Was bisher nicht da war, sticht mehr ins Auge als das, was plötzlich fehlt. Neue Gebäude in der Straße fallen auf, während Abgerissenes nur ein vages "Da war doch mal was"-Gefühl hinterlässt. Es gibt viele Wörterbücher neuer Begriffe, aber nur selten macht sich jemand die Mühe, wie die Lexikonautoren Bodo Mrozek oder Nabil Osman bedrohte und untergegangene Wörter zu versammeln. (Bedroht sind der Bergfex, das Exportbier, der Turnbeutelvergesser und die Mischkassette; ausgestorben das Seelgeräth, der Zulp und die Tändelwoche.)Vor diesen Wahrnehmungspräferenzen ist auch die Trendforschung nicht gefeit, und so beschäftigt sie sich meistens mit dem neu Aufgetauchten (Viagra, Einwegkontaktlinsen, Web 2.0) oder dem gleich morgen zu Erwartenden. Dabei ist auf der Welt nicht unbegrenzt Platz für neue Produkte und Praktiken. Hin und wieder muss etwas aussterben, um Platz für Nachrücker zu machen. Die 2007 vorgestellte "Extinction Timeline" der Trendforscher Richard Watson, Ross Dawson und Kollegen verzeichnet Ausgestorbenes und vom Aussterben Bedrohtes von der jüngeren Vergangenheit bis in die jüngere Zukunft, sprich: von 1950 bis 2050. Privatsphäre, Apartheid, Polaroidfotos sind schon von uns gegangen, Flicken und Reparieren verschwinden angeblich gerade. Für die Zukunft stehen Aschenbecher (2010), Festnetztelefone (2012), Bibliotheken (2018), Web 2.0 und die Malediven (beides 2022) auf der Roten Liste. Spam hält sich bis 2035, zwischen 2040 und 2050 verabschieden sich Krawatten, Hausarbeit, Wohnzimmer und Google.Was die Timeline nicht berücksichtigt: Evolutionär begünstigten Dingen kann es gelingen, nach dem Wegfall ihrer Primärproblemlösungskompetenz eine neue ökologische Nische zu finden. So dürfen sich Polizisten vor der britischen Botschaft in Berlin bei schlechtem Wetter in von der Telekom gestiftete, grün umlackierte Ex-Telefonzellen zurückziehen. (Nationalstaaten, und damit eventuell auch ihre Botschaften, sollen laut Watson und Dawson noch bis nach 2050 Bestand haben.) In einigen europäischen Großstädten wurden die letzten verbleibenden Telefonzellen zu Internetzellen umgewidmet, die Internetzugang via WLAN bieten. Allerdings wird sich das Wetterschutz-Modell voraussichtlich als zukunftssicherer erweisen, denn Anfang 2008 kündigte Johan Bergendahl, Marketingchef des schwedischen Telekommunikationsunternehmens Ericsson, das Aussterben der WLAN-Hotspots an: "Hotspots wie bei Starbucks werden die Telefonzellen des Breitband-Zeitalters sein." Wer über UMTS oder das noch schnellere HSDPA seinen eigenen Handy-Internetzugang mit sich herumträgt, ist weder auf Starbucks noch auf Hotels, Flughäfen oder Telefonzellen angewiesen, die kabelloses Internet zu Fantasiepreisen feilbieten. Für den Monatspreis einer aktuellen Handy-Datenflatrate bekommt man etwa vier Stunden Telefonzellen-WLAN oder zwei Stunden Hotel-Internet. Dafür setzt zumindest die Telekom beim Bezahlverfahren in WLAN-Zellen auf das relativ zukunftssichere Zahlungsmittel "Münzgeld" (noch bis 2033).Auf der Liste der Trendforscher unerwähnt bleiben zudem die letzten Pornokinos im öffentlichen Raum, die man zügig unter Denkmalschutz stellen sollte, wenn unsere Kinder und Enkel dereinst etwas darüber erfahren sollen, wie eigentlich Weiterbildung und Freizeitgestaltung in Prä-Internetzeitalter aussahen. Dass diese Etablissements Jahrzehnte nach Einführung der Videokassette (ausgestorben ca. 2002), der Videothek (noch bis 2013) und der DVD (2018) überhaupt noch existieren, lässt sich durch ihre vermutlich auf dem Stand von 1972 eingefrorenen Mieten nicht hinreichend erklären. Hier hilft nur die wolkig-philosophische Wendung von der "Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen". Ebenfalls unter dem Radar der US-Trendforscher hindurchgeschlüpft ist das soeben von Nestlé prophezeite Aussterben der Küche - zumindest im Singlehaushalt. Der finale Siegeszug des Convenience Food soll ihr endgültig den Garaus machen. Wozu das dann nutzlose Zimmer umgewidmet werden kann, ist noch nicht klar, aber vermutlich läuft es auf einen Rauchersalon für das hinaus, was nach dem Rauchen kommt. Oder auf einen Tischtennisraum. Denn Tischtennis ist ebenso für die Ewigkeit gemacht wie die auf Papier gedruckte Tageszeitung.