PARIS. Der linke Schuh drückt, ausgerechnet am kleinen Zeh. Zum Glück bin schon unterwegs zur Pediküre. Nicht zu irgendeiner. Nein, kleine Fische sollen mir die trockene Haut wegputzen von Fersen, Sohlen und Zehen. Im ersten Kosmetik-Salon von Paris, der Fußpflege mit Fischen anbietet. Mitten im Quartier Latin beim Jardin de Luxembourg gegenüber der Weinbar "Le vin qui danse" befindet sich der "RufaFish Spa".Zwei junge Damen empfangen mich, nehmen mir Mantel und Tasche ab. Der niedrige Raum mit alten Balken und Sandsteinwänden riecht ein bisschen feucht. Aber das ist auch kein Wunder, schließlich stehen an der linken Wand zehn Glasbecken mit Fischen, alle noch zugedeckt mit dunklen Holzplatten. Bevor die eigentliche Pediküre losgeht, werden meine Füße in einer Dusche mit Desinfektionsmittel eingesprüht und mit Wasser abgespült. Um die Fische zu schützen und auch alle Kundinnen und Kunden, die an diesem Tag dasselbe Becken benutzen werden. Dann setze ich mich auf die Bank über den Aquarien und die Kosmetikerin Elsa nimmt den Deckel von einem Becken: Ich blicke in ein Gewimmel von kleinen braunen Fischen in kristallklarem Wasser. Auf dem Grund des Beckens leuchten bunte Glaskiesel zwischen schwarzen Steinen. Das Fisch-Gewusel kann mich nicht schrecken. Als Kind musste ich mein Aquarium immer selbst saubermachen. Das war längst nicht so appetitlich wie dies. Hier gibt es zwar ziemlich viele Fische - rund 150 pro Becken -, aber sie sind ganz zierlich, nur zwei bis zweieinhalb Zentimeter lang. Als ich meine Füße langsam ins Wasser gleiten lasse, flitzen alle los und machen sich an die Arbeit. "Sie lieben tote Haut", erklärt Elsa. "Für sie ist das ein Leckerbissen." Bei mir erzeugt das sanfte Stupsen und Knabbern der Mini-Fische ein prickelndes Gefühl. Es ist ein bisschen, als wären die Füße eingeschlafen, nur dass das unangenehme Ziehen fehlt. Das Prickeln geht unter die Haut, wandert tief in den Fuß hinein und entspannt wunderbar. "Das aktiviert die Blutzirkulation", sagt Elsa. Ich spreize die Zehen und gleich flutschen ein paar kleine Viecher dazwischen. Ich schlenkere mit den Beinen und die Fische bleiben wie festgesaugt daran hängen. Als ich mich hinstelle, schießen sie die Waden hoch."Bekommen die Kleinen sonst gar nichts zu fressen?", frage ich. Elsa beruhigt mich. Abgestorbene Haut allein reiche nicht. Die Fische bekommen auch anderes Futter. "Und abends nach ihrem Arbeitstag haben sie sich ihre Vitamine verdient." In allen Becken plätschert es beständig. Das Wasser wird abgesaugt, gefiltert, mit UV-Licht gereinigt und wieder eingeleitet.Garra Rufa heißen diese Fische. Auf Deutsch nennt man sie rötliche Saugbarben, wie das Lexikon später erklärt. Die Garra Rufa kommen aus der Türkei. Dort werden sie auch Kangalfische genannt - nach der Region, aus der sie stammen. "Wir benutzen sie nur zur kosmetischen Fußpflege, aber in der Türkei werden sie auch therapeutisch eingesetzt gegen Psoriasis und Ekzeme", erklärt Elsa. Beim Berühren der Haut mit dem Maul sollen sie ein Sekret absondern, dem lindernde Wirkung nachgesagt wird.Im Becken nebenan schwimmen etwas größere Fische. Sie sind ein wenig älter und rund fünf Zentimeter lang. Nicht unbedingt etwas für Anfänger, sagt Elsa. Ich darf trotzdem. Ich spüre, wie die winzigen Lippen ganz leicht zwicken. Es ist, als würden mir die Füße geküsst! Nach 20 Minuten ist das Fisch-Bad zu Ende. Und als ich die abgetrockneten Füße anfasse, fühlt sich die Haut ganz weich und seidig an. Anders als bei der klassischen Pediküre ist nicht geraspelt, gehobelt oder geschmirgelt worden. Dafür ist auch nicht ganz so viel Hornhaut weg wie sonst. Doch Elsa versichert mir, dass sich nicht so rasch neue Verhärtungen auf der Haut bilden, wenn nicht so aggressiv zu Werke gegangen wird. Ob das stimmt, werde ich sehen.Neugierig wäre ich nach dieser Erfahrung auf ein Bad in einer Wanne voller Garra Rufa. "Wenn die dann auch die paar überflüssigen Pfunde abknabbern würden, wäre das perfekt!", sagt eine ältere Dame neben mir an der Kasse, wo wir 49 Euro für die komplette Fisch-Pediküre mit Bad, Nagelpflege und Massage zahlen. Mir kommt es jetzt schon so vor, als seien meine Füße ein Kilo leichter geworden.------------------------------Auch in der WanneGarra Rufa können bis zu 14 Zentimeter groß werden. Sie gehören zur Familie der Karpfenfische und kommen unter anderem im Euphrat-Tigris-System sowie in einigen Küstenflüssen Nordsyriens und der südlichen Türkei vor.Am bekanntesten sind die Knabberfische aus der Region Kangal in der Türkei, wo die Tiere einen 35 Grad warmen Bach besiedeln. Weil dort Nahrungsmangel herrscht, entdeckten die Fische die im Bach Badenden als Futterlieferanten.In Deutschland bietet das Hotel "Das Erlenbach" in Bad Mergentheim Wannentherapien mit Garra Rufa an. Zweimal zwei Stunden täglich steigt man dort ins Wasser. Für die Therapie werden mindestens vier Wochen empfohlen.------------------------------Foto: Hungrig stürzen sich die Fische auf die Hautschuppen an den Füßen. Das Stupsen und Zwicken fördert zudem die Blutzirkulation.