Viele bunte Scheinwerfer, laute Musik, gekühlte Getränke, Klimaanlagen: Dass Clubs enorme Stromfresser sind, darüber denkt man auf der Tanzfläche nicht wirklich nach. Dabei verbraucht ein durchschnittlicher Club jährlich etwa so viel Strom wie 40 Drei-Personen-Haushalte. Dass sich das ändern muss, ist mittlerweile vielen Akteuren weltweit klar. Und es hat sich schon einiges getan: LED-Leuchten sparen in manchen Clubs bereits 30 Prozent des Stroms und vor drei Jahren eröffnete in Rotterdam ein Club, in dem die Gäste durch ihr Tanzen selbst Strom erzeugen. Im März startete in Nordrhein-Westfalen "Green Club Index", das erste deutsche Projekt zum Thema Energieeffizienz im Clubbereich. Initiiert wurde es von der Green Music Initiative aus Berlin-Mitte, die die Nachhaltigkeit in der Musikbranche verbessern will. "Wandel erreicht man nicht mit Verboten", sagt deren Gründer Jacob Bilabel, "sondern mit Träumen. Wir wollen zeigen, was man alles trotzdem noch darf". Denn: Nachhaltigkeit soll auch Spaß machen. Wie die Fahrraddisco. Sie findet diesen Sonnabend beim Festival "Über Lebenskunst" statt.Hauptstadt-Premiere hatte sie im August 2010. Da radelten mehr als 200 Partygänger von der Bar25 in den Treptower Park, um dort nachhaltig zu feiern. Und das sah so aus: Neben dem DJ-Pult waren vier Fahrräder aufgebockt. Darauf strampelten Freiwillige und erzeugten die notwendigen Wattmengen. Das mussten sie kontinuierlich tun, denn sonst fiel die Musik aus. "Leute zu finden, die in die Pedale treten, war kein Problem", erinnert sich Jacob Bilabel. "Sie haben sogar Schlange gestanden. Wir waren völlig überrascht, wie gut das ankam." Eigentlich hätten er und seine Kollegen nur herausfinden wollen, ob Clubgänger, von denen es ja heißt, dass sie nur konsumieren, auch bereit sind, etwas fürs Vergnügen zu tun. Fazit: Ja, sie sind es.Bilabel hat auch eine Erklärung dafür. "Die Fahrraddisco hat natürlich einen besonderen Reiz", sagt er. "Normalerweise ist der DJ der Held der Party, hier sind es aber jene, die in die Pedale treten." Ohne die geht gar nichts. "Zehn Minuten hält man durch", meint Bilabel, für den das Strampeln "kein gemütliches Hometraining" ist. "Die müssen richtig reintreten." Wegen des hohen Widerstands. Der wird stärker, je mehr Bass zu hören ist. Das hätte letztes Jahr zu reger Interaktion zwischen DJ und Radfahrern geführt: Machte der DJ einen Break, konnten sich die Radler ausruhen. Ein Handzeichen vom DJ, bevor er den Bass dann wieder reinschob, bedeutete: Achtung, strampeln! Machte jemand schlapp, blieben ungefähr zehn Sekunden, bevor die Musik erst leiser wurde und dann ausfiel. Drei oder viermal sei das passiert, sagt Bilabel. Aber nur kurzzeitig. Ob genügend Watt erzeugt werden, zeigt eine Säule an, die neben den Rädern aufgebaut ist. Sinkt die Anzeige in den roten Bereich, wird es brenzlig für die Tänzer und die Fahrer. Denn einen Generator als Absicherung gibt es nicht. "Es ist ein klarer Deal: Wenn keiner tritt, gibt es keine Musik." Auch auf dem Melt!-Festival wäre die Sache ein Erfolg gewesen, berichtet Aylin Tambay von Morgenwelt aus Hamburg. Die Initiative organisiert deutschlandweite Events zu Nachhaltigkeit und ist Eigentümerin der Apparatur. Bei Melt! haben sie auf dem Campingplatz eine eigene kleine Bühne mit den Rädern betrieben. "Auf dem Weg zum Festivalgelände haben Leute bei uns angehalten, sich alles angesehen, mitgemacht und auch getanzt", sagt Tambay und erzählt, dass die Schwierigkeit beim Treten nicht nur von der Bassstärke abhängt, sondern auch von der Lautstärke. Soll es richtig wummern, würde eine untrainierte Person vielleicht nur ein Lied lang durchhalten, bei Singer-Songwriter-Musik dagegen drei oder vier. Dass man auch in Clubs bald strampeln muss, ist nicht die Idee hinter dem Konzept. "Die Fahrraddisco ist nur ein Experiment", sagt Jacob Bilabel. Eines von vielen auf dem Weg in eine klimafreundlichere Zukunft. Früher war Bilabel Manager bei Universal. Dann gründete er sein eigenes Unternehmen, dass Konzepte zur Verminderung des CO2-Ausstoßes entwirft. "Den Klimawandel aufzuhalten ist keine technische Frage", sagt er, "man muss die Gesellschaft umgestalten". Und dazu müsse man "sozial experimentieren". Das Ergebnis des Experimentes: "Du kannst mit 300Leuten und vier Fahrrädern eine richtige gute Party haben - ganz ohne die großen Stromkonzerne."-----------------------Fahrraddisco: Sonnabend 17-22 Uhr, Haus der Kulturen der Welt, Eintritt frei.------------------------------Foto: Du, da hinten - strampeln! Rechts wird getanzt zur Musik, die links schweißtreibend erzeugt wird