Barroso und Letta in Lampedusa: Zehn-Minuten-Besuch im Auffanglager

Rom - EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und der italienische Premier Enrico Letta sind bei ihrem Besuch auf Lampedusa am Dienstag von Menschenrechtsaktivisten und wütenden Inselbewohnern mit Protest empfangen worden. „Schande“, „Mörder“, schallte ihnen bei der Ankunft auf dem kleinen Inselflughafen entgegen, die Demonstranten schwenkten Fotos von Bootsflüchtlingen.

„Es reicht mit dem Politiker-Schaulaufen. Geht nach Hause!“, stand auf Spruchbändern zu lesen. Behörden und Bürger der nur 138 Kilometer von der tunesischen Küste entfernten Insel verlangen von der italienischen Regierung und Europa mehr Unterstützung bei der Bewältigung der Flüchtlingsströme aus Afrika und dem Nahen Osten.

Barroso als höchster EU-Vertreter und Regierungschef Letta wollten sich persönlich ein Bild von der Lage auf Lampedusa machen, wo vergangenen Mittwoch ein Flüchtlingsboot mit bis zu 544 Menschen an Bord in Brand geraten war. Bisher sind 302 Tote gefunden worden, die Bergungsarbeiten laufen noch.

Erste Station ihres Besuchs war der Hangar auf dem Flughafengelände, in dem die Leichen der Opfer in Särgen und Kühlwagen aufbewahrt werden. Geplant waren dann noch Treffen mit Mitarbeitern der Küstenwache, mit Flüchtlingen sowie Vertretern von Hilfsorganisationen.

Leben auf Matratzen im Freien

Doch das Programm wurde kurzfristig umgestoßen. Lampedusas Bürgermeisterin Giusy Nicolini hatte hartnäckig darauf gedrängt, dass sich die Politiker das völlig überfüllte Aufnahmelager der Insel anschauen müssten. Das sei unumgänglich, um das Ausmaß der Tragödie zu verstehen, insistierte sie.

In dem für 250 Menschen angelegten Auffanglager waren in den vergangenen Tagen mehr als 1000 Frauen, Männer und Kinder zusammengepfercht, darunter die 155 Überlebenden des Bootsunglücks. Viele Flüchtlinge hatten trotz Regens und starken Windes auf Matratzen im Freien übernachten müssen, nur durch Plastikplanen geschützt. Inzwischen wurden einige Flüchtlinge auf das sizilianische Festland gebracht.

Aber es sind immer noch 830 Menschen im Lager. „Ich habe Schmerz und Leiden gesehen“, sagte Letta nach dem nur zehnminütigen Besuch. Barroso erklärte, er sei schockiert und traurig, Europa könne sich nicht abwenden. Als Soforthilfe werde Italien noch in diesem Jahr 30 Millionen Euro EU-Mittel erhalten, um die Lage der Flüchtlinge im Land zu verbessern. Auch müsse Europa seine Entscheidungen in der Flüchtlingspolitik beschleunigen, etwa die über Wege zur legalen Einwanderung.