Bauunternehmer Manfred Albrecht erhebt schwere Vorwürfe gegen die Finanzverwaltung / Eberhard Diepgen verteidigt die unbürokratische Hilfsaktion: In der FC Union-Affäre glänzen Dribbelkünstler der besonderen Art

Am Anfang stand die gute Absicht: Um dem chronisch defizitären Ostberliner Fußballklub FC Union beim Ringen um die begehrte Profi-Lizenz beizustehen, versprach der Regierende Bürgermeister Eberhard Diepgen (CDU) unbürokratische Hilfe. Diepgen hielt Wort. Doch die Finanzverwaltung hat sich beim Projekt "Eisern Union" hoffnungslos verdribbelt. Das Zwischenresultat: Dem Land droht ein Millionenverlust, der Rechnungshof hat eine Sonderprüfung eingeleitet, PDS und Bündnis 90/Grüne wollen die Subventions-Affäre per Untersuchungsausschuß aufklären.Schwerwiegende Vorwürfe erhebt der Dortmunder Bauunternehmer und "Mäzen" des Köpenicker Sportklubs FC Union, Manfred Albrecht, gegen die Berliner Finanzverwaltung. Danach soll die Behörde ausdrücklich angeordnet haben, daß von ihr genehmigte Investitionsdarlehen für ein Sportprojekt in der Wuhlheide in Höhe von insgesamt 12 Millionen Mark zweckwidrig der Sanierung des verschuldeten Fußballvereins FC Union zugeführt werden. Albrecht: Empört Der Berliner Zeitung liegt eine zweiseitige Stellungnahme Albrechts vor. Darin behauptet der Bauunternehmer, der sich von November 1994 bis Juni 1996 bei Union als "Mäzen" engagiert hatte, daß er die mit Zustimmung des Senats aufgenommenen Hypothekendarlehen für das Investitionsprojekt Wuhlesportpark in voller Höhe an den FC Union weitergeleitet habe. Diese Vorgehensweise "erfolgte auf zwingende Veranlassung von Herrn Staatssekretär Peter Kurth (CDU)". Dieser habe bereits den Abschluß des im Frühjahr 1995 ausgehandelten Erbbaurechtsvertrages für das Gelände an der Wuhlheide "davon abhängig gemacht, daß durch Belastung des Erbbaurechts aufgenommene Kreditmittel bis zu einer vollständigen Entschuldung des FC Union Berlin ausschließlich an diesen ausgezahlt werden mußten". Die Finanzverwaltung war zu diesen Vorwürfen nicht zu sprechen. Gegenüber dem Berliner Abgeordnetenhaus aber hatte Staatssekretär Peter Kurth mehrfach bestritten, daß es zwischen der Schuldenproblematik des FC Union und der Vergabe des Erbbaurechts an Albrecht einen Zusammenhang gebe. Folglich sei auch die Zustimmung zur Belastung des Grundstücks mit zwei Hypothekendarlehen ausschließlich zu dem Zweck erfolgt, das "Modellvorhaben Sport- und Gewerbepark Wuhlheide" zu realisieren. Hintergrund: Nach geltendem Haushaltsrecht darf die Finanzverwaltung solchen Darlehensanträgen keinesfalls zustimmen, wenn die Kreditsumme anderen als den im Erbbauvertrag vorgesehenen investiven Zwecken zugeführt wird. Kurth: Unterrichtet Wie Kurth dem Parlament weiter erläuterte, sei zumindest der erste an Albrecht ausgereichte Kredit in Höhe von fünf Millionen Mark für das Investitionsprojekt Wuhlesportpark verwandt worden. Albrechts Berliner Anwalt Wolfgang Schneider bestreitet das. Aufgrund der Union-Auflagen der Finanzverwaltung sei bis heute keine Mark in das Projekt investiert worden. Der Staatssekretär sei darüber genauestens unterrichtet.Die Aktenlage der Finanzverwaltung spricht eindeutig für die Sachverhaltsdarstellung Albrechts. In einem Brief an die Hamburgische Landesbank vom Februar dieses Jahres schrieb Kurth zum Fünf-Millionen-Darlehen: "Durch diesen Kredit sollte vorrangig die Entschuldung des FC Union vorgenommen werden."Weil der Termin zur Abgabe der Union-Lizenz-Unterlagen beim DFB drängte, der Verein jedoch unverändert hohe Schulden hatte, sahen sich Finanzsenatorin Annette Fugmann-Heesing (SPD) und Kurth veranlaßt, am 27. Februar ein zweites Darlehen in Höhe von sieben Millionen Mark an Albrecht freizugeben. Diesmal verhängten sie von Amts wegen Auflagen. Danach bedurfte jede Inanspruchnahme des Kredits der Vorabgenehmigung durch das für den Erbbauvertrag zuständige Bezirksamt Köpenick. Zudem sei der Darlehensbetrag "unverzüglich" der Sanierung des Fußballvereins zuzuführen.Entsprechend wurde verfahren. Wie Bezirksbürgermeister Klaus Ulbricht (SPD) bestätigte, gingen zwei Millionen für die Steuerschulden des Vereins ans Finanzamt, 500 000 Mark wurden für Zinsen zurückgestellt, der Rest sei dem FC Union direkt zugute gekommen. Laut Anwalt Wolfgang Schneider jedoch wurden vom Wuhlheide-Kreditkonto selbst die Kosten des laufenden Spielbetriebs bedient. Zum Teil seien die Überweisungsformulare direkt von der Geschäftsstelle des FC Union vorgefertigt und Albrecht zur Abzeichnung zugeleitet worden. Ein so kompliziertes Verfahren, daß die AOK Probleme gehabt habe, überwiesene Krankenkassenbeiträge der Union-Spieler in Höhe von 107 000 Mark korrekt zuzuordnen. AOK: Verwirrt Die Anfinanzierung des Wuhlesportparks wurde bei all diesen Verfügungen nicht berücksichtigt. Für das Land Berlin eine problematische Situation. Denn legt Albrecht bis zum Jahresende kein belastbares Finanzierungskonzept für den Wuhlesport- und -gewerbepark vor, fällt das Grundstück mitsamt den Schulden an Berlin zurück. Zudem hat sich die Finanzverwaltung gegenüber der Hamburgischen Landesbank verpflichtet, die offenen Forderungen aus diesem Deal spätestens zum 31. Januar 1997 abzulösen.Einen Teil dieses Risikos trägt nach einem einstimmigen Bezirksamtsbeschluß der Bezirk Köpenick. Platzt das Wuhlheide-Projekt, müssen im Bezirksetat des nächsten Jahres sieben Millionen Mark eingespart werden. Dennoch würden alle Bezirksstadträte diesen Beschluß jederzeit wieder fassen. Das Geld sei schließlich Union zugute gekommen, und "das Identifikationsobjekt Union" sei nicht nur für Köpenick von herausragender Bedeutung. Daß gegen elementare Regeln des Haushaltsrechts verstoßen wurde, stört Bezirksbürgermeister Ulbricht nicht im geringsten. Die Akten des Bezirks zu diesem Vorgang jedenfalls seien "sauber". Was zutrifft. Denn in den Bezirksbeschlüssen zum Investitionsvorhaben Wuhlheide wird der FC Union mit keiner Silbe erwähnt.Selbst in Sachen Baurechts-Option ist die Lage eindeutig. Laut Sport-Bezirksstadtrat Dirk Retzlaff (PDS) sind alle Behauptungen falsch, denen zufolge der FC Union diese Option an Albrecht verkauft habe. Vielmehr sei Union diese Option am 21. Juli 1994 fristlos gekündigt worden, weil der Verein Nutzungsgebühren in Höhe von 40 000 Mark schuldig geblieben sei. Im Lager Albrecht schlägt diese Nachricht ein wie eine Bombe. Denn Albrecht hatte sich am 1. März 1995 vertraglich verpflichtet, Union für den "Rücktritt" von der Baurechts-Option 15 Millionen Mark zu zahlen. Albrecht-Anwalt Schneider: "Die haben offenkundig etwas verkauft, was sie gar nicht mehr besaßen." Gezahlt hat Albrecht jedenfalls reichlich. Bislang gut elf Millionen Mark, wie der Anwalt schätzt. Den Ärger hat der Bauunternehmer noch dazu. Denn weil er seine Zahlungen an Union ausdrücklich nicht als Spende deklariert hat, ist der Gesamtbetrag umsatzsteuerpflichtig. Eine Klage Albrechts gegen Union wird vor diesem Hintergrund immer wahrscheinlicher. Setzt sich der Dortmunder damit durch, wäre die Aktion "Union-Entschuldung" grandios gescheitert. Schon jetzt erhebt der Bauunternehmer Anspruch auf die Transfererlöse des Vereins, schließlich habe er das Gros der Spielerkäufe aus eigener Kasse vorfinanziert.Bezirksbürgermeister Ulbricht will jetzt wenigstens das aus den Sportpark-Darlehen drohende Etatrisiko abwenden. Es gebe Investoren, die das Investitionsprojekt in der Wuhlheide auch ohne Albrecht bauen wollen. Doch über das Gelände hat derzeit allein Albrechts "Sport- und Einkaufspark Berlin-Köpenick Wuhlheide Immobilien GmbH und Co. KG" das Sagen. Der Bauunternehmer hat durchsickern lassen, daß er die KG an einen Interessenten seiner Wahl verkauft, wenn er selbst nicht zum Zuge kommt. Das einzige Plus dieser Albrecht-Gesellschaft aber ist der mit dem Land abgeschlossene Erbbaurechtsvertrag, dessen Subventionswert von der Finanzverwaltung in einem internen Vermerk auf 82,785 Millionen Mark beziffert wird. Diepgen: Eisern Eberhard Diepgen steht all diesen Verwicklungen zum Trotz eisern zu seiner Grundsatzentscheidung. "Natürlich" habe es bei der Wirtschaftsansiedlung Sport- und Gewerbepark Wuhlheide "eine Rolle gespielt, inwieweit in diesem Rahmen eine Hilfe für Union erfolgen kann". Die Kritik der Opposition an dieser "bewußten Entscheidung für Union" läßt der Regierende Bürgermeister nicht gelten: "Mir fällt bei der Debatte auf, daß in der Vergangenheit von PDS-Vertretern immer wieder behauptet wurde, man würde Union und andere Institutionen im Osten plattmachen. Wenn man jetzt eine im Rahmen anderer wirtschaftlicher Überlegungen geleistete Hilfestellung für Union attackiert, so ist dies ein typisches Beispiel für die Widersprüchlichkeit und Unglaubwürdigkeit dieser Partei." +++