BERLIN, 6. Juli. Eigentlich wollte er gar kein Sänger werden. Seit Mitte der sechziger Jahre hatte Barry White für verschiedene Plattenfirmen als Komponist und Künstlerbetreuer gearbeitet. Doch als er Anfang der siebziger Jahre einige Songs geschrieben hatte, für die er keinen geeigneten Sänger fand, nahm er sie zu Demonstrationszwecken einfach selber auf. Von dem Ergebnis sollen seine Freunde und Berater derart begeistert gewesen sein, dass sie alles daransetzten, White von seinen Qualitäten als Sänger zu überzeugen. Wie man weiß, hatten sie damit Erfolg. Die Songs wurden 1973 auf dem Album "White Heat" veröffentlicht, und mit dem Song "I m Gonna Love You Just a Little More Baby" feierte Barry White seine erste Nummer eins in den Charts. Bereits mit diesem Titel etablierte White den typischen Barry-White-Sound, der nach Kerzenschein, Liebesgeflüster, halbvollen Champagner-Flaschen und leidenschaftlich zerwühlter Satin-Bettwäsche klang. Während ein schleppender Beat, Streicher, Gitarre und Bass mit sanftem Nachdruck die Stimmung bereiteten, gab White meist minutenlang ausgesuchte Schlüpfrigkeiten zum Besten. Erst dann begann er den eigentlichen Song mit Refrain und Strophe. Dabei legte sich Whites sonor brummender Bariton über die Musik wie eine feine Körperlotion auf die Haut. Von Elvis bekehrtSo sehr aber Barry Whites Musik auch Opulenz und sanften Glanz verströmte, so sehr war sein Leben zumindest in den Anfangsjahren durch Armut und Schwierigkeiten geprägt. Am 12. September 1944 wurde White im texanischen Galveston als Sohn einer alleinerziehenden Mutter geboren. Im örtlichen Kirchenchor fand er seine Liebe zur Musik, später brachte er sich das Orgelspielen im Selbsthilfeverfahren bei. Nachdem er mit seiner Mutter und seinem kleinen Bruder Daryll nach Los Angeles umgezogen war, gab Barry White im Alter von elf Jahren zu dem Jesse-Belvin-Hit "Goodnight My Love" sein frühes Debüt als Pianist. Doch weil die Whites in dem schwierigen Stadtbezirk South Central lebten, kam er auch mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt. Im Alter von 16 Jahren wanderte er sogar für sieben Monate wegen Diebstahls in den Knast. Dort soll dann der Elvis-Titel "It s Now Or Never" einen so tiefen Eindruck auf ihn gemacht haben, dass White beschloss, seine Karriere als Kleinkrimineller zu beenden und sich künftig nur noch der Musik zu widmen. Also wurde er Mitglied der R&B-Gruppe The Upfronts, tourte später mit Jackie Lee. Ab Mitte der sechziger Jahre war er für verschiedene Verlage und Plattenfirmen als Talentscout unterwegs. Dabei entdeckte er unter anderem das weibliche Gesangstrio Love Unlimited. Für sie schrieb er den Hit "Walkin In The Rain (With The One I Love)" - und die Love-Unlimited-Sängerin Glodean James nahm er kurz darauf in zweiter Ehe zur Frau. Unbegrenzte LiebeSeine erfolgreichsten Jahre erlebte White in den Siebzigern. Damals veröffentlichte er nicht nur als Solo-Künstler. Er steckte auch als kreativer Kopf hinter den Werken von Love Unlimited und des Love Unlimited Orchestra. Zwar wurde Barry White in jener Zeit von manchem Kritiker zum Totengräber seines Genres erklärt, weil er seinen Soul mit Stilmitteln der Disco-Ära anreichte. Zwar wurde White in den Achtzigern vergessen und erst Mitte der Neunziger über HipHop und Auftritte in Fernsehserien wie "Ally McBeal" und "The Simpsons" wieder entdeckt. Doch allen Karriereschwankungen zum Trotz sind die Schlafzimmer ungezählt, in denen sich erprobte Schmachtfetzen wie "Never, Never Gonna Give You Up" oder "You re The First, The Last, My Everything" Jahr um Jahr zwecks Luststeigerung stur weiter auf dem Plattenteller drehten. 1999 veröffentlichte Barry White sein letztes Album "Staying Power", für das er zwei Grammys erhielt. Insgesamt kamen über die Jahre mindestens 106 Gold- und Platin-Alben, 20 Gold- und 10 Platin-Singles sowie mehr als 100 Millionen verkaufte Tonträger zusammen.Am Freitag ist der große Barry White im Alter von 58 Jahren an Nierenversagen gestorben. Schon im September hatte er einen Schlaganfall erlitten und war seitdem Dialyse-Patient. Er hinterlässt eine Frau, eine Lebensgefährtin, zwei Söhne und fünf Töchter sowie etliche Enkel und Urenkel. Seine jüngste Tochter Barriana wurde erst vor vier Wochen geboren.ACTION PRESS Brummender Bariton mit einem Faible für das Schlüpfrige: Barry White.