BRÜSSEL, 19. April. Die "Alexander" ist eine stolze Motorjacht, weltweit ist sie die drittgrößte in Privatbesitz. Sie gehört dem griechischen Reeder, Bankier und Ölmagnaten Spiro Latsis, und der lädt sich gerne Mitfahrer ein: Prinz Charles ist schon in diesen Genuss gekommen, und vor zwei Jahren waren es die EU-Außenminister. Ein Gast allerdings hat nachträglich wenig Freude an der Einladung: José Manuel Barroso, Präsident der EU-Kommission, sieht sich dem Vorwurf ausgesetzt, Amt und Privatleben nicht sauber genug zu trennen.Kurz nach seiner Nominierung, aber noch vor Übernahme des Brüsseler Spitzenpostens ging Barroso im August 2004 mit Latsis in der Ägäis auf Kreuzfahrt. Beide kennen sich vom Studium her, Barrosos Gattin war ebenfalls von der Partie, und so kann der Kommissionspräsident bis heute nichts Anrüchiges an seinem Verhalten erkennen. "Dies war eine rein private Reise", ließ er erklären. Geschäftliche oder politische Interessen hätten keine Rolle gespielt. "Wir sehen keinerlei Verbindungen zwischen der Unternehmensgruppe Latsis und der Kommission", bekräftigte seine Sprecherin am Dienstag.Diese Verbindungen aber sind so offensichtlich, dass die Kommissionsbeamten schon beide Augen zudrücken müssen. Eine von Latsis kontrollierte Bank nämlich, die EFG Eurobank Ergasias, ist nach früheren EU-Angaben eines der rund 20 Geldhäuser, über das die Kommission Zahlungen in die Mitgliedstaaten - in diesem Fall Griechenland - abwickelt. Da die EU-Kommission in der Regel mit größeren Summen umgeht, dürfte die Bank an ihrem Brüsseler Kunden gut verdienen. Zudem ist die EFG Eurobank Ergasias höchst aktiv in Osteuropa: In Serbien sowie in Rumänien und Bulgarien, den nächsten EU-Beitrittsländern, hält sie Mehrheitsbeteiligungen an ehemals staatlichen Banken. Über diese wickelt etwa die Europäische Bank für Wiederaufbau (EBRD), zu deren Mitgliedern neben den EU-Staaten die Brüsseler Kommission zählt, ihre Hilfsprogramme ab. Im November 2004 erst wurden 20 Millionen an rumänische Bürger als Hypothekenkredite ausgelobt. An der rumänischen Postbank ist die EBRD seit Oktober sogar direkt beteiligt - als Minderheitseigner neben der EFG von Spiro Latsis. Über ein drittes Interesse des Unternehmers lässt sich nur spekulieren: Die EU hat in vielen Geschäftsfelder mitzureden über Regeln und Gesetze, so bei der Sicherheit des Schiffsverkehrs. Ein direkter Draht zum Chef der EU-Kommission kann da nicht schaden.Vor diesem Hintergrund verlangt nun das EU-Parlament nähere Auskunft über die Beziehungen zwischen Barroso und Latsis. Noch am Dienstagabend wollte der Kommissionschef mit Martin Schulz reden, dem Vorsitzenden der sozialistischen Fraktion und heimlichen Oppositionsführer in Straßburg. Eine Frage dabei ist, ob Barroso den Verhaltenskodex seiner eigenen Kommission verletzt hat. Der nämlich sieht vor, dass Geschenke im Wert von mehr als 150 Euro anzugeben sind und nicht behalten werden dürfen. Der Präsident aber ließ erklären, es habe sich mitnichten um ein Geschenk gehandelt, da ja kein Geld geflossen sei.Schulz indessen sagte der Berliner Zeitung: "Barroso kann bei uns nicht mit Nachsicht rechnen." Er lehne zwar eine Vorverurteilung ab. Wenn es aber Anhaltspunkte für ein Fehlverhalten gebe, seien alle parlamentarischen Mittel bis hin zum Misstrauensvotum möglich. Die europäischen Christdemokraten geben sich noch vorsichtig, fordern aber ebenso Aufklärung.------------------------------Foto: Auf der Yacht "Alexander" des griechischen Milliardärs Spiro Latsis verbrachte Barroso seinen Urlaub.