BERLIN. Der Berliner Hauptbahnhof ist gestern Nachmittag wegen einer Sturmwarnung schon wieder für Stunden geräumt worden. 1 500 Reisende und Beschäftigte mussten binnen Minuten das Gebäude verlassen. Die vielfach verärgerten Fahrgäste wurden von der Bahn gebeten, an den Stationen Südkreuz, Spandau und Gesundbrunnen in ihre Züge zu steigen. Nur im geschützten unteren Teil des Bahnhofs lief der Verkehr in Nord-Süd-Richtung weiter. Hier konnten die Fahrgäste jedoch nur aussteigen.Bahnsprecher Burkhard Ahlert sagte, der obere Teil des Bahnhofs bleibe geschlossen, solange die Meteorologen Sturm der Stärke neun und mehr vorhersagen. Gegen 20 Uhr waren die Böen abgeflaut und der Bahnhof öffnete wieder.Die Sperrung war nach Angaben der Bahn eine Sicherheitsmaßnahme nach dem Absturz eines Stahlträgers von der Südwestfassade des Bahnhofs während des Sturms "Kyrill" in der Nacht zum Freitag. Der tonnenschwere Träger hatte sich in 40 Meter Höhe aus der Verankerung gelöst und war auf eine Steintreppe neben dem Haupteingang gefallen. Verletzt wurde niemand.Die Bahn begann am Wochenende mit Sicherungsmaßnahmen an den rund 100 baugleichen Stahlträgern in der Bahnhofsfassade. Die Arbeiten werden etwa eine Woche dauern. Die Träger werden laut Bahn durch kleine Bleche gesichert. Sie werden oberhalb der Träger angeschweißt und sollen verhindern, dass die Stahlträger aus der Halterung gehoben werden. Die Träger selbst waren nur eingelegt worden. Sie hätten sich der Planung zufolge mit ihrem Gewicht in der Verankerung halten sollen. Warum der Stahlträger abstürzen konnte, stellt die Experten vor ein Rätsel. Im Rahmen eines Beweissicherungsverfahrens untersuche ein gerichtlich bestellter Gutachter die Ursache, teilte die Bahn mit.Die Suche nach den Verantwortlichen für das Desaster lief am Wochenende auf Hochtouren. Die Bahn wies Behauptungen zurück, wonach es vor Eröffnung des Bahnhofs Zweifel an der Sicherheit der Konstruktion gegeben habe. Die Bahn habe ein Bauwerk übernommen, "bei dem sie davon ausgehen musste, dass es nach allen Regeln der Technik geplant, genehmigt, gebaut und abgenommen wurde".Zuständig für die Bauabnahme des Bahnhofs waren die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und das Eisenbahnbundesamt. Während die Stadtentwicklungsverwaltung für die Abnahme der Bahnhofsüberbauung verantwortlich zeichnete, oblag dem Eisenbahnbundesamt die Abnahme des Bahnhofs mit seinen Verkehrsanlagen. Beide Behörden hatten jeweils ein- und denselben Prüfstatiker mit der Abnahme beauftragt. Diese erfolgte parallel zum Bau in vielen einzelnen Schritten. "Jede Schweißnaht wurde dabei per Ultraschall untersucht", so ein Bahnmitarbeiter. Der Prüfstatiker stand für ein Gespräch bisher nicht zur Verfügung. Petra Rohland, Sprecherin der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, sagte gestern, die Behörde wäre nur tätig geworden, wenn der Prüfstatiker etwas beanstandet hätte.Architekt Meinhard von Gerkan sagte, er sei erschüttert über die Sturmschäden. "Der Vorfall hat mir schlaflose Nächte bereitet." Von Gerkan sieht sich aber nicht verantwortlich. Bereits kurz nach dem Vorfall hatte er erklärt, es handele sich "entweder um einen Fehler der Statik, der Bauausführung oder der Bauüberwachung".Leitartikel Seite 4, Berlin Seite 17------------------------------"Das ist ein Unding, aber ich habe dafür noch keine schlüssige Erklärung."Architekt Meinhard von Gerkan------------------------------Foto : Verärgerte Kunden, gestresste Bahn-Mitarbeiter. Der Berliner Hauptbahnhof musste gestern schon wieder gesperrt werden. Nur im unterirdischen Teil des Bahnhofs hielten noch Züge. Ab 20 Uhr war die Sperrung wieder aufgehoben.