Er ist der offizielle Berlinale-Porträtfotograf: Seit 2003 fotografiert der Berliner Gerhard Kassner, Jahrgang 1959, die Stars des Filmfestivals - in einer Lounge im Grand Hyatt vor der jeweiligen Pressekonferenz. Kurz nach dem Shooting hängen sie bereits im Berlinale-Palast und werden dort von den Schauspielern signiert. So entstehen jährlich 100 bis 120 Porträts in Digitaltechnik. Dazu ein Gespräch mit Gerhard Kassner.Herr Kassner, wie läuft der Kontakt zu den Stars der Berlinale ab?Sie kommen zu mir ins Studio in der VIP Lounge des Grand Hyatt vor der Pressekonferenz. Das heißt, sie sind in dem Moment eher privat. Ganz im Gegensatz dazu, wenn sie dann auf den roten Teppich gehen. Da sind sie wirklich unglaublich mondän, halb nackt und tragen die irrsten Kleider. Zu mir kommen sie nicht im Abendkleid oder im Smoking. Auch Make-up und Haare sind eher zurückhaltend gestylt.Suchen Sie eher einen privaten Ausdruck oder die Aura des Schauspielers?Die aktuellen Filme sehe ich selbst ja erst viel später. Aber bei manchen Schauspielern sehe ich tatsächlich, dass sie gerade diese oder jene Rolle gespielt haben. Daniel Day-Lewis etwa hatte ich dreimal vor der Linse - einmal war er bärtig, vollkommen zugewachsen, einer Rolle entstiegen. Da ist schon spürbar, dass er das, was er spielt, auch wirklich lebt. Aber viele sind auch ganz anders, als man sie aus den Filmen kennt.Wie viel Zeit haben Sie für das Shooting?Das Fotografieren dauert selten länger als eine Minute, die Begegnung selber ein paar Minuten. Das ist schon eine sehr schnelle Konfrontation.Wie läuft das ab? Geben Sie Anweisungen?Nach dem Motto "Kopf hoch, Bauch rein, steh nicht so sackig?" Nein, nein! Ich schlage höchstens vor, den Berlinale-Schal abzulegen, den sie vielleicht gerade bekommen haben. Denn das macht sich an der Wand nicht so gut - vier Porträts nebeneinander mit diesem Schal. Ansonsten sind große Stars natürlich immer perfekt gestylt in der Öffentlichkeit. Also, ich gehe zunächst mit einem Normalobjektiv ran, bewege mich aus der Distanz und zeige der Person gleich am Display was ich mache. Da entsteht eine gewisse Nähe und die Schauspieler sehen, wie ich sie fotografiere.Und nach dem Shooting?Da bekommt mein Assistent die Speicherkarte und übernimmt den technischen Part, sortiert aus, stellt eine Vorauswahl zusammen. Es gibt ja durchaus unscharfe Bilder. Dann sagt er: "Chef, jetzt ist angerichtet!"Das passt ja zu Kosslicks kulinarischem Kino. Wie geht es weiter?Von den 20 bis 40 Bildern sortiere ich fünf bis sechs mögliche aus. Darunter jeweils ein Bild aus der Distanz fotografiert, also amerikanisches Format, und eine Nahaufnahme. Denn an der Wand im Berlinale-Palast muss ein bestimmter Duktus entstehen, eine Gesamt-Komposition.Wer entscheidet, welches Bild gehängt wird?In all den Jahren gab es nur ganz wenige Stars, denen es wichtig war mit zu entscheiden. Zum Beispiel Catherine Deneuve oder Leonardo DiCaprio. Madonna fand übrigens ein anderes Bild schöner als ich. Schlussendlich hatte sie recht, es war das bessere Bild. Es hängt jetzt in meiner Ausstellung.Man fragt sich bei vielen Fotos - sehen die Stars wirklich so makellos aus? Werden die Fotos bearbeitet?Dazu ist gar keine Zeit. Außerdem soll es ja realistisch aussehen. Durchaus auch glamourös, denn wir sind hier im Filmbusiness, aber für eine große Beauty-Retusche fehlt völlig die Zeit. Natürlich werden Frauen etwas weicher behandelt am Rechner und die Männer etwas prägnanter, aber das macht man ja sowieso im Porträt. Und am Licht habe ich über all die Jahre gearbeitet, es immer weiter verfeinert.Haben Sie ein Lieblingsbild?Nicole Kidman 2003, das war ein ganz besonderer Moment. Sie hatte eine ältere strenge Dame dabei, ihre Publizistin, und die hat nach ganz kurzer Zeit gesagt: "Thats it!" Ich war im ersten Jahr und es war der dritte Tag, das war sehr aufregend. Nicole Kidman selbst war ganz offen und entspannt und fragte "Are you sure?", und ich habe einfach bejaht. Ich bin dann sofort an den Computer gerannt und habe die Bilder geladen, und da war wirklich das ganz spezielle Foto dabei, das war ein Glückstreffer, ein ganz besonderes Berlinale-Foto.Die Porträts fallen auch wegen ihrer Größe auf - 80 mal 120 Zentimeter. Man hat Gesichter sonst nicht so nah.Die meisten Stars kennen die Serie, sie sind vorbereitet, wissen, was auf sie zukommt und freuen sich. Das ist schon was Besonderes.Wer hatte die Idee?Unter dem Festivalchef Moritz de Hadeln gab es Polaroids im Format 50 x 60 Zentimeter. Das waren Unikate mit einer riesen Kamera gemacht, wie in Cannes und Venedig. Die Kamera war nur im Team zu handhaben und ließ keine Nahaufnahmen zu. Als meine Arbeit 2003 hier begann, konnte ich erst durch Einsatz der hochauflösenden Digitaltechnik Fotos so groß machen.Wem gehören die Bilder?Das signierte Bild aus dem Berlinale-Palast gibt es ja nur einmal und das wird im Filmmuseum archiviert. Die Daten gehören mir, die habe ich in verschiedenen Banksafes, da kann nichts passieren.Das Gespräch führte Daniela Kloock.-----------------------Eine Auswahl von Fotos zeigt das Hotel Bogota, Schlüterstr. 45, bis 19. Februar, tgl. von 21 bis 22 Uhr stellt GerhardKassner tagesaktuelle Aufnahmen vor.------------------------------Foto: Der Fotograf und sein Motiv: Gerhard Kassner und Keith Richards