Einige Anwohner des US-Weltraumbahnhofs Cape Canaveral flohen am 13. Oktober 1997 aus ihren Häusern und verließen ihren Heimatort. Sie fürchteten ein Unglück beim Start der Weltraumsonde "Cassini", die an diesem Tag vom nahegelegenen Kennedy Space Center zum Saturn aufbrechen sollte. An Bord hatte die Sonde 32 Kilogramm hochradioaktives Plutonium für ihre Energieversorgung mehr als bei jeder anderen Weltraummission zuvor.Der Start verlief erfolgreich. Aber die Bedenken sind geblieben. Cassini fliegt auf einer komplizierten Bahn zum Saturn, den sie erst am 1. Juli 2004 erreichen soll. Auf ihrem Weg dorthin wird sich die Sonde im Schwerefeld der Venus, der Erde und des Jupiters Schwung holen. Im August nähert sie sich unserem Planeten deshalb noch einmal bis auf fünfhundert Kilometer und das mit einem Rekordtempo von 68 000 Kilometern pro Stunde. Gerät Cassini dabei vom Kurs ab und schlägt auf der Erde auf, so wird mit Sicherheit Plutonium frei. Das gibt auch die US-Raumfahrtbehörde Nasa zu. Allerdings hält sie eine solche Panne für extrem unwahrscheinlich.Lassen sich Plutonium-Generatoren wie an Bord von Raumsonden überhaupt rechtfertigen? Das war eine der Fragen, die kürzlich auf einem internationalen Kongreß der Technischen Universität (TU) Darmstadt von kritischen Wissenschaftlern, Raumfahrt-Verantwortlichen und Militär-Experten diskutiert werden sollte. Die Veranstaltung mit dem Titel "Weltraumnutzung und Ethik" verlief allerdings etwas anders, als die Organisatoren es geplant hatten. Vertreter der europäischen Weltraumagentur Esa und des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) zogen ihre Teilnahme etwa eine Woche vor Kongreßbeginn zurück. Es entstand der Eindruck, die Vorstände von DLR und Esa wollten sich einer kritischen Auseinandersetzung entziehen."Die Verfügbarkeit einiger unserer Leute hat sich kurzfristig geändert", begründet dagegen Esa-Kabinettschef Karl Reuter die Absagen. Allerdings habe man auch "die übliche Polemik einiger Redner" erwartet, fügt er hinzu. "Wir haben unseren Mitarbeitern die private Teilnahme an der Veranstaltung freigestellt", sagt DLR-Sprecher Peter Zarth. Eine Dienstreise zur Tagung war demnach nicht möglich. Die Vertreter des DLR hätten Urlaub beantragen und für die Reise- und Kongreßkosten selber aufkommen müssen.Zarth betont, daß es intern durchaus kontroverse Diskussionen über das Thema "Weltraumfahrt und Ethik" beim DLR gebe. "Wir haben auch Kontakt zur Friedens- und Begegnungsstätte Mutlangen." Diese Einrichtung spielte eine führende Rolle bei den Aktionen gegen das Cassini-Projekt, die sich unter anderem gegen die Esa und das DLR richteten. Denn beide Agenturen sind an der Mission beteiligt: Sie steuern die Sonde Huygens bei, die mit Cassini zum Saturn reist und dort auf dem Mond Titan landen soll.Bedenken gegen den Einsatz von Kernkraft im All sind von Umweltschützern immer wieder vorgebracht worden. Doch das hat die Nutzung von radioaktivem Material nicht verhindern können. Die Cassini-Kritiker hatten argumentiert, mit weiterentwickelten Solarzellen ließe sich das Plutonium ersetzen. Der Wissenschaftschef der Esa, Roger Bonnet, hielt damals dagegen, daß es jenseits des Mars einfach zu dunkel für eine ausreichende Energieversorgung mit Sonnenlicht sei.Die sowjetische Raumfahrtagentur startete reihenweise militärische Radar-Aufklärungssatelliten, die mit Kernenergie arbeiteten. Einer von ihnen, "Kosmos 954", ging 1978 zu Bruch, und seine radioaktiven Trümmer regneten zur Erde zum Glück auf ein fast unbewohntes Gebiet im Norden Kanadas.Auch bei der russischen Mission "Mars 96", an der sich Deutschland beteiligte, war Plutonium an Bord. Die Sonde geriet im Herbst 1996, einige Stunden nach dem Start, außer Kontrolle und stürzte ab, wahrscheinlich in den Pazifischen Ozean. Trotz dieser Unglücke und der Kritik der Umweltschützer ist ein Ende der Kernenergienutzung im All nicht abzusehen. In Amerika werden weiterhin Reaktoren für Weltraumzwecke entwickelt."Bisher steht die Ethik bei der Planung von Weltraummissionen hintan", resümiert deshalb der Darmstädter Physiker Jürgen Scheffran, einer der Organisatoren der Weltraumethik-Tagung. Statt dessen seien die Interessen der verantwortlichen Wissenschaftler, Politiker, Militärs oder Firmenvertreter entscheidend.Scheffrans Urteil läßt sich mit Beispielen belegen. So explodierte in China am 14. Februar 1996, 22 Sekunden nach dem Start, eine Rakete des Typs "Langer Marsch 3B". Dabei kamen nach chinesischen Angaben sechs Menschen ums Leben. Ein israelischer Beobachter vor Ort und andere Augenzeugen sprachen von etwa hundert Opfern. Die Amerikaner machten China damals Vorwürfe, die die Verantwortlichen zurückwiesen: Es handele sich um einen Verstoß gegen die Menschenrechte, so die Antwort aus Peking, wenn man die armen Menschen, die in der Nähe der startenden Raketen leben, von dort vertreiben würde. Amerikanische Firmen lassen ihre Satelliten auch weiterhin mit konkurrenzlos billigen chinesischen Raketen starten. Vom Risiko der Anwohner spricht niemand mehr.Auch darüber, daß Tausende von Tieren im All ihr Leben lassen mußten, wird nur selten geredet. Das erste Opfer war der Husky-Mischling Laika. Sowjetische Wissenschaftler hatten die Hündin im November 1957 in den Weltraum geschossen. Erst Jahre später, am 12. April 1961, brach mit Juri Gagarin auch ein Mensch ins All auf und kehrte unversehrt zurück. Laika dagegen kam etwa eine Woche nach ihrem Start in ihrer winzigen Kapsel um.Was die Sowjets seinerzeit als bedauerliche Panne darstellten, war in Wirklichkeit nie anders geplant gewesen. Für eine Rückführung der Hündin hatte man überhaupt keine Vorkehrungen getroffen. Laika erstickte, nachdem der begrenzte Sauerstoffvorrat an Bord aufgebraucht war."Wir haben an dem Haus in Moskau, in dem sie trainiert und auf ihren Raumflug vorbereitet wurde, eine Erinnerungsplakette angebracht", schrieb Oleg Gazenko an die Fachzeitschrift "Space News". Der sowjetische Weltraumbiologe war Ende der fünfziger Jahre für Tierversuche im All verantwortlich. "Obwohl mir ihr Tod leidtut, kann ich doch den erheblichen Beitrag, den sie für die Raumfahrt geleistet hat, nicht leugnen", resümierte Gazenko.Der inzwischen 79jährige ist nicht der einzige, der sich mit der moralischen Seite von Tierversuchen im Weltraum befaßt. In Amerika melden sich immer häufiger Tierschützer zu Wort. Denn auch in der US-Raumfahrt kamen schon viele Tiere ums Leben. So schickte die Raumfahrtbehörde Nasa im Juni 1969 den Affen Bonnie im "Bio-Satelliten 3" in die Erdumlaufbahn. Er sollte 30 Tage im All bleiben. Schon nach neun Tagen reagierte er auf die Signale von der Erde nicht mehr normal. Man holte ihn früher als geplant zurück. Doch nach der Landung starb er.Seither sind immer wieder Tiere ins All geschossen worden und haben ihren Einsatz nicht überlebt. Das letzte große Weltraum-Sterben ereignete sich im April und Mai letzten Jahres im Rahmen des Nasa-Unternehmens "Neurolab-1". Ein Raumtransporter startete mit 152 Ratten, 18 schwangeren Mäusen, 229 Schwertfischen, 135 Schnecken und anderen Lebewesen insgesamt waren es rund zweitausend Tiere. Etliche wurden von den Astronauten selbst mit einer eigens ersonnenen Miniatur-Guillotine geköpft, viele starben unerwartet im All. Noch größere Tier-Opfer, so warnen jetzt amerikanische Tierschützer, seien für die Internationale Raumstation ISS (International Space Station) vorgesehen, mit deren auf etwa fünf Jahre angesetzten Aufbau im vergangenen November begonnen wurde. Wenn man die Planung für ISS nicht noch ändere, sagt zum Beispiel Neal R. Barnard von "Ärzte-Komitee für verantwortliche Medizin" in Washington, dann würden wieder Tausende von Ratten, Mäusen, Fischen, Schnecken, Seeigeln, Insekten und anderen Lebewesen "sinnlos geopfert"."In ihren Verlautbarungen hat die Nasa immer wieder betont, daß lebende Kreaturen Respekt verdienen", moniert Barnard. "Doch die beabsichtigten Tierexperimente strafen diese Worte Lügen." Nach den Weltraumflügen von bisher rund vierhundert Menschen habe man genügend medizinische Daten gesammelt. Die sollten erst einmal ausgewertet werden.Die Nasa hat ein Prinzipien-Papier für den Umgang mit Tieren verfaßt. Damit will die Raumfahrtagentur sicherstellen, daß bei allen Versuchen gewisse Standards eingehalten werden. Diese Grundsätze sind allerdings äußerst vage formuliert.Klare Vereinbarungen für die Regelung von Weltraumangelegenheiten existieren lediglich, wenn die Interessen mehrerer Staaten aufeinandertreffen, etwa bei Schadensfällen. So mußte die Sowjetunion für das Einsammeln der radioaktiven Trümmer ihres 1978 abgestürzten Radar-Satelliten "Kosmos 954" sieben Millionen Dollar an Kanada überweisen.Ein internationales Abkommen untersagt die Stationierung von Massenvernichtungsmitteln im All. Ebenso ist die Entwicklung und Erprobung von Waffen im Weltraum durch Abkommen untersagt. Es gibt aber bereits amerikanische Initiativen, derartige Verbote zu unterlaufen und Laser-Kanonen zu entwickeln, die im All getestet werden sollen. Auch der Mond ist durch internationale Regelungen geschützt. Ein Vertrag aus dem Jahr 1979 soll sicherstellen, daß unser Nachtgestirn nicht von jeweils einem Staat als territorialer Besitz requiriert werden kann so wie früher die Kolonien der Europäer. Dieses Abkommen ist allerdings auch ein weiteres Beispiel dafür, daß nationale Interessen häufig wichtiger sind als moralische Überlegungen. Denn bislang haben nur 13 Staaten den Vertrag ratifiziert. Weder Rußland noch die Vereinigten Staaten konnten sich bislang zur Unterschrift entschließen.