Die Polizei ging offenbar davon aus, daß der Kaufhauserpresser "Dagobert" kein Menschenleben gefährden will. Das ergab gestern die Vernehmung eines Kriminalbeamten im Prozeß gegen Arno Funke.Nur die Rücken der Angeklagten und des Hamburger Kriminalhauptkommissars Manfred Hölter sind zu erkennen, als sie am Richtertisch stehen. Gemeinsam schauen sie sich Dias aus den Gerichtsakten an und fachsimpeln miteinander."Hier habe ich gestanden", sagt der 43jährige Funke, dem Sprengstoffanschläge und räuberische Erpressung vorgeworfen werden, und tippt auf das Bild. Locker gehen der mutmaßliche Kaufhauserpresser und sein Verfolger miteinander um. Zwei Jahre lang arbeitete Hölter in der Sonderkommission "Dagobert" als Hauptsachbearbeiter. Eine Zeit, in der auch eine Psychologin die Briefe "Dagoberts" auswertete. Über die Einschätzung der Psychologin kann Hölter zwar nichts sagen. Aber über seine Eindrücke. Etwa von dem Geldabwurfgerät, das die Polizei an einen Zug anbringen mußte. "Das war mit viel Liebe hergestellt", so der Ermittler. "Da war super und sauber gearbeitet worden." Zwar nahmen die Kommissare die Drohungen und Sprengexplosionen ernst. Aber auf Nachfrage betont der Hamburger auch: "Wenn wir davon überzeugt gewesen wären, daß Menschenleben auf dem Spiel stünden, hätten wir mit Sicherheit anders reagiert."Der Bombenleger habe keinen Schaden anrichten, sondern demonstrieren wollen, "ich kann es machen, wenn ich will". Briefe, in denen die Drohungen schärfer wurden, wertet Hölter als "Gefühlsschwankungen" des Erpressers. "Wir hatten eine Linie. Bei der sind wir geblieben." Diese Erwägungen erklären das jahrelange Katz-und-Maus-Spiel. Die Polizei wollte das geforderte Geld nur herausgeben, "wenn wir nicht anders hätten handeln können". "Dagobert" wiederum machte die Vorgaben. "Exzellente Vorbereitungen", sagt Hölter. "Die Polizei war ständig vor neue Aufgaben gestellt."Die Geldübergaben verzögerten sich: mal durch die Technik. Gelegentlich wichen die Beamten von den Vorgaben ab. In anderen Fällen sicherten sie scharf den Übergabeort ab. Aber auch Papierschnipsel wurden dem Erpresser angedreht.Ebenso kalkulierten die Beamten die Vorsicht des Erpressers ein. So befanden sich Hölter zufolge auf dem Einschienenfahrzeug die geforderten 1,4 Millionen Mark. Die Lore kippte um. "Dagobert" blieb in Deckung.In Steglitz legte die Polizei den Beutel zunächst neben den Abwasserschacht, in dem "Dagobert" sich befand. Erst eine halbe Stunde später folgte die Polizei seinen Anweisungen und ließ den Beutel in den Schacht. Da war "Dagobert" schon auf und davon. Verteidiger Wolfgang Ziegler gelangte deshalb zu dem Eindruck, daß die Soko die Geldübergaben absichtlich scheitern ließ. +++