Von den hunderttausenden Schwulen und Lesben, die am vergangenen Wochenende in Berlin für ihre Rechte auf die Straße gegangen sind, waren die meisten 1977 wohl noch Kinder. In jenem Jahr, weit vor Gay-Pride und Homoehe, zeigte die ARD zur besten Sendezeit (21.15 Uhr) das Fernsehspiel "Die Konsequenz". Nach dem autobiografischen Bericht des Schweizer Schauspielers und Autors Alexander Ziegler erzählte Regisseur Wolfgang Petersen in "Die Konsequenz" die Geschichte einer schwierigen Liebe: Im Gefängnis verliebt sich der homosexuelle Martin, verurteilt wegen "Verführung eines Minderjährigen", in den 16-jährigen Thomas, Sohn eines Aufsehers. Bald erfahren Eltern und Gefängnisleitung von der verbotenen Liebe. Thomas wird in ein Erziehungsheim abgeschoben und dort von Erziehern und Mitzöglingen psychisch drangsaliert. Als sich Martin und Thomas - Jahre später in Freiheit - wiedersehen, sind sie gebrochene Menschen. Wolfgang Petersen galt zu diesem Zeitpunkt als Meister heikler Sujets. Erst Monate zuvor hatte er mit dem WDR-Tatort "Reifezeugnis" ebenfalls mit einer Tabuliebe Aufsehen erregt. In "Reifezeugnis" spielte die junge Nastassia Kinski eine Schülerin, die ein Liebesverhältnis mit ihrem Lehrer hat. Nach dem gleichen Muster provozierte auch "Die Konsequenz" vor allem dadurch, dass der Film seine tragische Lovestory nicht mit moralisch anklagendem Ton, sondern bis ins Kitschige hinein mitfühlend erzählte.Das war zu viel der romantischen Einfühlung für den konservativen Bayrischen Rundfunk, der sich am Ausstrahlungsabend von "Die Konsequenz" aus dem ARD-Gemeinschaftsprogramm ausklinkte und für die Zuschauer seines Sendegebiets zwei Spielfilme zeigte. Damit blieb der BR seiner strikten Haltung treu. Schon 1973 war er der bundesweiten Ausstrahlung des Bekenntnis-Films "Nicht der Homosexuelle ist pervers ..." von Rosa von Praunheim ferngeblieben. Die Vorzensur hatte letztlich das Gegenteil bewirkt. Nur durch diesen Skandal fand der Praunheim-Film überhaupt einen Kinoverleiher.Auch im Fall von "Die Konsequenz" führte das Sendeverbot zu einer erhöhten Aufmerksamkeit und einer bundesweiten Kinoauswertung. Die beiden Hauptdarsteller des Films wurden so über Nacht zu nationalen Berühmtheiten: den erst 17-jährigen Ernst Hannawald hatte Petersen buchstäblich auf der Straße entdeckt. Jürgen Prochnow, der den straffälligen Liebhaber Martin gespielte hatte, besetzte Wolfgang Petersen 1981 als raubeinigen Kapitän in seinem Kriegsepos "Das Boot." Für Ernst Hannawald wurde "Die Konsequenz" auf ganz andere Art sein Schicksalsfilm. Der begabte Laiendarsteller verkraftete die unerwartete Popularität auf Dauer nicht. Er wurde kokainabhängig und 1998 bei einem Raubüberfall auf frischer Tat ertappt. Hannawald verbüßte daraufhin eine mehrjährige Gefängnisstrafe.An dieser Stelle erinnern wir an Sendungen vergangener Jahre. Diesmal: Die Konsequenz; ARD 1977.CINETEXT Verbotene Liebe: Ernst Hannawald und Jürgen Prochnow.