Baß Baß Baß: In "Rave" feiert Rainald Goetz den Männermusikbund und rennt immer wieder vor den Frauen davon: Das Totale Diskurs-Verschling-Ding

Eigentlich müßte dieses Buch (Gründe siehe unten) von einer Frau besprochen werden. Deshalb vorher eine kleine Vorgeschichte. Es ist Ostern, wir fahren im Regen übers Land, und ich erzähle Natalie eine Szene aus Rainald Goetz (44) neuem Buch "Rave". Die Szene ist folgende: Der Erzähler ist auf Ibiza, um mit vielen Techno- und anderen DJs eine Art Familienfest zu feiern. Man hängt so herum, redet über neue Trends und wie viele "Tauis" man wo mit welchen Auftritten verdient hat. Der Erzähler ist glücklich, weil er bei den ganzen Stars der Clubszene einfach so dabeisein darf, obwohl er doch selbst nur Schriftsteller ist. Da setzt sich plötzlich ein ganz junges Mädchen dazu. Steffi. Steffi ist fünfzehn und geht auf ein Hamburger Gymnasium. Der Erzähler ist sofort verliebt, schwärmt von den "Popper"-Klamotten und findet dieses unverdorbene "bißchen pummelige Pummelchen" einfach "supersüß". Aber dann verdüstert sich seine Stimmung, als er sich vorstellt, was aus der reinen, jungfräulichen Steffi noch alles werden kann: "Und nach einem halben Jahr in der Szene, ach was, nach drei Monaten, von null auf hundert, sind das dann die härtesten und abgebrühtesten, die abgefucktesten Partyvamps, mit der härtesten Drogen-Abfahrt und dem lässigsten Männer-Verschling-Ding." Als ich fertig zitiert habe, ist es für einige Zeit still im Auto. Der Scheibenwischer quietscht. Natalie wiederholt leise den Ausdruck "Männer-Verschling-Ding", als wollte sie ihn auf der Zunge zergehen lassen. Dann sagt sie: "Ich hasse diesen Jugendfaschismus, besonders von Leuten, deren Arsch langsam schlaff wird."Ein Gottesdienst Auf dem roten Umschlag des neuen Buchs "Rave" von Rainald Goetz steht zwar Erzählung drauf, aber daß es sich um etwas anderes handelt, verkünden schon die ersten Seiten: "Man dürfe diese Texte nicht nur rein vom Sinn her nehmen, sondern müßte sich das anders denken, nämlich betend." Vorher heißt es: "Eine Art Ahnung von Sound in mir, ein Körpergefühl, das die Schrift treffen müßte: eine Art Ave Maria." Es geht also um reine, den Körper durchzitternde, beseelende und glücklich machende Textmusik, oder anders: "Rave" will ein Techno- und Nachtlebengottesdienst sein, und zwar ein Gottesdienst im recht orthodoxen Sinn. Die Geschichten, die dieses Buch auch erzählt, obwohl es "natürlich keine Handlung hat", stehen nicht als Geschichten für sich, sondern sind alle Teil eines Rituals, das den heiligen, beseelten Zustand des In-der-Musik-Seins im Schreiben beschwören und dadurch wiederholen will. Es geht um den Zustand der absoluten Gegenwart, mit dem die Sprache schon immer seine Schwierigkeiten hatte. Aber Goetz kümmert sich nicht um die Schwierigkeiten. Bei ihm wird dieser eigentlich sprachlose Zustand ganz einfach so beschrieben: "Immer ohne damals, jeder neue Baß. Baß sagte ich zu Siggy, Baß, Baß, Baß." Es geht auch darum, was man in diesem Tanz-Zustand so alles fühlt ("Das Gefühl war toll."), was man sieht ("Lässige Frau, saulässige Bewegungen. Lange schwarze dicke Haare, jungshafter Habitus, lustigerweise mit einem ziemlich breiten Po, in eine tiefsitzende Arbeiterjeans gepackt, toll.") und tut ("Manchmal berührten wir uns an den Händen."). Und natürlich auch darum, wie man diesen Glückszustand verlängern und verlängern und verlängern kann ("Wolfgang und ich rüsseln etwas Patex. 12 Kölsch und 3 Gramm Koks."). Vor allem aber geht es immer wieder um das ozeanische Glücksgefühl, das Rainald Goetz überkommt, sobald er sich den Göttern mit Ziegenbärtchen, Sven Väth oder Westbam oder dem ehemaligen Frontpage-Herausgeber Laarmann, nähern und ungefragt ein paar Sekunden in ihrer Nähe existieren darf. "Die meisten Leute verstehen gar nicht, was Laarmann in Wirklichkeit für ein Typ ist An Laarmann konnte sich ein etwas schmächtigerer Mensch einfach anlehnen und da im Weichen wohlfühlen (solange das Weiche kein Männer-Verschling-Ding ist!). Das tat ich jetzt kurz."Wenn man "Rave" gelesen, was nur bedeutet: mitgebetet hat, ist auch klar, warum Rainald Goetz seit seinem letzten Buch "Festung" fünf Jahre nichts Größeres mehr geschrieben und hin und wieder nur von irgendwelchen Party-Fotos aus Trend-Magazinen in unsere nicht ganz so berauschte Normalwelt hineingegrinst hat. Er war im Nirvana. Im sogenannten erfüllten Leben. Und im Nirvana IST man, da schreibt man keine Bücher. Aber wie ist Goetz da hingekommen und warum ist "Rave" dann doch noch geschrieben worden? Man muß sich das so vorstellen: Früher war Rainald Goetz der wilde Jung-Schriftsteller, der sich beim Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb vor laufenden Kameras die Stirn aufschlitzte. Man konnte denken, das war nur ein PR-Gag, tatsächlich war es natürlich auch ein literarischer Akt, der zeigen sollte, wo er mit seinem Schreiben hinwollte. Nämlich ganz verzweifelt ins wirkliche Leben, hin zur Tat und zum Körper. Aber weil er in seinem Text so kraftvoll wuchtig schreiben konnte wie er wollte und trotzdem immer nur Zeichen und nichts als Zeichen produzierte, schnitt er sich in die Stirn, als Körper-Zeichen und literarisch inszenierten Akt der Verzweiflung. Als Akt des Leidens an den immer fließenden und nie dauerhaft Halt gebenden Diskursen. In "Irre" (1983) beschrieb er die verlogene, selbst völlig verrückt gewordene Welt einer psychiatrischen Klinik und das angeblich vernünftige Argumentieren der Ärzte als perfide Patienten-Entmündigungsstrategie. In "Kontrolliert" (1988) wühlte er sich in das paranoide Herz des Terrorismus hinein. Immer sprach durch die Texte eine Sehnsucht nach Authentizität, nach der Vision einer absolut unentfremdeten Wirklichkeit. Aber immer beschrieb Goetz dabei eben die sozialen Strukturen, die Krankenhaus-Vernetzungen und das vermittelte, medial verzerrte Staatsgebilde, also alles das, was angeblich die ersehnte Authentizität unmöglich macht. Er schrieb in einem lustigen, bayerisch-wuchtigen Hardcore-Gestus, der aus Panik vor der Verlogenheit des Argumentierens immer nur behauptete und dabei gleichzeitig haßerfüllt und vielleicht deswegen so scharf, genau und durchschneidend darstellte. Aber dann, irgendwann um 1990, kam die Musik in Gestalt des Techno über Rainald Goetz, und er merkte, daß er das ersehnte Authentizitätsgefühl hatte. Er war angekommen. Er mußte nicht mehr hassen, weil die aggressiven Bässe seinen Groll aufnahmen und quasi aus dem Körper spülten. Er mußte einfach nur mitschwimmen. Prompt regredierte er vom zornigen Mann zum Kind, das eine Familie gefunden hat und strahlt, wenn es mit Sven Väth im Jeep über Ibiza fährt und endlich, endlich nicht mehr denken muß.Wirklichkeitsundurchlässig Daß "Rave" trotzdem geschrieben wurde, liegt daran, daß die Techno-Hochzeit vorbei ist. Die Familie existiert nicht mehr, die heiligen Freundschaften haben sich aufgelöst. Irgendwie sind die Götter tot, der Rausch ist vorbei, und die Geschichte konnte geschrieben werden. Was hätte das für ein Buch werden können, wenn Goetz mit dem wahrheitsliebenden Blick seiner frühen Texte auf die Szene und auf sich geschaut hätte. Wenn er nicht nur den Rausch, sondern auch die ganze Kaputtheit und die Unwirklichkeit der Gefühle beschrieben hätte. Wenn er, wie in "Irre", auch das sich selbst stilisierende Jugend-Coolness-Ding auseinandergenommen hätte. Aber "Rave" zeigt nur, daß Rainald Goetz inzwischen völlig mit seiner Sprachpose, die anfangs ja einen ideologiekritischen Sinn hatte, verschmolzen ist wie ein alter Pastor mit seinen Floskeln. Er, der so wild auf die Wirklichkeit war, ist absolut wirklichkeitsundurchlässig geworden. Er ist kein Schriftsteller mehr, sondern ein Prediger, der fanatisch seinen Glauben verteidigt und in Heiligenlegenden die alten Zeiten beschwört. "Baß, sage ich zu Siggy. Baß, Baß, Baß." Am Ende erzählt er die Geschichte seiner Clique. Wie man sich in den 80er Jahren getroffen hat und in München das Nachtleben aufmischte. Reisen machte, Pläne hatte, und immer wieder das Saufen als männerbündnerisches Verschweißritual betrieb. Und wie sich das langsam veränderte, und die Freunde eigene Läden aufmachten und nicht mehr so viel soffen, weil sie jetzt Verantwortung hatten. Und wie sein Freund Wolli sogar heiratete, was der Erzähler natürlich als Verrat empfindet und sofort sein noch vorhandenes Verachtungspotential zusammenkratzt und auf Wollis Frau richtet: "Ein Nachtlebenwitz war via Nachtlebenhochzeit zur ganz realbrutalen Echtrealität geworden. Da werden dann Sofas gekauft, kleine Hocker lanciert, Gemälde hängen an der Wand, Fotokunst verschönert einstmals schöne freie Stellen überall, und Nippes aus Nippon und London steht auf einem Bord unter dem efeuumrankten Spiegel am Klo. Neben der Schachtel mit den Tampons, in der und der Größe. So genau wollte man speziell das zum Beispiel lieber gar nicht wissen." Nur der Erzähler macht weiter. Lieber sich selbst treu als Veränderung. "Saufen als Kaputtheit, Alkoholiker-Saufen, no-fun-Saufen, Saufen, wie jeder Säufer: aus Verzweiflung, aus Ekel, Ekel vor allem, vor sich selbst." Und das Ende lautet: "Nein, wir hören nicht auf, so zu leben." Es ist der traurigste Satz des Buches.Rainald Goetz: Rave. Erzählung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1998, 271 S., 38 Mark.