in Augenschein.

Von den begehbaren Dächern erzählen viele langjährige Bewohner. Heute sind fast alle nicht mehr zugänglich. Anderes verschwand noch früher. Die 1951 in Rekordbauzeit errichtete Deutsche Sporthalle musste 1972 wegen Einsturzgefahr abgerissen werden. Und das bronzene Stalin-Denkmal, ganze 4,80 Meter hoch, wurde eines Nachts 1961 mit einer Planierraupe umgestoßen und zerkleinert. In den Neunzigerjahren wurden die Stalinbauten, deren Keramikkacheln reihenweise von der Fassade fielen, saniert, außen und auch innen.

Da hatte die Phase der Mieterhöhungen, Eigentümer- und Verwalterwechsel schon begonnen. Wolfgang Grabowski engagierte sich im Mieterrat, sprach Leute an, dass sie sich nicht alles gefallen lassen dürften. Zeitweise lebten sie zu fünft und zu sechst in der Dreizimmerwohnung, jetzt sind nur er und seine Frau übrig geblieben. Sie braucht Hilfe, das Badezimmer muss rollstuhlgerecht werden.

Der Quadratmeter kostet im Schnitt 5000 Euro

Wer heute eine Wohnung an der Karl-Marx-Allee mieten möchte, muss tief in die Tasche greifen. Zwei Beispiele aus dem April 2022: Für eine Drei-Zimmer-Wohnung mit 135 Quadratmetern und Terrasse werden 2490 Euro Miete gefordert, für möblierte vier Zimmer auf 100 Quadratmetern sind 3800 Euro fällig (Mindestmietdauer: zwei Monate). Hoch sind auch die Kaufpreise: Eine noch vermietete Zwei-Zimmer-Wohnung, 61 Quadratmeter groß, wird für 320.000 Euro angeboten. Laut ImmoScout24 ist der durchschnittliche Kaufpreis pro Quadratmeter vom ersten Quartal 2021 auf 2022 um zwölf Prozent gestiegen – auf 5000 Euro.

Nicht weit von Wolfgang Grabowskis Wohnung empfängt das Antiquariats-Café Tasso mit alten Möbeln und sozialem Gewissen. Weiter nach Westen gibt es immer noch das Café Sibylle, wo eine kleine Ausstellung von der Bebauung der Stalinallee erzählt; sogar ein Ohr vom gestürzten Denkmal des Diktators ist hier aufbewahrt. Am ehemaligen Briefmarken-Laden prangen noch die alten Buchstaben, aber drinnen gibt es nun Wein. Unter dem Schreibschrift-Wort „Fleischwaren“ nahe dem U-Bahnhof Weberwiese hingegen kann man noch heute Fleisch und Wurst kaufen.

CC-BY 4.0/Ruslan Taran
Vom Frankfurter Tor, vorne im Foto, bis zum Strausberger Platz erstrecken sich die Stalinbauten. Der Turmaufsatz links ist übrigens bewohnt.

Die Wohnblöcke am Prachtboulevard Karl-Marx-Allee ähneln sich, der Ensemble-Charakter der Gebäude ist offensichtlich. Und doch unterscheiden sich die Säulen und Kapitelle, die Umrandungen der Fenster, Rosetten und andere Muster an den Fassaden bis hoch oben. Die gemauerten wie die schmiedeeisernen Geländer variieren, ebenso die Skulpturen vor manchen Eingängen und vor allem: die Reliefbilder. Sie erzählen Geschichten von Menschen, denen es gut geht. Ein Mann in Arbeitsanzug liest Zeitung, eine Frau liegt mit aufgestütztem Arm neben einem Ball. Oder: Zwei Männer hantieren mit Werkzeug an einem Heizkörper, ein Mann und eine Frau stehen neben einem Berg von Ziegeln. Und: Mutter, Vater, Kind spazieren Hand in Hand.

An einem langen Fries mit vielen Figuren gehen Arbeitsschritte ineinander über, am Ende tanzen die Menschen. Der Architekt Hermann Henselmann schrieb 1954: „Wir wollen die Benutzer unserer Wohnhäuser nicht klein machen, sondern groß machen.“

Dennoch lassen die schiere Breite und Länge der Karl-Marx- und der westlichen Frankfurter Allee, der mehrspurige Strom der Autos, die vielen leeren Ladenflächen den einzelnen Menschen unscheinbar wirken. Immerhin ist nach Verkäufen an Privatleute und der Übernahme eines großen Teils der Wohnungen durch die kommunale Gewobag in der Mietendebatte Ruhe eingekehrt. Und es gibt sogar gute Aussichten: Gemeinsam mit dem Hansaviertel hat die Stadt Berlin die Karl-Marx-Allee als deutschen Beitrag zum Unesco-Welterbe vorgeschlagen.


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