Er will bleiben, für immer und ewig. Seit vier Wochen hat Basheer Alzaalan – 29 Jahre alt, verheiratet, Vater von drei Kindern, Sunnit aus der Stadt Deir-Es-Zor im Osten von Syrien – Asyl in Deutschland. Seither ist der Postbote für ihn nur noch ein Postbote. „Vorher war er ein Symbol. Weil er den Brief bringt, der für uns der Anfang einer deutschen Zukunft ist.“ So sagt er das. Der Anfang einer deutschen Zukunft.

Als Basheer Alzaalan sich entschied, das Land zu verlassen, in dem er geboren wurde, aufwuchs, englische Literatur studierte, als Lehrer arbeitete, heiratete, drei Kinder zeugte, als er Abschied nahm von seinen Eltern, seinen Freunden, seiner Frau, seinen Kindern, als er an einem Morgen im Dezember 2014 in einen Bus stieg, der ihn von Deir-Es-Zor an die türkische Grenze bringen würde – da beschloss er, die Hoffnung auf Rückkehr fahren zu lassen. Weil die Hoffnung wie ein Haken ist, an dem einer zappelt und nicht loskommt. Er sah sich nicht mehr um, als er davonfuhr.

Sauerbraten und Sakko

Zehn Monate sind vergangen, seit Alzaalan nach 18 Tagen Flucht in Deutschland und dann in Troisdorf bei Bonn ankam. In diesen zehn Monaten hat er zweimal die Woche im Fußballverein TSV Oberlar trainiert, einen Integrationskurs gemacht und Deutsch gelernt, jetzt belegt er einen berufsbezogenen Aufbaukurs. Jeden Nachmittag von 14 bis 17 Uhr schreibt er Bewerbungen und Lebensläufe. Seine Lehrer haben ihn und die anderen Schüler nach Hause eingeladen, er hat rheinischen Sauerbraten, Rotkohl und Sushi gegessen, einen Ausflug nach Bonn ins Haus der Geschichte gemacht und begriffen, dass die deutsche Historie aus viel mehr besteht als nur aus Faschismus: „In Syrien, da haben wir immer nur solche Nazibilder im Kopf. “ Im Nachhinein ist ihm seine Unwissenheit peinlich.

Alzaalan ist klug. Reflektiert. Er sieht gut aus. Er kleidet sich elegant. Auf den Fotos, die ihn in Syrien zeigen, trug er meistens Gelabia, das traditionelle Gewand, doch Kleider machen Leute in Deutschland. Er kauft Second-Hand: Hemd, Schurwollpullover, darüber ein Jackett, helles Grau, Lederflecken an den Ärmeln.

Von Anfang an stand für ihn fest, dass er nach Deutschland wollte. Er hatte Bilder anderer Syrer auf Facebook gesehen, mit Orten, die Ordnung ausstrahlten, und Ordnung war das, wonach er sich im Kriegschaos seiner Heimat sehnte. Der Hauptgrund, aus dem Basheer Alzaalan nach Deutschland wollte, aber war dieser: Er hatte gehört, Deutschland garantiere ein Grundrecht. Eines, ohne das er nicht sein wollte. Das Recht auf Arbeit.

Auf seinen ersten Fotos in Deutschland, im Wintergrau, hat Alzaalan traurige Augen. Er hatte die Flucht geschafft, doch er fühlte sich, als sei er in einem Vakuum gelandet. Er hätte gerne gleich gearbeitet, egal, was. „Ich habe gedacht, ich könnte vielleicht Putzmann werden.“ Aber das Grundrecht auf Arbeit, das verstand er nun, galt nicht ohne Anerkennung seines Flüchtlingsstatus. Sein Leben war eingefroren zwischen Paragrafen und Vorschriften. Schließlich hörte er, dass sie in einer evangelischen Kirche Freiwillige suchten, um ein Schiff für eine Theateraufführung zu bauen. Er ging hin, bot Hilfe an. Sein Leben kam wieder in Bewegung. Es war der erste Schritt in die Zukunft, die er sich erhofft hatte.

Manchmal schaut Alzaalan morgens in den Spiegel und sagt das Wort, das die Deutschen für ihn haben: „Flüchtling“. Fremd klingt das. Dass er, Basheer Alzaalan, Lehrer aus Deir-Es-Zor, der mit seinem eigenen Geld ein Haus baute, der sich für sein Land weder einen Krieg noch einen Islamischen Staat vorstellen konnte, dass er also nun nichts mehr als ein Flüchtling sein soll, will er nicht akzeptieren. Weil dieses Wort nach Mitleid und Almosen klingt. Dabei hat er doch so viel zurückzugeben. Seine Arbeitskraft. Seinen Enthusiasmus.

Fast täglich geht er zum Wohnungsamt, Sozialamt. Jobcenter. Er will hören, was möglich ist. Nicht nur für ihn, sondern auch für seine Landsleute: Syrer wie er, die gerade angekommen sind und sich nicht zurechtfinden. Alzaalan übersetzt dann, vermittelt, erklärt. Er will, dass jeder seinen Platz findet. Auf dem langen Flur vor den Büros hängt ein Schild. „Ja, ich will. Einwanderung jetzt.“ Manchmal denkt Alzaalan, es hänge dort für ihn.

Der Gedanke an Flucht kam nicht plötzlich. Nach vier Jahren Krieg war Deir-Es-Zor, Stadt am Euphrat, Zentrum der syrischen Ölförderung, zum großen Teil zerstört. 2013 hatte der IS Teile der Stadt erobert, 700 Menschen wurden grausam exekutiert, die meisten Zivilisten. Eine Weile dachte Basheer Alzaalan, er könne sich zurückziehen ins Private und das Politische außen vor lassen. Morgens unterrichtete er Englisch an der Schule, nachmittags erteilte er Privatunterricht. Seine Lieblingslektüre waren Arthur Millers „Tod eines Handlungsreisenden“, Emily Brontës „Sturmhöhe“ und die Sonette von Shakespeare. Die Eltern sagten: Geh. Die Ehefrau aber war schwanger, die zwei Töchter sind klein. Er wägte ab. Seine Familie gegen die Gefahr. Jederzeit kann der IS ihn rekrutieren. Oder töten. Es kam der Tag, an dem er zu seiner Frau sagt: Du musst durchhalten. Allein. Ich hole euch nach.

Die Gleichmäßigkeit des Alltags

Mit 7 000 Euro macht er sich auf den Weg. Die sozialen Medien sind Flüchtlingsratgeber, Vermittlungsagentur für Schlepper, Wegweiser durch Grenzzaunlöcher und über Bergketten. Bei ihm sind zwei Freunde und einer seiner Brüder. Sie geraten an Menschen, die sie betrügen, ihnen Geld abnehmen. Sie sind tagelang ohne Schlaf und Nahrung. Sie übernachten in schneidender Kälte. Für 1 500 Euro bringt ein Schleuser sie von Belgrad nach Wien. In Wien steigen sie in einen Zug nach Frankfurt, von dort werden sie nach Troisdorf geschickt.

Er nahm das neue Leben in einer Reihenfolge wahr, die sein altes Lebens zu spiegeln schien. Erst empfand er den Frieden. Dann die Gleichmäßigkeit des Alltags, den steten Rhythmus, den man nur finden kann, wenn es keine Angst gibt. Dann sah er all das Grün. Parks, Alleen, Blumen in den Gärten und in Kästen an Balkonen. Die Müllmänner, die mit Schläuchen die Mülltonnen einmal abspülen, bevor sie diese wieder zurück stellen

Als seinem Asylantrag stattgegeben wurde, zog er aus dem Flüchtlingsheim aus und bezog eine Wohnung, ein Zimmer groß. Vor den Fenstern gibt es schwere Rollläden, die elektrisch runter und wieder hoch fahren. Das Bad ist auf dem Flur, und Möbelstücke hat Alzaalan nur vier: zwei Stühle, einen Schreibtisch, ein Regal, in dem alles steht, was er besitzt – Geschirr, Kleidung, der Koran und andere Bücher, eine Uhr, ein Regenschirm. Sein Bett sind zwei übereinandergelegte Matratzen. 320 Euro bekommt er im Monat, davon schickt er einen Teil nach Hause, er lebt bescheiden.

Der Geruch frisch gepflügter Felder

Viel wichtiger als Geld ist: Seine Tage haben einen Rhythmus. Inzwischen engagiert er sich neben dem Theaterbau auch für die Hilfsorganisation Care. Um auf das Schicksal der Flüchtlinge aufmerksam zu machen, hat er mit anderen Syrern, mit Eritreern, Bosniern, Kosovaren vor zwei Wochen beim Münchener Marathon teilgenommen. „Flüchtlinge laufen für Flüchtlinge“, hieß das Projekt, doch für Alzaalan klingt der gut gemeinte Titel falsch: Die Gewährung seines Asylantrags hat ihn zum Angekommenen gemacht. Jetzt will er so gut in das System passen, dass er nicht mehr als Fremder auffällt. Dass er nicht als Lehrer arbeiten kann, wusste er, bevor er sich auf den Weg machte. Er könnte eine Ausbildung zum Erzieher machen. Zum Bürokaufmann. Noch einmal studieren gehen.

Es wird dauern, seine Familie nachzuholen. Weil es in Syrien keine deutsche Botschaft mehr gibt, müssen seine Frau und die Kinder in die Türkei reisen, um dort persönlich einen Visumantrag zu stellen. Ein Termin dafür ist erst wieder im Oktober 2016 frei.

Alzaalan will so lange in der kleinstädtischen Gemütlichkeit bei Bonn bleiben. Oder raus aufs Land ziehen, in einen der versprengten Höfe abseits der Feldwege, auf denen er sonnabends sein Lauftraining absolviert. Manchmal, sagt er, erinnere ihn das an Syrien. Der Geruch frisch gepflügter Felder. Das Gekrächze der Raben. Auf so einem Hof würde Basheer Alzaalan gern sein Leben verbringen. Kühe sollen weiden, Pferde grasen, Zäune aus Holz soll es geben. So sollen seine Töchter aufwachsen und sein Sohn, der nach seiner Flucht geboren wurde und den er nur auf Fotos gesehen hat: frei, sicher und geborgen.

Er kennt die Diskussion darüber, ob jemand das Recht hat, auf Kosten des deutschen Staates sein Glück zu suchen. Die Vorbehalte gegen Moslems. Die Angst vor Überfremdung. Aber das sind die Diskussionen der Deutschen. Seine, die der Syrer, drehen sich darum, wie man so deutsch werden kann, dass einen keiner mehr davonjagt. Denn die Regeln, nach denen man in Deutschland Barmherzigkeit verteilt, scheinen ihm wechselhaft zu sein. Vor allem jetzt, da alle einen Flüchtling zum Freund wollen. Das freut ihn, das wärmt ihn. Und es ängstigt ihn. Was ist, wenn der Enthusiasmus ins Gegenteil umschlägt, wenn aus Hilfsbereitschaft Überforderung wird?

Mama Merkel und Allah

Alzaalans Aufenthaltsgenehmigung gilt für drei Jahre. Danach wird sie in eine Niederlassungserlaubnis umgewandelt, was bedeutet, dass er dauerhaftes Bleiberecht erhält. Und wenn die Gesetze bis dahin geändert werden, wenn jene Politiker, die fordern, Flüchtlinge zurückzuschicken, gewinnen? Wenn nicht nur andere Nordafrikaner, sondern auch Syrer zurück sollen? Wenn sich die Meinung durchsetzt, die Flüchtlingslager in den syrischen Nachbarländern seien ausreichend?

Die letzte Verbindung nach Syrien ist das Internet. Abends skypt Alzaalan mit seiner Frau, die muss dafür in ein Geschäft gehen, eines der wenigen, die noch Internetverbindung haben. Manchmal betrachtet er die Fotos. Sein Haus, die Eltern, seine Freunde. Viele sind geflohen, manche sind tot. Dann die Bilder von seinem neuen Leben in Deutschland. Alzaalan im Schnee, am See, im Maiengrün. Fotos von „Mama Merkel“. Ein Witzbild aus dem Internet. Darauf eine Deutschland-Fahne, der Schriftzug Allahu Akbar, „Allah ist groß“. „Ein Scherz“, sagt Alzaalan schnell. „Manchmal sagen wir, dass wir hier alles übernehmen. Aber es ist wirklich nicht ernst gemeint.“ Er würde dieses Foto anderen Deutschen nicht zeigen. Er kennt ihre Angst. Doch seine ist eine andere: „Dass am Ende alles Bemühen umsonst sein wird.“