Die beiden Frauen könnten Mutter und Tochter sein, so ruppig reden sie miteinander. "Nimm den Maulkorb ab", raunzt die Junge die Ältere an und meint deren Schleier. Aber der Schleier ist nur Tarnung. Unter dem Gewand einer tiefgläubigen Fatma hält die etwas 60-jährige Khadidja (Fettouma Bouamari) einen Revolver versteckt. Die beiden Frauen sind Gefährtinnen in einem fast aussichtslosen Kampf. Der Mann der jüngeren Frau, der Ärztin Amel (Rachida Brakni), wurde von Islamisten verschleppt. Er hatte als Journalist deren Missfallen erregt. Es sind die 1990er-Jahre in Algerien. Hunderttausende von Menschen verschwinden, werden gefoltert, auf der Straße erschossen, umgebracht; zehn Jahre lang, zwischen 1992 und 2002 dauert der Bürgerkrieg zwischen islamischer Heilsfront und Militärregierung.Wer kann, verlässt das Land. Auch Khadidja rät Amel zur Flucht. "Dieses Land hat uns umgebracht, und es wird auch dich umbringen." In einem klapprigen Auto sind sie von Algier aus ins Hinterland unterwegs, ein Nachbar hat ihnen den angeblichen Aufenthaltsort des entführten Mannes genannt. Eine Falle, die den Frauen nur deshalb nicht zum endgültigen Verhängnis wird, weil Khadidja in einer alten Verbindung zu einem der Entführer steht - mehr als dreißig Jahre zuvor, während des algerischen Unabhängigkeitskrieges, haben sie Seite an Seite gegen die französische Kolonialmacht gekämpft. Jetzt malträtiert dieser Mann auf der Seite der Islamisten Frauen wie sie.Geradeaus und schmucklos erzählt die Regisseurin Djamila Sahraoui in ihrem Spielfilmdebüt diese Geschichte einer alltäglichen Tragödie. Die Reise der beiden Frauen eröffnet den Blick zurück in die Geschichte eines Landes, das seit bald zweihundert Jahren von Gewalt verheert wird. Gleichgültig und zermürbt lassen Dorfbewohner die Schikanen der Polizei über sich ergehen, verraten den Nachbarn, wenn es Gewinn bringt. Die Regisseurin bleibt dabei nah an ihren Hauptfiguren, bei deren Wortkargheit - in beiden Sprachen, der arabischen und der französischen - und der Mühsal ihrer Bewegung.Ihres Autos beraubt und gedemütigt, gehen sie zu Fuß durchs unwegsame Bergland. Ein alter Mann bietet ihnen Schutz in seinem Eselskarren. Verkleidungen werden überlebenswichtig. Das Tempo dieses Films ist gedrosselt, auf reißerische Gewaltdarstellungen verzichtet Djamila Sahraoui ebenso wie auf Beichten und Gefühlsausbrüche. Die ältere Frau hat durchaus Züge einer Polit-Kommissarin, aber am Ende wirft sie die Pistole ins Meer. "Barakat", sagt sie, was so viel heißt wie "es reicht!"Barakat! Algerien 2006. Regie: Djamila Sahraoui, Buch: Djamila Sahraoui und Cécile Vargaftig, Kamera: Katell Dijan, Darsteller: Rachida Brakni, Fettouma Bouamari, Zahir Bouzrar u. a.; 94 Minuten, Farbe.------------------------------Foto: Ziehen durchs Land: Amel (Brakni) und Khadidja (Bouamari).