BAHNKRISE - Sommerwärme trifft auf labile Technik: Reihenweise machen die Klimaanlagen in den Zügen schlapp. Und in Berlin versagt mal wieder die Technik der S-Bahn.: Immer weniger Züge im Einsatz

BERLIN. Die Lage bei der S-Bahn ließ sich gestern in einem Satz zusammenfassen. "Es geht weiter bergab", sagte Elke Krokowski, die Sprecherin des Verkehrsverbunds Berlin-Brandenburg (VBB). Sie berichtete, dass die Zahl der Züge, die noch funktionieren, aufgrund der Hitzewelle erneut gesunken ist. Morgens waren nur 780 Wagen unterwegs, um Fahrgäste zu befördern - sechs weniger als am Freitag, 52 weniger als versprochen. Für den vom Senat geforderten Normalbetrieb wären gar 1 124 Wagen nötig.Für die Fahrgäste bedeutete dies, dass sie auf den Linien S 3 und S 5 weiterhin in volleren Zügen schwitzen mussten. Pro Fahrt waren statt acht lediglich sechs Wagen im Einsatz. Hinzu kam, dass die S-Bahn in Oranienburg und an anderen Endstationen die Wendezeit ihrer Züge stark verkürzte. "Verspätungen können nicht mehr ausgeglichen werden", sagte VBB-Chef Hans-Werner Franz. "Ein echter Rückschritt. Die S-Bahn enttäuscht die Fahrgäste."Vieles sprach gestern dafür, dass diese Enttäuschung andauern wird, solange es heiß bleibt. Es könne "noch keine Entwarnung" gegeben werden, bedauerte ein Bahnsprecher. Hier handele es sich um ein grundsätzliches Konstruktionsproblem, das sich nicht beheben lasse."Das Gehirn des Zuges fällt aus"Es geht um die Züge der Baureihe 481, die den Großteil der Flotte bilden. "Die Dinger sind der Hitze nicht gewachsen", bestätigte ein S-Bahner. So seien die Kompressoren anders als in anderen Zügen in engen Containern eingekapselt. Darin kann es bei hohen Außentemperaturen so heiß werden, dass die Verdichter ausfallen - damit gibt es für Bremsen und Türen keine Druckluft mehr. Die Lüftung des Fahrgastraums mache ebenfalls allzu leicht schlapp. Doch das größte Problem seien die sensiblen Klimaanlagen in den Führerständen. Sie sind nicht vorrangig dazu da, dass das Fahrpersonal einen kühlen Kopf bewahrt, sondern sollen die Leitelektronik schützen, die in der Rückwand der Kabine steckt. "Wird es zu heiß, fällt das Gehirn des Zuges aus", erklärte der S-Bahner."Es ist nicht ungewöhnlich, dass es im Sommer wärmer wird. Darauf hätte sich die S-Bahn einstellen müssen, etwa mit größeren Wagenreserven", sagte Franz. Doch selbst wenn mehr Züge einsatzfähig wären, würde es am Fahrpersonal fehlen. Zwar stellt die S-Bahn wieder neue Lokführer ein, doch viele seien noch in der Ausbildung. Eine weitere Rationalisierungsmaßnahme verschärfe das Problem, sagte Christfried Tschepe vom Fahrgastverband IGEB: Weil auf vielen S-Bahnhöfen die Zugabfertiger eingespart worden sind, muss das Fahrpersonal dort selbst das Signal geben und dafür die Führerstandstür öffnen. "Dabei dringt heiße Luft in die Kabinen und heizt sie auf", so Tschepe. Die S-Bahn widersprach: Die Zahl der Ausfälle sei durch die Selbstabfertigung nicht gestiegen. Doch es sei richtig: "Die Klimaanlagen sind zu gering dimensioniert."------------------------------Foto: Viele Fahrgäste, wenige Züge: Das S-Bahn-Chaos währt schon ein Jahr.