MADRID. "Ich bin reifer geworden." Das sagt einer, der seit Jahren Vorträge hält und Interviews gibt und dabei auch bisher keine Anzeichen von Unreife erkennen ließ. Aber der Film, sein Film, habe ihm noch einmal einen Schub gegeben. Denn jetzt ist Pablo Pineda nicht mehr nur der erste Junge mit Down-Syndrom, der Abitur gemacht hat, ist er nicht mehr nur der erste Mann mit Down Syndrom und Universitätsabschluss, jetzt ist er ein Filmstar. "Schon vorher haben mich die Leute auf der Straße erkannt", erzählt der 35-Jährige, "aber da kannten sie nur Berichte über mich. Jetzt kommen Leute und sagen: Bist du nicht der Schauspieler? Ja, es stimmt: ich bin Schauspieler. Das finde ich viel lustiger."Auf dem Filmfestival von San Sebastian im vergangenen Herbst wurde Pineda für seine Rolle als Daniel in dem spanischen Film "Yo también" mit der Goldenen Muschel als bester männlicher Hauptdarsteller ausgezeichnet, den Preis für die beste weibliche Hauptrolle bekam seine Filmpartnerin Lola Dueñas. Der Film, seit gestern in Deutschland unter dem Titel "Me too - Wer will schon normal sein?" im Kino, erzählt die Liebesgeschichte von einem Mann mit Down Syndrom, der sich in eine Arbeitskollegin ohne dieses genetische Merkmal verliebt. Die Regisseure und Autoren, Antonio Naharro und Álvaro Pastor, haben sich für die Figur des Daniel von Pinedas Leben inspirieren lassen. Dass er nicht einfach sich selbst gespielt hat, sondern in die Rolle eines anderen geschlüpft ist, überzeugte die Jury in San Sebastian.Dennoch sieht Pablo Pineda seine Zukunft nicht beim Film. Er bereitet sich auf eine Aufnahmeprüfung in den Staatsdienst vor, "ich möchte etwas Soziales tun, etwas, was den Leuten hilft". Seine außergewöhnlichen Erfolge an der Schule und an der Universität haben ihn längst in eine Rolle gebracht, die er sich zwar nicht ausgesucht hat, die er aber mit Selbstverständlichkeit ausfüllt: die des Vorkämpfers für ein "Kollektiv", wie er selbst die Menschen mit Down Syndrom nennt. "Ich glaube, dass man weiter kämpfen muss für die gesellschaftlichen Werte", sagt er, "besonders jetzt, in Zeiten der Krise."Seinem Kollektiv steht eine Gesellschaft gegenüber, zu der Pineda ein gespaltenes Verhältnis hat. Wenn er sagt, dass er reifer geworden sei, dann meint er damit auch eine neue Haltung zu den anderen: "Ich laufe nicht mehr mit der Idee rum: Ui, wie schlimm ist die Gesellschaft, wie feindselig. Ich habe mich geändert. Die Schuld für meine Probleme ist nicht nur die der anderen, sie kann auch meine sein." Pablo Pineda ist, wer er ist, auch weil ihn Eltern, Lehrer, Mentoren unterstützten, sie ihn mit der kurz nach der Geburt gestellten Diagnose nicht als hoffnungslosen Fall abstempelten.Bei Menschen mit dem Down Syndrom ist das Chromosom 21 dreifach, nicht wie üblicherweise zweifach, in jeder Zelle vorhanden. Der medizinische Begriff heißt deshalb Trisomie 21. Es ist bei den Betroffenen ganz unterschiedlich ausgeprägt, es zeigt sich in einigen körperlichen Auffälligkeiten, auch die Intelligenz kann deutlich eingeschränkt sein - muss aber nicht. Pablo Pineda sagt: "Die Gesellschaft hat immer einen Teil der Schuld. Sie ist es, die uns vorverurteilt hat, die gesagt hat, dass wir nicht lernen könnten, dass wir behindert seien oder zurückgeblieben oder geistesgestört. Sie klebt die Etiketten auf. Sie baut dir alle Hürden auf. Das beginnt, wenn der Arzt den Eltern mit bedenklicher Stimme sagt: Hm, ihr Sohn, ihr Sohn ... hat das Down Syndrom."Die angebotene Rolle in "Yo también" hat Pineda angenommen, weil er ahnte, dass der Film helfen würde, die übliche Wahrnehmung der Leute ohne Down Syndrom von Leuten mit Down Syndrom zu verändern. Nicht zuletzt, weil es eine Liebesgeschichte ist. "Warum willst du normal sein?", fragt die begehrte Arbeitskollegin Laura den von Pineda gespielten Daniel. Im richtigen Leben hat er eine Antwort auf die Frage: "Ich will normal sein, um im öffentlichen Dienst zu arbeiten wie jedermann. Um ordentlich zu vögeln wie jedermann. Es gibt so viele Dinge."Mit der Liebe hat es im wirklichen Leben noch nicht geklappt. Er verliebt sich immer in die Schönsten, die Unerreichbaren. "Und die schauen mich an und sagen: Lass uns lieber Freunde sein." Ein Satz, den kein Mann hören möchte. Vielleicht macht er etwas falsch. "Kann sein. Außerdem: Die Down-Syndrom-Leute ... sehr schön sind wir nicht, ehrlich gesagt. Diesen Nachteil haben wir auch." Da muss er erst einmal lachen. Aber den Traum von der Liebe gibt er nicht auf. "Es kommt der Moment, wo du dieses Bedürfnis hast, von jemandem begleitet zu sein, der dich liebt. Ich hoffe, das zu erleben. Ich werde nicht stillstehen, bis ich es geschafft habe."------------------------------Wer will schon normal sein?Vom Suchen und Finden der Liebe handelt der Film "Me too - Wer will schon normal sein?". Es geht um eine Beziehung, die eigentlich unmöglich scheint.Pablo Pineda spielt an der Seite von Lola Dueñas, die durch die Filme "Das Meer in mir" und "Volver" bekannt geworden ist.------------------------------Foto: Pablo Pineda wurde mit dem Down Syndrom geboren. Er will damit nicht abgestempelt sein.Foto: Filmszene mit Lola Duenas und Pablo Pineda