BERLIN, 18. April. Zwanzig Teilnehmer warten, alle wirken konzentriert. Auf einem Stuhl in der dritten Reihe hat Dietlinde Platz genommen. Sie zittert, wie eigentlich jeden Mittwoch gegen 19 Uhr. Dann beginnt der Toastmasters-Abend, dann muss die junge, berufstätige Mutter vor all diese Leute treten und frei sprechen. Dietlinde und ihre Mitstreiter sind freiwillig hier, in diesem von der Kirche zur Verfügung gestellten Saal, sie möchten ihre Angst vor dem Reden endlich loswerden. Junge Studenten sind in der Gruppe, mittelalte Angestellte, leicht ergraute Akademiker, mehr Frauen als Männer.Zeitnehmer und StilbewerterEin Abend der Toastmasters ist ein Freizeitvergnügen besonderer Art. Man ist unter sich, einen Trainer gibt es nicht. "Jeder hilft jedem dabei, sich zu verbessern", erklärt der Club-Präsident. Dazu übernehmen die Mitglieder wechselnde Parts. Bei jedem Treffen fungieren einzelne Teilnehmer als Zeitnehmer, "Äh"-Zähler und Stilbewerter. Als "Toastmaster of the Evening" führt heute Dieter durch den Abend. Der Ablauf ist stark formalisiert, so wird zum Beispiel jeder Redner mit Handschlag und Applaus begrüßt. Begonnen wird allwöchentlich mit dem "Wort des Abends". Und das hat diesmal die Grundschullehrerin Dietlinde vorbereitet.Sie erzählt von der südkumbischen Verdumpfung, einer Vokalverschiebung. Ihr recht sicher vorgetragener Redebeitrag wird - auch das ist wichtig - kräftig von den Anwesenden beklatscht. Dann müssen Fritz und Dieter ran: Auf das "Wort des Abends" folgen wie gewohnt der "Tipp des Abends" und der "Witz des Abends". Hauptsache, gut und souverän erzählt, lustig muss es gar nicht sein.Dann wird es komplizierter: Horst, 46 Jahre alt und momentan arbeitslos, ist relativ neu in der Gruppe und hält an diesem Tag seine "Icebreaker-Rede". "Ich sage ja zu meinem Leben" lautet der Titel seiner Rede. Horst trägt seine Gedanken ruhig vor, nur seine Augenlider, die ab und zu flackern, verraten, dass er doch ein bisschen aufgeregt ist. Horst erzählt von seinem ungewöhnlichen Werdegang, der einen Hauptschulabschluss, ein erfolgreich absolviertes Philosophie- und ein Maschinenbau-Studium umfasst. Nun sei er nach langen Jahren der Berufstätigkeit als Ingenieur arbeitslos - und empfinde dies als Chance. Horst bekommt viel Applaus für seine sehr persönliche Erstlings-Rede und geht erleichtert zurück zu seinem Stuhl.Die Toastmasters zählen heute weltweit rund 9 000 Clubs, darunter 28 in Deutschland. Eine Mitgliedschaft kostet etwa 30 Euro pro Halbjahr. Das ist eine günstige Form der Weiterbildung, keine Frage. Johannes ist schon länger im Club. Der 30-jährige Kaufmann verliert bei seiner Rede für fortgeschrittene Anfänger, die sich mit dem 3x3 des freien Redens beschäftigt, ein paar Mal den roten Faden - und hat deshalb schnell eine ähnliche Gesichtsfarbe. Am Anfang hat er selbst gesagt: "Ich darf nicht zu schnell reden, ich muss Blickkontakt halten und soll nicht so viel knicksen." Genau das passiert. Johannes verhaspelt sich, blickt oft zu Boden und wippt lustig in den Knien. Das gibt Punktabzug.Jedes Club-Mitglied arbeitet sich durch ein Handbuch mit verschiedenen Redeprojekten. Die Anforderungen steigen dabei sukzessive an: Frei reden und dabei Augenkontakt mit dem Publikum halten, ein möglichst abwechslungsreiches Vokabular verwenden, Körper, Mimik und Stimme einsetzen, die Zuhörer amüsieren und sie schließlich - bei der Rede Nummer zehn - von einer Idee begeistern. Wer dieses Programm absolviert hat, gilt als "Competent Toastmaster". Und soll, muss, kann sich dem nächsten Handbuch für Fortgeschrittene zuwenden.An diesem Abend wird auch noch die Stegreifrede geübt. Zu welchem Thema, vor welchem imaginären Publikum und an welchem Ort die Redner sprechen, wird ihnen vorgegeben. Bis zu zwei Minuten haben die Vortragenden Zeit. Ulrike erzählt Senior-Studenten von einem Besuch im Planetarium, Friedrich muss eine Hochzeitsgesellschaft für eine Kläranlage am Rande der Stadt begeistern. Eine gelbe Lampe signalisiert das nahende Zeitlimit, eine rote dessen Überschreitung. Grammatik-Fehler, die Zahl der Ähs und die Füllwörter werden mitprotokolliert.Geheime AbstimmungAm Ende jeder Veranstaltung erfolgt die Bewertung sämtlicher Reden. Zu den Ausführungen des Stilbewerters kommt das Ergebnis der geheimen Abstimmung. Bei jedem Treffen gewinnt ein Redner, Ruhm und Ehre sind ihm gewiss, zumindest an diesem Abend.Das alles klingt nach großem Ernst. Doch während der Toastmaster-Abende wird viel gelacht und gescherzt. Klaus sagt: "Berufsbedingt muss ich regelmäßig vor Mitarbeitern sprechen und möchte einem solchen Moment entspannt begegnen können. Seitdem ich regelmäßig zu unseren Treffen komme, bin ich schon viel ruhiger geworden." Einer seiner Mitstreiter empfindet das gepflegte Bierchen nach den vielen Reden als größeres Vergnügen.Informationen zu den Toastmasters-Aktivitäten unter www.toastmasters.org------------------------------Foto: Julia Roberts interpretierte die Oscar-Dankesrede im Jahr 2001 sehr frei.