FRANKFURT (ODER). "Es ist die höchstmögliche Strafe für den Mörder unserer Tochter, aber wir empfinden keinerlei Genugtuung." Das waren die ersten Worte von Kerstin Brandt, nachdem der Vergewaltiger und Mörder ihrer zwölfjährigen Tochter Ulrike am Dienstag vom Landgericht Frankfurt (Oder) zu lebenslanger Haft verurteilt worden war. "Wir wissen nicht, ob die Strafe auch ein Leben lang vollstreckt wird oder ob ihn ein Gericht nach 18 Jahren auf Bewährung entlässt", sagte die 39-Jährige.Punkt zehn Uhr hatte Richterin Jutta Hecht das Urteil verkündet, auf das die Zuschauer im überfüllten Saal 488 gehofft hatten: Lebenslänglich für den 25-jährigen Stefan Jahn wegen Freiheitsberaubung, Vergewaltigung, sexueller Nötigung und Mordes an der kleinen Ulrike. Jahns Verbrechen sei zudem ein geradezu klassischer Fall für eine besondere Schwere der Schuld, befand die Richterin. Eine mögliche Haftentlassung nach 15 Jahren ist damit ausgeschlossen. Erst zu einem späteren Zeitpunkt kann nun ein Gericht über die Entlassung Jahns entscheiden. Stefan Jahn nahm den Schuldspruch und die Urteilsbegründung völlig regungslos auf. Ganz im Gegensatz zu Ulrikes Mutter, Kerstin Brandt. Sie atmete erleichtert auf. Denn das Gericht war den Anträgen der Staatsanwaltschaft gefolgt und hatte damit das Ansinnen der Verteidiger verworfen, die lediglich eine Verurteilung wegen Totschlags gefordert hatten. Das Gericht lehnte alle strafmildernden Argumente ab: Jahn sei weder betrunken gewesen noch habe er im Affekt getötet. Zudem lägen bei ihm keinerlei psychische Abartigkeiten vor. Kaltschnäuzig Spuren vernichtetRichterin Hecht sah es in ihrer fast zweistündigen Urteilsbegründung als erwiesen an, dass Stefan Jahn die Schülerin planmäßig ermordet hat, um damit seine vorangegangenen Verbrechen zu vertuschen. "Es war eindeutig ein Verdeckungsmord", sagte Hecht. Der Täter habe das Mädchen an jenem 22. Februar auf einem einsamen Waldweg in Eberswalde vorsätzlich mit einem gestohlenen VW Polo angefahren. Er hatte nur ein Ziel: Er wollte das zierliche Mädchen verschleppen, um es zu missbrauchen. "Bei seinen Taten war Jahn besonders erbarmungslos und nutzte seine körperliche Überlegenheit und die Angst des Kindes bewusst aus." Dabei sei er mit einer Brutalität vorgegangen, die weit über das Maß vergleichbarer Fälle hinausgehe. "Auch nach der Tat hat er kaltschnäuzig und berechnend Spuren vernichtet", sagte Hecht. Die Richterin wandte sich auch direkt an Jahn. "Sie können den Eltern das Kind nicht wiedergeben. Sie haben nicht nur das Leben von Ulrike zerstört, sondern auch das der Eltern und der Schwester." Auch er selbst müsse ein Leben lang mit seinen Verbrechen leben. "Sie sollten Ihre Tat ehrlich aufarbeiten und dabei immer von den Qualen ausgehen, die Sie dem Kind angetan haben", sagte Hecht. Als sich der Gerichtssaal kurz darauf leerte, blieb Jahn noch minutenlang mit gesenktem Kopf auf der Anklagebank sitzen. Erst dann führten vier Bewacher Jahn in Hand- und Fußfesseln über einen Hinterausgang aus dem Gericht. Zur gleichen Zeit traten Jahns Verteidiger vor die Kameras der aus ganz Deutschland angereisten Journalisten. "Man kann der Logik des Gerichtes folgen", musste Anwalt Rolf Hilke zugeben. Er ließ offen, ob er das Urteil anfechten wird. "Das hängt von der schriftlichen Urteilsbegründung ab." Drei Meter entfernt sagte der Leitende Oberstaatsanwalt Carlo Weber: "Der öffentliche Druck in diesem Verfahren war enorm." Aber die Staatsanwälte hätten "ihre Hausaufgaben" gemacht, das Gericht sei ihren Argumenten voll gefolgt. Eine wirklich lebenslange Haft sehe das Strafrecht nicht vor. "Jeder Strafvollzug hat das Ziel der Resozialisierung", sagte Weber. Er sprach von einem "insgesamt gerechten Urteil". Dies sehen Ulrikes Eltern und ihre Anwälte etwas anders. "Lebenslang ist zwar richtig", sagte Anwalt Gregor Gysi, "aber nicht gerecht." Bei einer solchen Tat könne immer nur von Strafe, aber nie von Gerechtigkeit gesprochen werden. Ulrikes Mutter hätte es gerechter empfunden, wenn der Mörder für immer weggeschlossen würde. "Bundeskanzler Schröder hat solche Strafen für Täter wie ihn gefordert", sagte Kerstin Brandt. Für sie sei im Prozess deutlich geworden, dass "der Hickhack mit dem Alkohol als strafmindernder Grund" aufhören müsse. Die Mutter hatte an jedem der 14 Prozesstage dem Mörder Ulrikes gegenübergesessen - trotz aller quälender Details. "Das war richtig", sagte sie. "Sonst wäre die Hemmschwelle seiner Verteidiger noch niedriger gewesen. Am Ende hätten sie womöglich noch behauptet, Ulrike wäre selbst an ihrem Tod schuld gewesen, weil sie sich gewehrt hat." Ulrikes Vater Detlef Brandt verwies darauf, dass das rechtlich Mögliche nun getan sei. Doch das Urteil bedeutet für die Eltern noch lange keine Rückkehr zu einem auch nur ansatzweise normalen Leben. Am 1. Dezember wäre Ulrike 13 Jahre alt geworden, das Weihnachtsfest wird traurig verlaufen. "Wir müssen nun vor allem an unsere jüngere Tochter denken", sagte Kerstin Brandt. "Ulrike war jeden Tag mit ihrer Schwester zusammen. Jetzt haben wir das einsamste Kind der Welt zu Hause und können nichts dagegen tun."Rasterfahndung mit Erfolg // 22. Februar 2001: Ulrike Brandt verlässt gegen 15. 30 Uhr ihr Elternhaus im Eberswalder Ortsteil Finow. Stunden später findet ihre Mutter 400 Meter vom Haus entfernt das beschädigte Fahrrad des Mädchens.23. Februar: Die Polizei richtet die 25-köpfige Soko "Finow" ein. Ein Zeuge hat in der Nähe der Fundstelle des Fahrrades zurzeit von Ulrikes Verschwinden Schreie gehört und ein weißes Auto gesehen.24. Februar: Freiwillige Helfer und hunderte Polizisten durchsuchen die Wälder rund um die Entführungsstelle.25. Februar: Spuren weisen darauf hin, dass Ulrike von einem weißen VW angefahren und darin verschleppt wurde. Erst jetzt stellt die Polizei fest, dass am Abend des Entführungstages bei Bernau ein gestohlener und ausgebrannter VW Polo entdeckt wurde.26. Februar: Die Polizei geht davon aus, dass Ulrike entführt wurde und noch lebt. Die Eltern appellieren an die mutmaßlichen Entführer, ihr Kind freizulassen. Die Polizei setzt 3 000 Mark Belohnung aus, zuletzt steigt diese Summe auf rund 200 000 Mark.1. März: Zwei Bundeswehrtornados fertigen Wärmebilder des Gebietes an, in dem Ulrike verschwand. 47 verdächtige Stellen werden ergebnislos abgesucht.8. März: Bei Werneuchen entdeckt der Hund eines Spaziergängers die Leiche Ulrikes.16. März: Ulrike wird in Eberswalde beigesetzt. Mehr als eintausend Menschen trauern mit der Familie Brandt.26. März: Die Rasterfahndung hat Erfolg. Unter Hunderten Fingerabdrücken vorbestrafter Autodiebe findet die Polizei den Abdruck, den der Täter auf einer Flasche in der Nähe der Leiche hinterlassen hatte.28. März: Die Polizei nimmt Stefan Jahn in Fürstenwalde fest. Damit endet der größte Einsatz der Polizei in Brandenburg mit insgesamt 5 500 Beamten. Über 4 000 Hinweise aus der Bevölkerung gingen ein.10. Oktober: Vor dem Landgericht in Frankfurt (Oder) beginnt der Prozess gegen Jahn.20. November: Stefan Jahn wird u. a. wegen Mordes, Vergewaltigung und Kindesmissbrauchs zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht stellt eine besondere Schwere der Schuld fest.DPA/PATRICK PLEUL Kerstin und Detlef Brandt traten in dem Prozess als Nebenkläger auf. Ihr Anwalt Gregor Gysi (M. ) hält das Urteil für richtig, aber nicht gerecht.

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