Der kleine grauhaarige Mann tritt auf die Bühne. Der Dirigent Daniel Barenboim verneigt sich, dankt für den Applaus. Die Kairo Oper ist fast bis zum letzten Platz gefüllt. Wer heute hier ist, dem geht es nicht nur um die Musik, er ergreift damit Partei in einem heftigen Streit: "Ich weiß, dass mein Besuch hier für viele Menschen in Kairo eine Zumutung ist", sagt Barenboim. "Die sollen doch zur Hölle fahren!", ruft es aus dem Zuschauerraum. "Nein, das finde ich nicht", widerspricht der Dirigent: "Es ist wichtig, dass jeder seine Meinung sagen kann!" Das will er schließlich auch. Er zieht sein Taschentuch heraus, tupft sich den Schweiß ab und holt einmal tief Luft. Bis eben stand er auf dem Dirigentenpodest und dirigierte Beethovens Fünfte vor dem Kairo Symphonie Orchester. Schwungvoll und unter Einsatz des ganzen Körpers peitschte er die Geigen und Bratschen zum Crescendo. Vorher hatte er sich sogar selbst an den Flügel gesetzt und ein paar Sätze Beethoven gespielt. Man sollte denken, der Musiker habe seinem Publikum genug geboten.Aber Daniel Barenboim ist kein normaler Musiker, und sein Gastspiel in Kairo hat den Kulturbetrieb so durcheinander gewirbelt, dass die Musik zwischenzeitlich fast in Vergessenheit geriet. Also tritt er, nachdem die Schlussakkorde in den Weiten des modernen Opernsaales verklungen sind, noch einmal auf die Bühne. Zeit für politische Bekenntnisse: "Die Menschen hier haben Angst, dass mein Auftritt ein Schritt zur Normalisierung der Beziehungen der Arabischen Welt zu Israel sein könnte. Ich versichere Euch, dass was ich mache, ist das genaue Gegenteil von Normalisierung", sagt Barenboim.Normalisierung ist das große Schreckensgespenst des ägyptischen Kulturbetriebs. Obwohl Ägypten seit 30 Jahren mit Israel im Frieden lebt, boykottieren die ägyptischen Intellektuellen und Künstler den jüdischen Staat. So will man verhindern, dass Israel durch die Hintertür der Kultur zu freundschaftlichen Beziehungen mit seinen Nachbarn kommt, ohne vorher eine gerechte Lösung im Konflikt mit den Palästinensern gefunden zu haben. Kein ägyptischer Schriftsteller reist nach Tel Aviv, kein Musiker spielt in Jerusalem, selbst Ramallah in den Autonomie-Gebieten ist für ägyptische Kulturschaffende No-Go-Gebiet. Selbstverständlich werden auch keine israelischen Künstler nach Kairo eingeladen.Vor diesem Hintergrund ist klar: Der "West-Östliche Diwan", das von Daniel Barenboim und dem verstorbenen palästinensischen Intellektuellen Edward Said ins Leben gerufene Orchesterprojekt ist eine Sensation - man könnte auch sagen: ein schlimmer Tabubruch. Das Orchester, benannt nach Johann Wolfgang von Goethes gleichnamigem Werk, ist ein grenzenloses Ensemble: Junge Israelis, Palästinenser und Araber aus der ganzen Region spielen unter Barenboims Leitung Werke großer Meister. Ziel ist eine gemeinsame Sprache jenseits der der Waffen und der Politik. Auch Ägypter sind dabei - in Ägypten selbst hat das Orchester bisher aber noch nie auftreten können."Das, was wir machen, ist gerade keine Normalisierung, denn wir zementieren nicht das, was besteht. Das Zusammenspiel der Musik über die Grenzen hinweg ist absolut unnormal in dieser Region", erklärt Barenboim. Er ist in den zehn Jahren, in denen es das Orchester bereits gibt, oft kritisiert und angefeindet worden, von israelischer Seite wie von den Palästinensern. Aber sein Orchester konnte auftreten, und gerade im vergangenen Jahr bekam er zusätzlich zu seiner israelischen, argentinischen und spanischen Staatsbürgerschaft auch noch einen Pass der Palästinensischen Autonomieverwaltung überreicht; ehrenhalber. "Es gibt Leute, die werfen mir vor, es sei naiv, daran zu glauben, dass man auf diesem Weg die Region zum Frieden bringen kann", sagt Barenboim: "Aber sind nicht diese Leute selber naiv? Sie versuchen seit 60 Jahren, diesen Konflikt mit Waffen zu lösen, und glauben immer noch, dass es ihnen gelingen kann", sagt er. Die Anti-Normalisierungshaltung sei gescheitert, und die arabischen Intellektuellen vergäben sich die Chance, ihre Kritik an Israel direkt zu äußern. Zum Beispiel in Tel Aviv oder gar in diesem Sommer, wenn Jerusalem zur arabischen Kulturhauptstadt ernannt wird."Ich wache jeden Morgen mit Bauchschmerzen auf, wenn ich daran denke, was Israel in den palästinensischen Gebieten macht", sagt Barenboim. Das Publikum im Opernsaal klatscht begeistert. "Ich sage das jetzt nicht, um von euch billigen Applaus zu bekommen", fügt er hinzu, als es wieder still wird: "Ich sage dies genauso in Tel Aviv."Man sollte meinen, dass Kairo einen Künstler wie Barenboim, der sich der Sache der Palästinenser verschrieben hat, feiern würde. Doch das Gegenteil ist der Fall, die Kritiker der großen Zeitungen überbieten sich geradezu in ihrer Empörung. "Ein Israeli in unserer Oper. Soweit kommt das noch," schreibt die Zeitung al Wafd. Fernsehmoderatoren verdächtigen Barenboim, nicht Friedensaktivist, sondern israelischer Spion zu sein.Andere Zeitungen schießen sich nicht auf den Gast, sondern auf den Gastgeber ein. Barenboim reiste auf Einladung der spanischen und der österreichischen Botschaft nach Kairo, allerdings mit Zustimmung von Faruk Hosni, dem ägyptischen Kulturminister. "Faruk Hosni macht das nur, um sich bei den USA und Israel lieb Kind zu machen", so der Kommentar in der Zeitung Al-Masry al-Yaum. Hintergrund ist die Bewerbung Hosnis um das Amt des Unesco-Chefs. Bisher gilt er als zu israelfeindlich für den Job - hätte er Barenboims Reise nach Kairo verhindert, so wäre dies wohl tatsächlich ein Aus für seine Bewerbung gewesen.In der Aufregung gehen viele Kommentatoren gar nicht auf Barenboims Projekt oder gar auf seine Musik ein. Er ist einfach nur der Israeli, der die Kairo Oper okkupiert. Erst in letzter Sekunde dringen doch noch andere Stimmen durch: Altstar Omar Sharif ergriff das Mikrofon in der Oper und heißt Barenboim herzlich willkommen: "Er ist ein Israeli, aber er liebt die Menschen!", sagt er. Der bekannte Schriftsteller Gamal Al Ghitani geht noch einen guten Schritt weiter: Er fordert einen neuen Ansatz in der kulturellen Auseinandersetzung mit dem Feind Israel. Direkte Kritik statt Boykott.Barenboim kommt mit seinen Erklärungen zum Ende. Das Publikum wird schon unruhig, will zum Schlussapplaus ansetzen. Da zeigt Barenboim, dass er mit Kairo noch nicht fertig ist. "Sehr gerne komme ich übrigens noch einmal wieder: Dann bringe ich auch gerne meinen West-Östlichen Diwan mit: Ein großartiges Orchester." Wer weiß: Wenn Kairo eines Tages den Schock verwunden haben wird, dass ein Israeli in seiner Oper dirigiert; und wenn es dann auch den noch größeren Schock der Erkenntnis verdaut haben wird, dass es israelische Staatsbürger gibt, die sich für einen gerechten Frieden einsetzen - dann werden es die Kairoer vielleicht auch irgendwann aushalten können, dass ein Orchester bei ihnen auftritt, in dem Israelis und Araber zusammenspielen.Doch noch ist so viel Offenheit Zukunftsmusik.------------------------------"Ein Israeli in unserer Oper. So weit kommt das noch!" Kommentar der Kairoer Zeitung al Wafd------------------------------Foto: Daniel Barenboim dirigierte am Donnerstag das Kairo Symphonie Orchester (hier ein Probenbild). Es war sein erster Auftritt in Ägypten.