BERLIN, 5. Juli. In der deutschen Stromwirtschaft mehren sich die Zweifel an der Zukunftsfähigkeit der Kernenergie. Das Bayernwerk, einer der großen Betreiber von Kernkraftwerken, wird vorerst keinen Antrag auf Einleitung eines Genehmigungsverfahrens für den von Siemens und der französischen Firma Framatome gemeinsam entwikkelten Europäischen Druckwasser-Reaktor (EPR) stellen. Da dies die Bedingung für neue Atomreaktoren ist, wird deren Bau zusehends unwahrscheinlicher. Bundesumweltministerin Angela Merkel (CDU) forderte dagegen am Wochenende von der Atombranche eine möglichst schnelle Realisierung dieser neuen Reaktor-Generation, die die bisher betriebenen Atomkraftwerke ablösen sollte.Effizienz fraglichWie eine Sprecherin des Bayernwerks gegenüber der "Berliner Zeitung" einräumte, sei derzeit überhaupt nicht abzusehen, ob und wann das Unternehmen als Konsortialführer der großen Elektrizitätskonzerne einen EPR-Genehmigungsantrag stellen werde. Der frühere Bayernwerk-Aufsichtsratschef Jochen Holzer hatte Anfang 1997 einen solchen Antrag seines Unternehmens noch für dieses Jahr angekündigt. Offiziell gibt das Bayernwerk an, die EPR-Entwicklungsarbeiten von Siemens und Framatome seien derzeit noch nicht so weit vorangeschritten, daß die Einleitung des Genehmigungsverfahrens gerechtfertigt werden könne. In Branchenkreisen heißt es jedoch, mehrere große Stromunternehmen zweifelten an der Wirtschaftlichkeit der neuen Reaktor-Generation. Einerseits stehen mit der Liberalisierung der Strommärkte ausreichend preiswerte Stromimport-Kapazitäten zur Verfügung, andererseits hat die Kernkraft insbesondere gegenüber der neuen Generation von Gas- und Dampfturbinenkraftwerken erheblich an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Die Investitionskosten für solche Erdgas-Kraftwerke liegen deutlich unter den Milliardenaufwendungen für ein neues Kernkraftwerk. Zudem steht nach Einschätzung der Energiewirtschaft für den für solche Investitionen erforderlichen Zeitraum Erdgas in ausreichenden Mengen zu vertretbaren Preisen zur Verfügung. Selbst Bayernwerk-Chef Otto Majewski wies deshalb im November darauf hin, daß der neue Siemens/Framatome-Reaktor nur dann eine Chance auf Realisierung habe, wenn er bei den Kosten gegenüber den Gas- und Dampfturbinenanlagen mithalten könne. Genehmigung möglichNoch nicht entschieden ist vor diesem Hintergrund, ob sich auch künftig alle deutschen Kernkraftwerksbetreiber wie bisher per Umlage an der weiteren Finanzierung der neuen Kernkraft-Technologie beteiligen. Dagegen hatte Merkel in der "Bild am Sonntag" zum EPR-Reaktor erklärt: "Als für die Sicherheit zuständige Ministerin will ich nicht, daß die Atomtechnologie auf dem Ist-Zustand beharrt. Wäre das so, dann hätte sie in der Tat keine Zukunft." Die Bundesregierung hatte in den Energiekonsensgesprächen mit den Sozialdemokraten ausdrücklich darauf bestanden, der Kernenergiewirtschaft den Bau von EPR-Atomkraftwerken zu ermöglichen. Bei der Novellierung des Atomgesetzes Mitte letzten Jahres wurden die rechtlichen Voraussetzungen zur Durchführung eines dafür notwendigen Genehmigungsverfahrens geschaffen.