Frau Sukowa, in den vergangenen Tagen habe ich mir noch einmal die großen Filme mit Ihnen angesehen, "Rosa Luxemburg", "Die bleierne Zeit", Fassbinders "Lola". Machen Sie das auch manchmal?Nee, nee, um Gottes Willen. Ich sitze nicht zu Hause und gucke mir meine alten Filme an.Schauen Ihre Kinder Ihre Filme an?Meine Kinder? Doch, wenn die Filme im MoMA liefen, in New York, wo wir leben, haben sie sich mal was angeguckt. Aber meine Jungs mögen lieber Action-Kino. Ich muss mir manchmal meine alten Filme ansehen. Bei einer Fassbinder-Retrospektive war es "Berlin Alexanderplatz". Neben mir saßen Hanna Schygulla, Günter Lamprecht und Elisabeth Trissenaar. Das war ein sehr merkwürdiges Erlebnis. Wie lange sind die Dreharbeiten her? Fast dreißig Jahre. Da sehe ich uns auf der Leinwand fast dreißig Jahre jünger. Es ist schon seltsam, wenn man Zeit so komprimiert sieht. Es war wie bei meinem Klassentreffen vor Kurzem in Bremen: Da hatte ich die 14-jährigen Gesichter im Kopf und sah daneben die knapp sechzigjährigen Frauen.Erstaunlich ist dabei, was man an einem Menschen alles wiedererkennt - die Bewegungen, die Art zu gestikulieren, die Stimme.Die Stimme verändert sich, bleibt aber im Kern erhalten. Vieles andere auch. Das ist richtig.Als Sie Mitte dreißig waren, haben Sie im Münchner Residenztheater in Henrik Ibsens "Baumeister Solness" ein dreizehn Jahre altes Mädchen gespielt. Welche Vorstellungen hatten Sie dabei?Sie sagen es schon richtig. Es ist Vorstellung, es ist Fantasie. Man fantasiert sich in diesen Zustand. Natürlich beobachtet man auch. Ich beobachte zum Beispiel, wie Kinder gehen oder wie Kinder ihren Kopf halten. Ich beobachte, wie alte Leute ihre Knie bewegen, aber die Schauspielerei beruht vor allem auf der Vorstellungskraft und der Fähigkeit, sie zuzulassen. Wir spielen ja alle beständig Rollen. Die Leute denken immer, nur Schauspieler spielen Rollen, aber Schauspieler legen diese Rollen nur bewusst an. Sie, wie Sie mir hier gegenüber sitzen, spielen ja auch eine Rolle, Sie haben sich überlegt, was Sie anziehen, was Sie fragen. Sie sind eine andere, wenn Sie mit Ihrem Liebhaber im Bett sind oder wenn Sie mit einem Kind spielen. Das Rollenverhalten ist bei manchen Leuten stärker, bei anderen weniger ausgeprägt.Man verhält sich der Situation gemäß.Man muss das, so funktioniert ja unser Gefüge. Manche Leute spielen ständig nur eine Rolle, ohne es zu wissen. Für den Schauspieler geht es darum zu erkennen, in welcher Rolle er sich befindet als Person, das muss er dann beiseite legen und in eine andere Rolle hineinschlüpfen.Sie haben einmal gesagt, die Eitelkeit zu überwinden, wäre das Schwierigste für einen Schauspieler. In Ihrem neuen Film "Die Entdeckung der Currywurst" unter der Regie von Ulla Wagner spielen Sie eine ältere Frau, die einen jungen Liebhaber hat. Wollten Sie dabei möglichst gut aussehen?Wir alle versuchen, uns immer in einem guten Licht zu sehen, aber darum geht es eben bei der Schauspielerei nicht. Man muss diesen Sprung immer wieder machen. Im US-Kino wird jede Szene so ausgeleuchtet, dass man zwanzig Jahre jünger aussieht oder besonders gut aussieht. Natürlich mussten wir diese Frage bei so einem Film entscheiden, und ich habe mich dagegen ausgesprochen. Ich habe darauf bestanden, dass die Unterschiede herauskommen.In den USA, wo Sie seit 1992 leben, ist die Schönheits-Norm besonders ausgeprägt.Ja, das wird immer schlimmer. Man sieht in den Medien keine großen Nasen mehr. Das wird auf die Dauer langweilig. Es wird sicher irgendwann eine Gegenbewegung kommen. Denn genau das finde ich interessant an Frauen in meinem Alter: Man kann zehn Jahre älter aussehen, als man ist, oder auch zehn Jahre jünger, es gibt einen großen Spielraum, und den wollte ich zeigen in diesem Film. Sie haben sicher gesehen, dass es große Unterschiede gibt.Ja, alles, was diese Frau erlebt, verändert ihr Aussehen. Wenn sie mit ihrem Freund im Bett liegt, blüht sie auf. Wenn sie seine Kleidung durchsucht und die Fotos seiner Familie findet, sieht sie fahl und müde aus.Das ist ein spannender Vorgang, und ich wollte nicht, dass das weggeleuchtet wird. Abgesehen davon kommt es darauf an, was man als "gut aussehend" empfindet. Ich finde es nicht "gut aussehend", wenn man faltenfrei ist oder ganz dünn. Das sind irgendwelche Standards, die interessieren mich nicht. Wir wollten bei diesem Film aber vermeiden, dass man sich andauernd Gedanken über das Alter macht. Ich glaube, das ist auch gelungen, man fragt sich nicht ständig, oh Gott, was passiert da zwischen einer Frau und einem Mann, der 25 Jahre jünger ist. Darf das sein? Ich habe im Film den Bauch rausgestreckt, manchmal nach unten geguckt, damit man die Falten unterm Kinn sieht, und das hätte man natürlich alles nicht machen müssen. Aber dann gibt es auch die Szenen, wo wir bei schönem Licht in einer Liebesszene aus dem Bett fallen und ich wieder jünger aussehe. Wir wollten die ganze Bandbreite drin haben.Glauben Sie, dass solch eine Liebe zwischen einer älteren Frau und einem jungen Mann in der Realität möglich ist?Es geht um zwei Menschen in einer extremen Situation, und der Zweite Weltkrieg war die letzte wirklich extreme Situation in Deutschland. Ich glaube, wenn man genau weiß, dass man jeden Tag sterben kann, traut man sich andere Sachen, da greift man sich jedes Stückchen Leben, das sich anbietet. Ich glaube, so eine Geschichte war gar nicht so ungewöhnlich, es wurde nur nicht darüber gesprochen. Wenn man Frauen fragt, die jetzt so Mitte achtzig sind, wundert man sich manchmal, was da so alles lief. Ich habe mit einigen Frauen gesprochen.Der Ausnahmezustand hat die Konvention außer Kraft gesetzt. Ist das nicht überhaupt eine Voraussetzung für die Liebe?Ja, das könnte schon sein. Die normale Vereinigung ist ja dazu gedacht, eine Familie zu gründen, Kinder zu kriegen. Deshalb akzeptieren die Leute ja auch die Kombination älterer Mann - jüngere Frau. Bei der Verbindung zwischen einer älteren Frau und einem jungen Mann geht es nicht mehr ums Kinderkriegen. Die Beziehung ist die pure Lust oder die pure Liebe. Damit haben die Leute aber immer noch Schwierigkeiten. Die beiden Figuren in dem Film haben ganz offensichtlich eine Affinität. Und es gibt ein großes Begehren zwischen ihnen. Unserer Gesellschaft fällt es aber immer noch schwer, das Begehren losgelöst von der Reproduktion zu sehen.Die Frauen damals haben vielleicht einfach glückliche Momente inmitten der Katastrophe gesucht.Bei Lena, der Frau, die ich in diesem Film spiele, ist es natürlich so, dass man geneigt ist, etwas zu übersehen: Sie unternimmt ja einen ziemlich brutalen Übergriff auf diesen jungen Mann, indem sie ihm verschweigt, dass der Krieg zu Ende ist und er gefahrlos gehen kann. Sie verübt ja eine Art Geiselnahme an ihm, weil sie es so schön hat mit ihm wie schon lange nicht mehr. Man versteht es, man gönnt es ihr. Anfangs beschützt sie ihn vor dem Krieg, in dem sie ihn bei sich versteckt, aber dann verselbstständigt sich das, und sie verlängert den Krieg eben eigenmächtig noch ein bisschen, indem sie ihm die Nachrichten vorenthält. Wäre es ein amerikanischer Film, würde sie ihn noch zwei Jahre bei sich behalten. Aber sie gewinnt an Selbstbewusstsein durch diese Liebe. Das hilft ihr später, auch als der junge Mann wieder weg ist. Während des Krieges und in der Nachkriegszeit waren die meisten Männer weg, und die Frauen mussten den Laden schmeißen. Das hat sie auch selbstbewusst gemacht. Nach dem Krieg wurde das aber gleich wieder zugeschüttet, da mussten sie an den Kochtopf zurück.Sie haben viele komplexe weibliche Figuren gespielt und gehören der Generation an, die sich im Westen sehr für die Selbstbestimmung der Frauen eingesetzt hat. Inzwischen wird hier unter jüngeren Autorinnen diskutiert, ob das nicht jede Generation wieder neu für sich erstreiten muss.In den USA wird ein anderer Trend beschrieben: Junge Frauen finden es viel gemütlicher, mit Freundinnen Tee zu trinken, die Beine hochzulegen und sich vom Mann ernähren zu lassen, als sich in irgendeinem Büro als leitende Angestellte herumzuschlagen. Sie finden das viel zu anstrengend.Und enden als "Desperate Housewives". Wie ist es bei Ihnen? Sie haben drei Kinder großgezogen. Mussten Sie darum kämpfen, Ihren Beruf dennoch auf einem solchen Niveau ausüben zu können?Na ja, ich war in einer sehr privilegierten Situation. Ich konnte es mir leisten, einen Film oder maximal zwei Filme im Jahr zu machen, konnte meine Kinder mitnehmen und ein Kindermädchen bezahlen. In der Zeit, in der ich viel verdient habe, habe ich meinen Lebensstandard nicht hochgeschraubt, mir keine Eigentumswohnung gekauft, sondern habe von diesem Geld dann auch ein Jahr gelebt. Dadurch konnte ich immer lange bei meinen Kindern sein. Wenn Leute sehr erfolgreich sind, glauben sie oft, sie müssten in teuren Hotels wohnen und sich große Autos kaufen. Um das zu erhalten, müssen sie dann immer mehr Geld verdienen.Hatten Sie nie Angst, keine Angebote mehr zu bekommen?Doch. Im Nachhinein war ich wohl auch ziemlich mutig. Ein bisschen Angst hatte ich schon, weil ich viel abgesagt habe. Bei meinem zweiten Sohn habe ich zwei Jahre nicht gearbeitet, damals war ich doch noch jünger und als Schauspielerin zu sagen, ich klinke mich für zwei Jahre aus, war schon gewagt. Ich hatte Glück, dass ich dann gleich wieder reinkam, aber das war nicht selbstverständlich. Kämpfen musste ich auch, aber es war eher der Kampf mit mir selber.Verändert sich das Spielen durch die Erfahrung, Kinder zu haben?Ja, man verändert sich dadurch überhaupt sehr. Aber vielleicht sollte ich auch nicht "man" sagen. Es gibt Frauen, für die ist es nicht entscheidend, Kinder zu haben. Für sie ist es richtig, keine Kinder zu haben. Das muss respektiert werden. Für mich waren Kinder immer wichtig. Schon als ich ganz jung war, wusste ich das. Ich habe mit vierzehn Jahren auf der Kinderstation im Krankenhaus gearbeitet, sonntags als Schwesternhelferin. Ich habe mich immer wohl gefühlt mit Kindern um mich herum, Tage meines Lebens habe ich auf Spielplätzen verbracht und Kinder angeguckt. Aber das ist nicht jedermanns Sache. Manche Leute langweilen sich dabei. Ich habe auch sehr viel Zeit in Basketballhallen und auf Sportplätzen verbracht, vielleicht zu viel, aber für Jungs ist Sport besonders wichtig. Sonst sitzen sie nur vor dem Computer und machen Computerspiele.Sie sind mit dem amerikanischen Künstler Robert Longo verheiratet und leben nun schon bald zwei Jahrzehnte in New York. Sind Sie amerikanische Staatsbürgerin geworden?Nein, ich bin Deutsche geblieben. Ich bin nicht eingebürgert. Das kann immer keiner begreifen. Jeder Taxifahrer, jeder Immigrant will die amerikanische Staatsbürgerschaft. Für mich wäre es ja verhältnismäßig einfach, weil mein Mann Amerikaner ist. Es ist ja interessant, dass das Land einen so schlechten Ruf in der Welt hat, aber Millionen vor der Tür stehen, und wenn man ihnen den amerikanischen Pass geben würde, nähmen sie ihn mit Handkuss. Aber ich habe mich nicht einmal um die amerikanische Staatsbürgerschaft beworben.Warum wollen Sie die amerikanische Staatsbürgerschaft nicht?Bis vor Kurzem hätte ich dafür meine deutsche Staatsbürgerschaft verloren, und das hätte ich nicht gewollt. Ich wollte nicht aufhören, Deutsche zu sein, ich bin es einfach.Spüren Sie das Deutsche an sich selbst - was immer das ist - in den USA stärker als hier?Wenn man, wie ich es getan habe, in einem erwachsenen Alter ins Ausland geht, sieht man das an sich selbst viel besser. Ich nehme viele Eigenschaften an mir wahr, die ich mit der deutschen Herkunft verbinden würde. Ich will jetzt keine Schlagwörter aufsagen, aber bestimmte Klischees gehören doch auch dazu. Pünktlichkeit, zu seinem Wort stehen, Freundschaft. "My friend" ist nicht das, was im Deutschen der Freund bedeutet. Im Angelsächsischen bezeichnet "my friend" eher eine gute Bekanntschaft.Sind Sie in der englischen Sprache so zu Hause, dass Sie darin auch arbeiten können?Nein, das ist schon mühevoller als im Deutschen. Ich hatte im vorigen Jahr zwei große Textbrocken zu lernen, einmal auf Englisch für das Konzert "Cassandre" von Michael Jarrell, einen Monolog, der fast zwei Stunden dauert. Das andere war die Rolle der Marquise de Merteuil in "Quartett" von Heiner Müller für die Salzburger Festspiele. Da merkte ich doch, dass mir das Lernen eines deutschen Textes wesentlich leichter fällt. Im Englischen kann ich nicht dieselben Qualitäten als Schauspielerin einbringen wie im Deutschen.Demnächst arbeiten Sie wieder mit der Regisseurin Margarethe von Trotta. Sie werden die Klostergründerin Hildegard von Bingen spielen, eine Frau des 12. Jahrhunderts. Wie kommen Sie solch einer Figur auf die Spur?Es ist wirklich wahnsinnig, sich in die Gedankenwelt eines Menschen des 12. Jahrhunderts zu begeben. Der Glaube war realer als die Realität. Hildegard von Bingen hatte Visionen, und man hat nun versucht, das mit Epilepsie oder Migräne zu erklären, was vermutlich nicht zutrifft. Sie hat diese Visionen verteidigt und hat es geschafft, ein eigenes Kloster zu gründen und mit den Gelehrten ihrer Zeit zu kommunizieren. Das ist interessant und lohnt sich anzugucken. Diese Dinkel - und Kräuterhildegard, die ist ja nur eine hausbackene Version dieser Figur. Es gibt ihre Musik, sie war auch Komponistin. Wir stehen erst am Anfang, ich kann noch nicht so viel über sie sprechen.Wenn Sie eine historische Figur verkörpern, wie etwa auch Rosa Luxemburg, werden schnell selbst ernannte Experten laut, die eine Deutungshoheit über diese Persönlichkeiten beanspruchen. Beeinträchtigt Sie das?Bei Rosa Luxemburg gab es einen Produzenten, der ablehnend war, weil ich ihm zu deutsch schien für diese Rolle, nachher war er etwas beschämt, als ich in Cannes den Darsteller-Preis dafür bekommen habe. Margarethe von Trotta wird immer sehr angegriffen in der Presse. Das wird langsam schon eklig. Wenn es heißt, der Film sei schlecht, aber ich sei gut gewesen darin, ist das kein Kompliment für mich. Margarethe von Trotta fokussiert sich sehr auf die Schauspieler, und wenn die gut sind, ist das auch ihr Verdienst. Sie ist die einzige Regisseurin, die über diese großen Frauenfiguren Filme macht. In der "Emma" haben sie sinngemäß über "Rosa Luxemburg" geschrieben, ich könne weder sprechen noch gehen und sei als Schauspielerin unter aller Sau. Ich habe mir das gemerkt, weil es gerade diese Frauen-Zeitschrift war, die so etwas schrieb.Seit mehr als zwanzig Jahren treten Sie auch als Musikerin auf. Zuerst mit Arnold Schönbergs "Pierrot Lunaire", dann mit seinen Gurre-Liedern. Inzwischen singen Sie Schubert und Schumann und wurden dafür sogar mit dem Klassik-Echo ausgezeichnet. Dabei haben Sie keine Gesangsausbildung. Wie kam es dazu?Das ist nicht auf meinem kreativen Mist gewachsen, zumindest der Schönberg damals nicht. Anfang der achtziger Jahre kam der holländische Dirigent Reinbert de Leeuw auf mich zu. Bei "Pierrot Lunaire" handelt es sich ja um Sprechgesang. Dennoch ist es schwierig. Die Höhen müssen nicht unbedingt präzise eingehalten werden, der Rhythmus jedoch schon. Ich wollte damals den emotionalen Gehalt dieser Musik herauskitzeln, die viele nur für kompliziert halten. Ich wollte sie zugänglicher machen für ein Publikum, das nicht auf klassische moderne Musik geeicht ist, und das ist mir wohl ganz gut gelungen. Auch vom Zeitpunkt her war es für mich ganz praktisch. Ich hatte damals kleine Kinder und konnte mir das zu Hause erarbeiten. Über die Schubert- und Schumann-Lieder haben Reinbert de Leeuw und ich viel gesprochen. Ich habe, auch an meinen Kindern, oft gesehen, wie die hochkultivierte Opernstimme Menschen verschreckt. In Berlin etwa war ich mit meiner Familie in "Porgy and Bess" in der Deutschen Oper. Die Sänger waren wunderbar, aber mein Mann und mein Sohn, und die sprechen Englisch, haben kaum ein Wort verstanden. Die Sänger müssen, um die Stimme so führen zu können, einfach bestimmte Vokalfärbungen einhalten, und das ist dann schwer zu verstehen. Aber was Schubert und Schumann betrifft: Ich wollte mich trauen, sie so zu singen, dass man nicht eingeschüchtert ist, und so haben wir das mit meiner Naturstimme gemacht.Schubert schrieb einmal, singen mache glücklich. Empfinden Sie das auch so?Das muss ich etwas einschränken: Bei diesen hochkomplizierten Schönberg-Kompositionen macht es mich nicht nur glücklich. Da ist es auch mit Angst besetzt. Ich hatte schon Angst, das nicht hinzukriegen, weil ich ja keine Musikerin bin, obwohl ich jetzt so viel Musik mache, dass ich mich schon als eine bezeichnen könnte. Aber wenn ich mit unserer Rockband X-Patsy auftrete, zusammen mit meinem Mann, hat das etwa sehr Befreiendes und macht mich schon glücklich.Beschäftigen Sie sich mit dem Komponisten, wenn Sie etwas einstudieren oder nähern Sie sich der Musik über den Klang?Erst einmal über den reinen Klang. Erst dann versuche ich, möglichst viel über den Komponisten zu erfahren. Das sind alles lange Wege.Wenn Sie Musik hören - analysieren Sie dann die Struktur oder lassen Sie Ihren Assoziationen freien Lauf?Seit ich mich mit zeitgenössischer Musik beschäftige, assoziiere ich nicht mehr so viel, sondern höre einfach konzentriert. Früher hatte ich manchmal starke visuelle Vorstellungen, jetzt habe ich ein reines Hörerlebnis. Ich kann das schlecht beschreiben. Ich höre die Klänge räumlich, verfolge Linien. Ich höre auch Mozart und Beethoven anders, seit ich mit zeitgenössischer Musik zu tun habe.Die Musik wird dann nicht mehr als Stimmungsmacher und Emotionsverstärker missbraucht.So streng würde ich das nicht sehen. Musik ist immer schön, wenn sie etwas auslöst. Als wir "Cassandre" in New York in der Carnegie Hall aufgeführt haben, waren viele Leute sehr emotional davon berührt. Ich glaube, das muss Musik schon können. Wenn Musik einen gar nicht mehr berührt, ist sie nur noch für Musikwissenschaftler gemacht.------------------------------Barbara Sukowa1950 wurde sie in Bremen geboren. Ihre Schauspielausbildung erhielt sie am Max-Reinhardt-Seminar in Berlin. Seit den siebziger Jahren ist sie eine gefragte Bühnen-Schauspielerin.1980 spielte sie die Rolle der Mieze in der Fassbinder Verfilmung von "Berlin Alexanderplatz". In "Lola" spielte sie die Titelrolle. Es folgten Hauptrollen in Filmen von Margarethe von Trotta, etwa "Die bleierne Zeit" oder "Rosa Luxemburg", für deren Interpretation sie 1986 in Cannes den großen Darsteller-Preis erhielt.1992 übersiedelte Sukowa nach New York, wo sie seither mit ihrem Mann, dem Künstler Robert Longo, lebt. Als Sängerin tritt sie u. a. auch in seiner Rockband "X-Patsy" auf und interpretiert Schubert- und Schumann-Lieder. 2007 erschien ihre CD "Im wunderschönen Monat Mai".Barbara Sukowa ist Mutter von drei Söhnen.------------------------------Foto (2): "Ich bin Deutsche geblieben." Barbara Sukowa im Restaurant San Nicci in Berlin.