Bei den 5. Gay Games in Amsterdam gab es Sport und Spaß und jede Menge Solidarität: Sprint mit Straß und Federn

Am königlichen Schloß prangt ein riesiges gelbes Transparent, auf dem die in roten Pinselstrichen hingeworfenen Umrisse einer Tulpe und des Rosa Winkels zu sehen sind das Logo der 5. Gay Games in Amsterdam. Das Logo ist allgegenwärtig: als Fahne auf Kaufhausdächern, Transparent über Einkaufsstraßen, Wimpel an öffentlichen Verkehrsmitteln. Fast wären die Games schon am Anfang zu Ende gewesen: Mißmanagement, Liquiditätsprobleme. Erst eine Millionen-Bürgschaft der Stadt und Finanzspritzen durch Sponsoren haben die Schwulen-Olympiade gerettet.15 000 Schwule und Lesben aus über 60 Nationen kamen nach Amsterdam, um sich in 30 Sportarten wie Fußball, Volleyball, Schwimmen, Schach, Bridge oder Roller-Skating zu messen. Auch Behinderte und HIV-Kranke waren dabei, denn es ging nicht nur um sportliche Höchstleistungen und Medaillen. Auch waren die Wettkämpfe bunter als gewöhnlich. So mancher Athlet trat mit Make-up und falschen Wimpern an, im Fummel, mit Straß oder Federn an der Turnhose. "Freundschaft durch Sport und Kultur" so das offiziös klingende Motto der Gay Games. Poetischer ausgedrückt steht es auf dem "Homomonument" in der Nähe des Anne-Frank-Hauses, errichtet zur Erinnerung an die Verfolgung und Ermordung Homosexueller durch die Nazis: "Nach Freundschaft solch ein maßloses Verlangen". Für viele sind die Gay Games die erste Gelegenheit, sich zur Homosexueller öffentlich zu bekennen. "Es ist toll, zeigen zu können, wer ich bin", sagt Kunda aus Simbabwe, "in meinem Land ist Homosexualität illegal." Für David aus Seattle ist Amsterdam die Welthauptstadt der Schwulen. "In diesen Tagen merken die Heterosexuellen endlich auch mal, was es heißt, eine Minderheit zu sein." Warum brauchen Schwule und Lesben aber eine eigene Sportveranstaltung? Sollte dem Sport die sexuelle Orientierung nicht egal sein? Diese Frage wurde auch in Amsterdam gestellt. Namhafte schwule niederländische Journalisten, wie Henk Krol von der Schwulenzeitschrift "Gay Krant", kritisierten die Spiele als "Apartheid-Veranstaltung". Die Grünenpolitikerin Leoni Sipkes hingegen warf den Kritikern "historischen Gedächtnisverlust" vor. Der Schwulenbewegung, die der Berliner Sexualwissenschaftler Magnus Hirschfeld vor 101 Jahren begründete, sei zu verdanken, daß "diese moralisierenden Prominenten heute in der Lage sind, als Schwule öffentlich sein zu können Unser holländisches Paradies ist unvollständig, solange in Ländern wie Rumänien Schwule noch immer verfolgt und ins Gefängnis gesteckt oder, wie in Afghanistan oder im Iran, gar zum Tode verurteilt werden."Aber auch im Sport selbst steckt ein Grund für die entstandene "Apartheid". Sport bedeutet Entspannung, Vereinsleben, sozialer Kontakt. Das funktioniert nur, wenn man sich beim Training, beim gemeinsamen Bier, bei der Vereinsfeier wohl fühlt. "Wohl fühlt man sich da, wo man keine Angst zu haben braucht, auch über sein privates Leben zu sprechen", sagt der Berliner Markus Caspers, Vizepräsident der Federation Gay Games. Gerade aber in Sportvereinen sei noch oft das Vorurteil anzutreffen, Schwule seien weichlich, tuntig und schwach. Der Verein "Vorspiel Schwuler Sportverein" mußte sechs Jahre Verhandlungen und mehrere verlorene Klagen vor Gericht durchstehen, bis er im April in den Berliner Leichtathletikverband aufgenommen wurde. "Die haben inzwischen bemerkt, daß wir tatsächlich Sport treiben und kein Bumsverein sind", kommentiert Vorstandsmitglied Conradi sarkastisch den späten Erfolg. Die Verbandsfunktionäre rieben sich an dem Vereinsnamen. Auch die Berufungsinstanz des Berliner Kammergerichts war der Ansicht, die Wortkombination "Vorspiel" und "Schwul" sei geeignet, "unsachliche Emotionen" zu wecken. Andere Sportverbände, wie der Berliner Schwimmverband, sind da kooperativer. Das Team Berlin ist mit fast 700 Aktiven in Amsterdam dabei.Im Spitzensport sind Homosexuelle, mit wenigen Ausnahmen wie Martina Navratilova, nicht sichtbar. Sie müssen um ihre Karriere fürchten. Der niederländische ehemalige Profi-Fußballschiedsrichter John Blankenstein war 1990 von der Uefa für die WM in Italien nominiert. "Der Weltfußballverband Fifa hat mich von der Liste gestrichen. Ich sei einige Jahre zuvor in Fifa-Uniform in einer Schwulenbar gesehen worden, hieß es zur Begründung." Auch unter Spitzenfußballern gäbe es Schwule, wie Blankenstein berichtet. Ein afrikanischer Profi-Schiedsrichter beklagte, die Schwulenfeindlichkeit in seinem Land lasse ein offenes Leben als Schwuler nicht zu, ein Coming-out werde seine gerade begonnene Fifa-Karriere gefährden, weshalb er eindringlich bat, anonym zu bleiben. Der offen schwule Belgier Geert Blanchart, Europameister und Vizeweltmeister im Eisschnellaufen, wollte an den Gay Games teilnehmen. Der Internationale Eislaufverband (Isu) hatte jedoch zu Beginn der Spiele bekräftigt, daß weder sein Regelwerk für Wettkämpfe der Gay Games benutzt werden dürfe, noch sei es gleichgeschlechtlichen Paaren gestattet, an offiziellen Eiskunstlauf-Wettbewerben teilzunehmen. Ein Verstoß gegen diese Verbote hätte den sofortigen Ausschluß aus dem Verband und damit von allen sportlichen Wettbewerbe zur Folge. Blanchart und die anderen 120 gemeldeten Teilnehmer, die sich seit Jahren auf die Gay Games vorbereitet haben, sind bitter enttäuscht. Jetzt hoffen sie, daß ihr Verband seine Haltung bis zu den 6. Gay Games 2002 in Sydney ändern wird. Die Eislaufveranstaltungen finden zwar statt, aber nicht als Wettbewerb, sondern als "öffentliches Training für Sydney".Trotz alledem, während der Gay Games empfinden die Teilnehmer Amsterdam als "ein von Ausgrenzung befreites Gebiet". Das "Friendship Village", Zentrum der Games rund um die Oper und das Rathaus an der Amstel, ist eine einzige große Party. Drag Queens aus Los Angeles führen Marilyn-Monroe-Parodien auf, Rockgruppen aus Südafrika machen selbst den müdesten Sportler nach dem Wettkampf wieder munter. Überall in der Innenstadt Bühnen, kostenlose Konzerte. Am ersten Abend versetzte die Gruppe "Bjoern again" mit den alten ABBA-Gassenhauern "Dancing Queen" oder "Waterloo" das Publikum vor dem Schloß in Ekstase. Ernster geht es bei den von amnesty international, Gewerkschaften und andere Organisationen veranstalteten Konferenzen zu, auf denen einige Hundert Aktivisten aus aller Welt Strategien zur Verwirklichung der Menschenrechte für Schwule, Lesben und Transsexuelle diskutieren. Ein Beispiel gibt das niederländische Außenministerium, das finanziell und politisch homosexuelle Menschenrechtsprojekte in Rumänien und anderen Problemländern unterstützt.Mit über 2000 Teilnehmern erwies sich Volleyball als mit Abstand beliebteste Sportart der Gay Games. Ein großer Publikumsrenner ist der Bodybuilding-Wettbewerb, sehnsüchtige Blicke und frenetischer Applaus sind für die schönen Jungs der Lohn für jahrelangs Schinden in der Mukki-Bude. Ausstellungen, Chorfestival und Gottesdienste der verschiedenen Konfessionen rundeten das Programm des weltweit größten schwul-lesbischen Sport- und Kulturfestivals ab, das morgen mit einer großen Abschlußveranstaltung zu Ende geht. Ein Sprecher der Games hat allerdings dementiert, daß mit einem weiteren Auftritt der "Weather Girls" zu rechnen sei. Bei der Eröffnung vor acht Tagen hatten die gewichtigen Damen mit ihrem Kult-Song "It s raining men" die 40 000 Besucher zum Toben gebracht begleitet von 150 strippenden Matrosen.