So was nennt man wohl gespaltene Persönlichkeit: Im Fernsehen war Thomas Mertens als Chef des Außendienstes für die Doku-Reihe "Mein Revier - Ordnungshüter räumen auf" lange Zeit auf Kabel 1 zu sehen. In seiner Dienststelle im Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf hingegen soll der Beamte, wenn die Kamera nicht dabei war, ordentlich abgeräumt haben. Dem 41-Jährigen wird vorgeworfen, mindestens 286 000 Euro unterschlagen zu haben. Das Bezirksamt hat Strafanzeige gegen ihn gestellt - wegen des Verdachts der Untreue und Unterschlagung. Das bestätigt die zuständige Stadträtin Barbara Loth (SPD). Ihrem Mitarbeiter sei die Führung der Dienstgeschäfte verboten worden, sagte Loth, die wegen des Vorfalls ihren Urlaub abgebrochen hat. Jetzt ermittelt die Staatsanwaltschaft.Erste Ermittlungen haben ergeben, dass die Unterschlagungen im Jahr 2006 begonnen haben. Mertens soll als Chef der Außendienstmitarbeiter auch dafür zuständig gewesen sein, die Verwarnungsgelder, die seine Kollegen bei den Kiezstreifen bar kassierten, entgegenzunehmen. Wer vom Ordnungsamt erwischt wird, weil er etwa den Kot seines Hundes liegen lässt, kann die 35 Euro Verwarnungsgeld gleich in bar bezahlen. Der Ordnungsamtsmitarbeiter schreibt dann eine Quittung in dreifacher Ausführung. Eine bekommt der Bürger, eine weitere übergibt der Mitarbeiter seinem Vorgesetzten im Büro, der dritte Beleg bleibt im Block, der auch abgegeben werden muss, wenn alle Formulare ausgefüllt sind.Noch ist nicht geklärt, wie es zu den Unterschlagungen über so einen langen Zeitraum kommen konnte. "Das Kontrollsystem ist umgangen worden, wir wissen bloß noch nicht, wie", sagte gestern Stadträtin Loth. Üblicherweise muss Bargeld im Beisein und mit Kontrolle eines Kollegen auf das Konto eines Geldinstituts gezahlt werden. Das sogenannte Vier-Augen-Prinzip soll Korruption im Amt verhindern. Doch immer wieder kommt es zu Betrugsfällen, wenn Mitarbeiter von Behörden Sicherheitslücken ausnutzen und stichprobenartige Kontrollen fehlen.Im aktuellen Fall sollen die Betrügereien bereits Mitte Juli bei einer internen Überprüfung des Bareinzahlungsverfahrens aufgeflogen sein. Zu diesem Zeitpunkt soll Thomas Mertens im Urlaub gewesen sein, man habe ihn erst befragen wollen, mittlerweile soll er ein "gewisses Geständnis" abgelegt haben. Er soll zugegeben haben, "Bareinnahmen nicht ordnungsgemäß abgeführt zu haben", sagte Loth. Mertens war gestern nicht im Dienst und für eine Stellungnahme nicht zu erreichen. Stadträtin Loth sagte, die Ermittlungen richteten sich nur gegen diesen Verdächtigen. Sie widersprach Vermutungen, wonach weitere Mitarbeiter in die Betrugsserie verwickelt sein könnten. Die Mitarbeiter seien nach Bekanntwerden des Vorfalls "grundsätzlich empört und betroffen", sagte die Stadträtin.Mit den Vorfällen im Ordnungsamt Steglitz-Zehlendorf wird sich nun auch die Innenverwaltung beschäftigen. Dort ist man über die Arbeitsweise der Bezirksbehörde sehr verärgert. "Wenn dort alles ordnungsgemäß geprüft worden wäre, hätten diese Betrugsfälle niemals über so einen langen Zeitraum passieren können", sagte gestern ein leitender Beamter. "Das ist verheerend", sagte er. Nächsten Freitag wird das Thema deshalb auch bei der regulären Runde aller Ordnungsamtsleiter der zwölf Bezirke angesprochen.Die Redaktion der Doku-Serie "Mein Revier - Ordnungshüter räumen auf" reagierte gestern überrascht auf die Ermittlungen gegen den bundesweit bekannten Vorzeige-Beamten aus Steglitz-Zehlendorf. Im Fernsehen konnte man Mertens und Kollegen des Ordnungsamtes immer wieder sehen.Vorbildhaft und wortreich sorgten sie für Ordnung in ihrem Revier und halfen, wenn es nötig war, etwa betrunkenen Jugendlichen bei einer Party am Wannsee. "In den kommenden Folgen ist er nicht mehr mit dabei", sagte eine Sprecherin von Kabel 1. Das allerdings war ohnehin so geplant gewesen.------------------------------Kriminell im JobSechs Jahre lang überwies eine Sachbearbeiterin im Sozialamt Spandau jeden Monat bis zu 10 000 Euro auf ihr eigenes Konto und auf das ihres Bekannten. 2002 fiel der Betrug auf, da hatte die Frau bereits 230 000 Euro beiseite geschafft.Zufällig entdeckt wurde im gleichen Jahr ein Betrugsfall in Neukölln. Dort hatte ein Sozialamtsmitarbeiter im Laufe von zwei Jahren etwa 25 000 Euro auf sein Privatkonto überwiesen.Am Arbeitsplatz festgenommen wurde 2003 ein Mitarbeiter im Sozialamt Spandau. Er hatte mehr als 200 000 Euro veruntreut, angeblich aus Mitleid mit seinen Klienten.Unrechtmäßig bereichert hatte sich ein Mitarbeiter des Kulturamtes Köpenick. Er engagierte Künstler für öffentliche Feste und ließ sich dafür jahrelang bezahlen. 700 Euro kamen zusammen. Sein Chef hatte 2003 Verdacht geschöpft und den Mann überführt.Ein Betrugsfall wurde 2004 auch im Sozialamt Pankow bekannt. Eine Sachbearbeiterin hatte sich dort mehrfach mit Geld aus der Landeskasse bereichert.Auf Staatskosten beschäftigte ein Gärtner im Bezirksamt Zehlendorf ihm unterstellte Mitarbeiter. Sie mussten für seine Privatfirma arbeiten. Es entstand ein Schaden von etwa 10 000 Euro. 2006 wurde er wegen Untreue zu einem Jahr auf Bewährung verurteilt.Aus Liebe hatte eine Mitarbeiterin des Sozialamtes Lichtenberg einem Bekannten 740 000 Euro Sozialhilfe ausgezahlt. 2007 bekam sie dafür eine Gefängnisstrafe von drei Jahren und neun Monaten.------------------------------Foto: Immer hilfsbereit: Viele Fernsehzuschauer kennen den Mitarbeiter des Ordnungsamtes, Thomas Mertens. Er war bis Anfang August in der Doku-Serie "Mein Revier - Ordnungshüter räumen auf" zu sehen.