Barcelona - Ein ruhiger Herbsttag in Barcelona. Ein ausländischer Tourist, der in letzter Zeit keine Nachrichten aus Spanien verfolgt haben sollte, wird in den Straßen der katalanischen Hauptstadt nichts Besonderes bemerkt haben. Doch für viele Katalanen war dieser Sonntag ein historischer Tag: Sie hatten zum ersten Mal die Gelegenheit, in einer landesweiten Abstimmung ihre Meinung über die mögliche staatliche Unabhängigkeit Kataloniens zu äußern.

Wer wusste, was in Barcelona und in den mehr als 900 anderen katalanischen Gemeinden an diesem Sonntag geschah, dem fielen am Vormittag die langen Schlangen vor vielen öffentlichen Gebäuden auf. Geduldig warteten die Menschen auf die Gelegenheit, in einem der 1317 Wahllokale ihre Stimme abzugeben. 1,977 Millionen Menschen haben abgestimmt – eine beeindruckende Zahl, ein Riesenerfolg – zumal, wenn man bedenkt, dass diese Abstimmung zwar großen symbolischen, aber keinen rechtlichen Wert hat.

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Seit fast einem Jahr hatte die katalanische Regionalregierung unter Ministerpräsident Artur Mas diesen Wahltag vorbereitet. Weil nach der spanischen Verfassung ein Unabhängigkeitsreferendum nicht möglich ist, wollte Mas zumindest eine Volksbefragung abhalten, um die Stimmung der Katalanen einzufangen – doch die spanische Regierung unter ihrem konservativen Premier Mariano Rajoy stellte sich quer. Schließlich nannten die Katalanen ihre Befragung einen „Bürgerbeteiligungsprozess“. Auch den wollte die Rajoy-Regierung noch verhindern, doch diesen letzten Einspruch ignorierten die katalanischen Organisatoren.

Zweimal Ja

Dass die Abstimmung am Sonntag schließlich mit Hilfe von mehr als 40 000 Freiwilligen stattfinden konnte, spreche für „einen sehr friedlichen, sehr glücklichen Prozess“, sagte Ricard Gené von der Katalanischen Nationalversammlung (ANC), einer mächtigen Bürgerinitiative, die seit dreieinhalb Jahren für die Unabhängigkeit Kataloniens wirbt. „Das Ergebnis spielt dabei nicht die größte Rolle“, ergänzte Muriel Casals vom Kulturverein Òmnium Cultural – allein die Tatsache, dass der Urnengang gegen alle Widerstände aus der Hauptstadt Madrid über die Bühne ging, war für sie ein Erfolg.

Die übergroße Mehrheit derer, die gestern zur Wahl gegangen sind, wollten zweimal mit Ja stimmen: Ja zu der Frage, ob Katalonien ein Staat sein solle, und Ja zu der Frage, ob dieser Staat ein unabhängiger sein solle. Die meisten Gegner der Ablösung von Spanien blieben zuhause, weil sie wussten, dass die Abstimmung rein symbolische Bedeutung hatte.

Eine kleine spanische, antinationalistische Zentrumspartei, UPyD, wollte den Urnengang noch in letzter Minute mit rechtlichen Mitteln stoppen und forderte die Staatsanwaltschaft zum Eingreifen auf. Doch die beschränkte sich darauf, eine Liste der Abstimmungslokale anzufordern, falls es später noch Ermittlungen gegen die Veranstalter geben sollte. Wählerlisten gab es vorsichtshalber nicht. Zur Teilnahme reichte die Vorlage des Personalausweises. Die Urnen waren aus Pappkarton zusammengeklebt worden.

Der katalanische Ministerpräsident Mas zeigte sich unbeeindruckt: Sein Ziel sei eine künftige „definitve Befragung“. „Wir verdienen das Recht, in einem rechtskräftigen Referendum abzustimmen, und das ist etwas, was vielleicht in Madrid verstanden wird.“ Sollte dies nicht der Fall sein, werde seine Region den Prozess dennoch weiter vorantreiben. Nach einem Einvernehmen mit dem spanischen Staat sieht es derzeit allerdings nicht aus.