Der Berliner Strafverteidiger Stefan Conen sieht die Angeklagte Beate Zschäpe in der Defensive.

Herr Conen, kann Frau Zschäpe ihre Verteidiger loswerden?

Die bloße Unzufriedenheit über die Verteidiger und Uneinigkeit über die Strategie sind keine zwingenden Gründe für eine Entpflichtung. Es soll auch nicht möglich sein, dass ein Angeklagter jederzeit die Gelegenheit hat, einen Prozess zum Platzen zu bringen.

Das heißt, Zschäpe muss ihre Verteidiger behalten?

Grundsätzlich schon, es sei denn, die hohen Anforderungen der Rechtsprechung zum Beleg eines zerrütteten Vertrauensverhältnisses wären erfüllt. Allerdings sind die Verteidiger jetzt in einer Zwickmühle. Sie wollen sich gegen möglicherweise ungerechtfertigte Vorwürfe wehren, die sie auch in der Öffentlichkeit herabsetzen. Andererseits sind ihnen die Hände gebunden, weil sie unter Schweigepflicht stehen und der Angeklagten nicht schaden dürfen.

Im Zuge dessen, was nun folgt, kann es zu einer Zerrüttung kommen. Im Ergebnis läuft das für Zschäpe in keinem Fall günstig. Die bisherige Strategie lautete wohl, sie als eher untergeordnetes Heimchen für die untergetauchten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos darzustellen. Doch wie sie es angeht, sich ihrer Verteidiger zu entledigen, deutet nicht nur an, dass sie in prekären Lagen entschlossen handeln kann, sondern auch, dass sie selbst auf unbekanntem Terrain wie diesem Strafprozess ihr Schicksal selbst in die Hand nimmt. Zum Heimchen passt das nicht.

Könnten denn andere Verteidiger das Mandat überhaupt übernehmen?

Ich halte es nicht für wahrscheinlich, dass es einen seriösen Verteidiger gibt, der sagt, die bisherigen 128 Verhandlungstage interessieren mich nicht; ich steige frisch ein. Die bisherige Beweisaufnahme gibt es nirgendwo verschriftlicht. Da kann man nicht seriös agieren.

Möglich wäre, dass Zschäpe sich mit ihren Verteidigern zusammenrauft und lediglich einen durch Austausch hinzuzieht, der ihr Vertrauen mehr genießt, was immer das bei Frau Zschäpe heißen mag. Das Problem ist: Wenn sie jetzt frei reden will, ist ja nicht ausgeschlossen, dass auch rechtsextremere Ansichten aus ihr heraussprudeln. Das macht die Verteidigung für ihre bisherigen Anwälte, die ja insoweit Wert auf Distanz legen, nicht einfacher.

Hätten die Verteidiger nicht von vornherein die Finger von dem Prozess lassen sollen – zumal Anja Sturm sich schon anfangs Kritik anhören musste?

Nein, ich finde die Verteidiger verdienen Achtung dafür, dass sie sich diesem Extremprozess gestellt haben. Man muss sich allerdings fragen, ob man eine Verteidigung gut und unbefangen führen kann, wenn man in einem derart medial präsenten Prozess öffentlich Wert auf größtmögliche Distanz zwischen sich und der mutmaßlichen Geisteshaltung der Mandantin legt. Man kann diesen Prozess nicht entpolitisieren. Und man muss es dann auch aushalten, eine mutmaßlich rechtsradikale Person zu verteidigen.

Ist das zumindest für Frau Sturm nicht auch menschlich ein Schlag? Sie hat wegen der Kritik an dem Mandat sogar Berlin verlassen und ist in eine Kölner Kanzlei gewechselt.

Ein Mandant ist einem Anwalt nicht menschlich verpflichtet. Anwälte sind letztlich reine Dienstleister. Man kann da kaum Rücksichten erwarten. Für Frau Zschäpe geht es um das ganze Leben. Dass sie keine Rücksichten auf Befindlichkeiten nimmt, kann man ihr schwerlich vorwerfen.

Werden die Verteidiger, die alle noch ziemlich jung sind, Opfer ihres eigenen Ehrgeizes?

Das kann ich überhaupt nicht beurteilen. Ehrgeizlos können sie eine solche Verteidigung nicht gut führen. Fest steht: Wenn der Mandant sich gegen seinen Anwalt wendet, dann ist das schwierig - auch wenn es weitergeht.

Das Gespräch führte Markus Decker.