Normalerweise bedeuten steigende Zahlen gute Nachrichten. Doch in diesem Fall ist es anders, zumindest für die Berliner Taxibranche. Die Zahl der Taxikonzessionen steigt und steigt - damit nimmt auch die Konkurrenz zu. Am 31. Juli waren in Berlin 6 958 Taxis unterwegs, teilte das Landesamt für Bürger- und Ordnungsangelegenheiten (Labo) gestern mit. So viele Taxis gab es in Berlin seit den frühen 90er-Jahren nicht mehr. "Noch in diesem Jahr werden wir die 7 000 überschreiten", sagte Bernd Dörendahl von der Innung des Berliner Taxigewerbes. "Die Gefahr besteht", pflichtete Detlev Freutel vom Taxi Verband Berlin Brandenburg bei.Es mutet paradox an: Immer mehr Taxis kurven durch Berlin, obwohl es dabei meist nicht viel zu verdienen gibt. Ende 2004 waren 6 468 Konzessionen vergeben. Zwei Jahre später waren es 6 633, am Ende des vergangenen Jahres 6 820, meldete das Landesamt.Einfacher EinstiegTaxifahren sei für Ausländer ein relativ einfacher Einstieg ins deutsche Berufsleben, erklären Branchenkenner. Weil die Fluktuation groß sei, würden stets Chauffeure gesucht. Bernd Dörendahl gab eine zweite Erklärung: "Eine einfache Form, Arbeitslose aus der Statistik herauszubekommen, ist es, sie auf die Taxibranche hinzuweisen." Um Anreize zu geben, es als Fahrer oder gar als Unternehmer zu versuchen, übernähmen manche Agenturen für Arbeit sogar die Prüfungsgebühren. Dass der Verdienst meist mau ist, entdecken die Ex-Arbeitslosen später.Die dritte Erklärung geben Insider nur hinter vorgehaltener Hand, weil es sich hier ihrer Einschätzung nach um illegale Vorgänge handelt: Auch Verpachtungen treiben die Konzessionszahl in die Höhe. Dies bietet sich für Interessenten an, die wenig Chancen haben, legal Taxi-Unternehmer zu werden - weil sie die Sach- und Fachkundeprüfung bei der Industrie- und Handelskammer mangels deutscher Sprachkenntnisse nicht bestehen würden. Sie kaufen sich ein Taxi, übergeben es einem Unternehmer, der seinen Betrieb in die Papiere eintragen lässt und eine Konzession besorgt. Von dem Fahrer, der auf eigene Rechnung schwarz arbeitet, erhält der Unternehmer Geld - meist 500 Euro im Monat. So entstehen Anreize, weitere Konzessionen zu beantragen, und die Schwarzarbeit floriert.In Berlin ist es relativ problemlos möglich, Taxikonzessionen zu erhalten und zu verlängern, sagen Insider. In der zuständigen Labo-Abteilung wurden mehrere Stellen weggespart. Gab es für die meisten Namens-Anfangsbuchstaben früher je einen Mitarbeiter, seien heute für alle Antragsteller vier Beschäftigte tätig - die noch andere Aufgaben haben. Anträge könnten nicht so intensiv geprüft werden, wie dies wünschenswert wäre. "Das gilt auch für Erweiterungsanträge von Firmen, die im Verdacht der Schwarzarbeit und Taxameter-Manipulierung, also der Umsatzunterdrückung, stehen", so ein Insider. "Da bewegt man sich nahe an der Strafvereitelung im Amt."Ein Vorwurf, den Labo-Direktor Dietmar Wisotzky energisch zurückweist. Wenn Konzessionen erneuert werden sollen, werden die Anträge genau geprüft, sagte er. In Hamburg geht es aber noch genauer zu, heißt es in der Branche. Dort wurde die Verwaltung so umorganisiert, dass es nun möglich ist, intensiv die Zuverlässigkeit jedes Antragstellers zu untersuchen. Er hat mit Schichtzetteln oder Kassenbüchern seine Umsätze nachzuweisen. Wer zum Beispiel 13 000 Euro Jahresumsatz angibt, macht sich verdächtig, weil niemand davon leben könne.Sind die Angaben unplausibel, forscht die Behörde nach, auch beim Finanzamt. Folge: 2007 wurden 101 Konzessionen nicht verlängert, zehn Unternehmen mit 54 Taxen wurde die Genehmigung entzogen - die Zahl der Taxis sinkt.Das Hamburger Modell wünschen sich Innung und Verband auch für Berlin. "Mit der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung gibt es Gespräche, wie man die Prüfungen intensivieren könnte", sagte Wisotzky. Für den Datenaustausch mit Zoll- und Finanzbehörden müsste aber noch die Rechtsgrundlage geschaffen werden. Das neue Konzept würde der Landeskasse viel Geld von den schwarzen Schafen einbringen, aber viel weniger kosten, sagte der Innungschef Dörendahl. Im Labo würden dafür nur sechs, maximal acht zusätzliche Mitarbeiter gebraucht.------------------------------Tariferhöhungen überflüssigDie Konkurrenz auf dem Berliner Taximarkt nimmt zu. Zwar sinkt die Zahl der Taxi-Unternehmen: Ende Juli waren es 3 164, vier Jahren zuvor noch 3 345. Doch die Zahl der Konzessionen steigt. Vor einem Jahr waren es 6 702 - heute sind es 3,8 Prozent mehr.Rund 5 500 Taxis wären ausreichend, heißt es bei den Taxiverbänden. "Wenn wir diese Zahl erreichen würden, könnten wir auf Tariferhöhungen vorerst verzichten", sagt Bernd Dörendahl von der Taxi-Innung. Doch ein Konzessionsstopp würde vor Gericht scheitern. In Hamburg ist die Zahl der Taxis von mehr als 4 000 im Jahr 2000 auf unter 3 500 gesunken. Dort prüft die Behörde für Stadtentwicklung und Umwelt Konzessionsanträge intensiver als früher. Dabei steht die Frage, ob der Antragsteller zuverlässig ist, im Zentrum.