Paul Merker ist kein stromlinienförmiger Mitläufer. Kritische Worte sind für den in Radebeul geboren Kommunisten kein Tabu, trotz seiner Mitglied-schaft im SED-Politbüro. Und vor allem setzt er sich für die Juden ein. Für einen Antifaschisten, der während der NS-Zeit in einem französischen Internierungslager gesessen hat, sollte das nach Auschwitz selbstverständlich sein. Beinah jedoch hätte er diesen Einsatz mit seinem Leben bezahlt. Am 24. August 1950 wird Paul Merker zunächst als "Werkzeug des Klassenfeindes" aus Politbüro und SED ausgeschlossen, später dann als "Zionist" diffamiert, der nur im Interesse "jüdischer Finanzkapitalisten" handele. In Verhören verhöhnen Stasimitarbeiter Merker als "König der Juden". Merker ist in die Lawine stalinistischer Säuberung geraten, die den gesamten Ostblock erfasst hat. Sie richtet sich gegen sogenannte Abweichler und gegen Juden. Wie konnte es so kurz nach dem Holocaust dazu kommen?Im Jahr 1948 ist die wirtschaftliche Lage im Ostblock schlecht. Zwischen kommunistischer Verheißung und Realität liegen Welten. Kritik an Moskau wird laut. Vor allem in Jugoslawien, wo Josip Tito seinen eigenen Weg zum Sozialismus gehen will. Stalin reagiert auf dieses Bestreben mit brutaler Disziplinierung. Wer nur die geringste Kritik am eingeschlagenen Weg übt, wird als "Abweichler" oder "Titoist" verfolgt. In Schauprozessen sollen Sündenböcke abgeurteilt werden. Doch neben den Titoisten gerät noch eine andere Gruppe zunehmend ins Visier Stalins: Juden und Menschen, die sich für sie einsetzen. So wie Paul Merker.Während des Krieges ließ Stalin noch ein gewisses jüdisches Nationalgefühl zu und erlaubte die Gründung eines Jüdischen Antifaschistischen Komitees. Er brauchte die Juden, um gegen Hitlers vorrückende Wehrmacht zu bestehen. Einerseits sorgten sie mit ihren Kontakten zu den Glaubensbrüdern in den USA für die dringend benötigten Devisen, um Waffen kaufen zu können. Andererseits kämpfen etwa eine halbe Million Juden in der Roten Armee. Oft mit besonderer Tapferkeit, denn sie wissen, dass eine Niederlage gegen Deutschland ihr Untergang wäre.Nach dem Krieg setzt Stalin diese Politik scheinbar fort. Die Sowjetunion ist eines der ersten Länder, das Israel völkerrechtlich anerkennt und über die Tschechoslowakei Waffen für den Kampf gegen die Araber liefert. Doch mit seiner Unterstützung verfolgt Stalin nur ein Ziel. Er will Israel in den eigenen Machtblock integrieren. Der jüdische Staat allerdings wählt als Schutzmacht lieber die USA. Zudem verändert im Herbst 1948 ein Ereignis Stalins Haltung entscheidend: Golda Meir, die erste Botschafterin Israels in Moskau, wird bei ihrer Ankunft von 50000 russischen Juden begeistert empfangen. Bei Stalin schrillen nun die Alarmglocken. In der Sowjetunion soll bitteschön nur einem zugejubelt werden, ihm selbst. Nach den Jubelarien für Golda Meir steht für Stalin fest, dass die meisten Juden im Land sich nicht als Bürger der Sowjetunion verstehen. Also beginnt er eine landesweite Kampagne gegen die Juden im Land, auch wenn sie nicht rassistisch diffamiert werden wie im nationalsozialistischen Deutschland.Im Januar 1949 erscheint in der Prawda ein Artikel, der mit einer "antipatriotischen Gruppe von Theaterkritikern" abrechnet. Gemeint sind jüdische Intellektuelle, die als "wurzellose Kosmopoliten" und "gewissenlose Profitjäger" bezeichnet werden. Später wird neben den Kosmopoliten noch der "zionistische Verschwörer" gestellt. Auch wenn das Wort Jude nicht fällt, weiß in der Sowjetunion jeder, wer gemeint ist. Innerhalb kurzer Zeit werden alle jüdischen Schulen und Theater geschlossen, auf Jiddisch erscheinende Zeitungen verboten. Das Jüdische Antifaschistische Komitee wird aufgelöst, seine Führungsriege ermordet.Auch die DDR-Führung lässt inzwischen intensiv nach "Abweichlern" fahnden. Oberstes Instrument ist die Zentrale Parteikontrollkommission, vor der sich alle SED-Mitglieder verantworten müssen. Am 7. November 1949 schreibt ihr Vorsitzender Hermann Matern, dass insbesondere jüdischstämmige Mitglieder zu überprüfen seien, die im Krieg in andere Staaten als die Sowjetunion emigrierten. Das Ziel sei die Suche nach Mitgliedern "zionistischer und trotzkistisch-jüdischer Bewegungen". Dementsprechend sind auffallend viel Juden unter denjenigen die ihre Ämter verlieren. Dazu kommt Paul Merker, selbst kein Jude, aber mit vielen Juden seit seiner Zeit im mexikanischen Exil bekannt.Merker und anderen wird die Mitgliedschaft in einem Spionagering angedichtet. Ein dem Kommunismus zugeneigter Amerikaner ist dabei der Hauptbeschuldigte: Noel Field. Dabei hatte gerade er während des Krieges vielen Verfolgten des nazistischen Regimes zur Flucht nach Mexiko verholfen. Zahlreiche Kommunisten verdanken dem Mann ihr Leben. Nun ist Field plötzlich der "Organisator eines US-amerikanischen Verschwörerrings" und wird 1949 in Prag verhaftet.Jeder, der irgendwie Kontakt zu Noel Field hatte, ist verdächtig. Im November 1949 werden in Ungarn vier führende Mitglieder der KP wegen Kontakten zu Noel Field in einem Schauprozess zum Tode verurteilt und hingerichtet. Diesem Beispiel folgend, soll es auch in anderen kommunistischen Ländern Schauprozesse geben. In Ungarn werden die "Spione" noch wegen ihrer Arbeit für den Imperialismus angeklagt - doch in der Sowjetunion ist inzwischen die antijüdische Kampagne voll angelaufen. Deshalb weist Moskau seine Satellitenstaaten an, die Aufdeckung eines "zionistischen Komplotts" zu inszenieren.Im November 1952 findet in Prag der nächste Schauprozess statt. Angeklagt sind neben dem ehemaligen Führer der KP in der Tschechoslowakei, Rudolf Slansky, dreizehn weitere Kommunisten. Elf von ihnen sind Juden. Beschuldigt werden sie der abenteuerlichsten Verbrechen. Immer wieder wird auf die jüdische Abstammung der meisten Angeklagten verwiesen, werden sie der "zionistischen Wühltätigkeit und Spionage" bezichtigt. Das Absurde dabei ist, dass auch die Waffenlieferungen an Israel im Auftrage Stalins jetzt den Angeklagten zur Last gelegt werden. Was gestern noch im Sinne des Despoten war, kann am nächsten Tag bereits das Todesurteil bedeuten. Slansky und zehn weiter Angeklagte werden gehängt. Nach Folter und Prozess ist selbst Rudolf Slansky offenbar von seiner Schuld überzeugt. Bei seiner Hinrichtung soll er gesagt haben: "Danke! Ich bekomme, was ich verdient habe."Der stalinistische Säuberungswahn nimmt immer groteskere Züge an. So wird in Moskau ein Schauprozess gegen jüdische Ärzte geplant. Angeblich haben die "Verschwörer" vor, führende Kommunisten, ja sogar Stalin selbst zu ermorden. Sie sollen auf dem Roten Platz öffentlich erschossen werden. In der DDR enthob die Partei Paul Merker bisher nur seiner Ämter, er darf in Luckenwalde immerhin noch eine Gaststätte leiten. Doch infolge der Slansky-Prozesse wird er am 2. Dezember 1952 verhaftet. Immer wieder ist sein Name als angeblicher Mitverschwörer in Prag gefallen.Als "Lehren aus dem Prozess gegen das Verschwörerzentrum Slansky" wird ein Papier des ZK der SED veröffentlicht, in dem Merker als Hauptbeschuldigter einer zionistischen Verschwörung verunglimpft wird.Das Neue Deutschland unterstützt die Kampagne gegen ihn propagandistisch. Paul Merkers Einsatz für von den Nazis enteignete Juden und die Unterstützung Israels wird ihm nun zum Verhängnis. Es fallen Worte, die auch in Nazideutschland ihren Platz gefunden hätten. Von einer "Preisgabe und Verschiebung deutschen Volksvermögens" ist die Rede und davon, dass Merker ein Agent des "amerikanisch-jüdischen Großkapitals" und "jüdischer Kapitalisten" sei. Die Nennung weiterer Komplizen Merkers tut ein Übriges, alle drei sind Juden.Angesichts der Todesurteile in Prag und der "Ärzteverschwörung" in Moskau muss Merker mit dem Schlimmsten rechnen. Ein Todesurteil ist wahrscheinlich. Doch Stalin stirbt im März 1953. Abrupt endet die antijüdische Kampagne im Ostblock. Aus dem geplanten Schauprozess gegen Merker wird 1955 ein Geheimprozess, in dem er zu acht Jahren Haft verurteilt wird. Ein Jahr später rechnet Nikita Chruschtschow in Moskau mit den Verbrechen Stalins ab. Viele der in den Schauprozessen hingerichteten werden rehabilitiert, darunter auch Rudolf Slansky.Paul Merker kommt 1956 frei. Von Walter Ulbricht fordert er eine öffentliche Rehabilitierung. Dieser antwortet ihm nur lapidar, dass die "Freilassung von der Partei und von den staatlichen Organen als Rehabilitierung betrachtet" werde. Merker arbeitet fortan als Lektor, politisch wird er nie wieder tätig. Als er 1969 stirbt, gibt die DDR ihm zu Ehren eine Gedenkbriefmarke heraus. Davon, was man ihm angetan hat, steht in den zahlreichen Nachrufen kein Wort.------------------------------Foto: Anfang 1949 ist die Welt für den Kommunisten Paul Merker (stehend, 2. v. l.) noch in Ordnung, als er mit anderen Mitgliedern des Politbüros für ein Gruppenfoto posiert. Wenig später wird man ihn als "König der Juden" verhöhnen. Links neben ihm steht Walter Ulbricht, rechts Karl Steinhoff, der Ministerpräsident von Brandenburg, davor sitzen Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl.