LEBUS. Der Schatz schlummerte fast 3 000 Jahre lang im Burgberg von Lebus, einem kleinen Ort an der Oder. Niemand wusste von ihm. Dann lagen die Kostbarkeiten vier Monate auf einer Deponie für Bauschutt. Da waren Archäologen dem Schatz schon auf der Spur. Sie hofften, dass es ihn wirklich gibt und dass er in einem von drei großen Erdhaufen liegt.Die Erde stammte aus der Baugrube für ein Einfamilienhaus am Burgberg. Das vier Hektar große Gebiet, so viel ist heute bekannt, war in der Bronzezeit durchgängig von etwa 500 Menschen besiedelt. Immer wieder wurden Objekte aus dieser Zeit gefunden. Deshalb wollten die Archäologen auch vor Ort sein, als Anfang Mai der Keller des Hauses gegraben wurde. Doch sie kamen eine halbe Stunde zu spät. Das Erdreich war bereits auf der Deponie entsorgt. Trotzdem suchten sie weiter. "Jemand fand ein Bronzebeil", erzählte Franz Schopper vom Landesamt für Denkmalpflege. Mehr nicht. Doch dann entdeckten zwei zwölfjährige Schüler auf den Abraumhalden zwei weitere Beile.Einzelfund oder Eisberg?"Wir wussten nicht: War das schon der ganze Schatz oder nur die Spitze des Eisbergs", sagte Schopper. Die Fachleute wollten sicher gehen. Im Juli begannen Jugendliche einer archäologischen Arbeitsbeschaffungsmaßnahme die 250 Kubikmeter Erde durchzusieben. "Das ist etwas langweilig", sagte Enrico Rändel, "erst wenn man etwas findet, wird es spannend." Zu diesem Nervenkitzel verhalf ihnen der Hobbyarchäologe Frank Slawinski am 26. August, als er die Berge mit seinem Metalldetektor absuchte. Nach zwei Stunde gab die Sonde ein Signal. "Es war ein edles Metall, das stand fest", sagte er. Wie sich herausstellte, war der Eisberg geortet. "Größer geht s nicht", sagt er stolz, "größer wäre nur das Bernsteinzimmer." In einem Kubikmeter Erde lagen 105 Einzelteile dicht beieinander. Sie wurden vermutlich in einem Tongefäß vergraben: 101 Beile, zwei Fußringe, ein Stück eines Schwertes und ein Bronzeklumpen.Am Dienstag wurde der sensationelle Fund in Potsdam präsentiert. "Wir waren überrascht, dass der Fund so groß ist", sagte Schopper, "der größte aus der Bronzezeit zwischen Elbe und Weichsel." Der Landesarchäologe Jürgen Kunow, weigert sich aber, den Schatz als Jahrhundertfund zu bezeichnen. Das Jahrhundert sei noch jung. "Aber der letzte vergleichbare Fund wurde 1953 bei Guben gemacht", sagte er. "Solche Funde kann man nicht planen, sie sind Zufall." Deshalb sei es sinnvoll, Baumaßnahmen in einstmals besiedelten Gebieten archäologisch zu begleiten. Auch wenn immer wieder der Vorwurf laut wird, damit die Wirtschaft aufzuhalten. "Bisher wurde durch uns noch keine Investition verhindert", sagt der Chefarchäologe. Dafür wurden in den vergangenen zehn Jahren mehr Funde gemacht als in den Jahrzehnten zuvor.Das Besondere am Schatz von Lebus ist, dass er zeigt, wie bedeutsam die Region in der Bronzezeit war. "Lebus war damals ein Zentrum der Welt", sagt Schopper. Ein Großteil der Beile stamme aus Frankreich, England, Skandinavien oder der Alpenregion. Das beweist, dass die Vorfahren weit verzweigte Handelsbeziehungen hatten. Erst später lief Frankfurt (Oder) der Ortschaft Lebus den Rang ab und noch heute heißt eine polnische Woiwodschaft Lebuser Land.Kulturministerin Johanna Wanka (CDU) betonte die Bedeutung des Fundes für die Forschung. "Damals gab es noch keine schriftlichen Aufzeichnungen." Die Geschichte könne also nur über Funde dieser Art entschlüsselt werden. Deshalb soll der Schatz auch ab 2006 in einem neuen Landesmuseum für Archäologie in Brandenburg/Havel ausgestellt werden. "Doch zuvor wird der Fund in Lebus gezeigt", sagte sie.Ein Beil für eine Kuh // Bronzezeit: In Brandenburg gab es kein Kupfer und Zinn, um Bronze zu gießen. Das Metall musste importiert werden. Der 22,5 Kilogramm schwere Fund von Lebus ist der größte zusammenhängende aus der Bronzezeit in Norddeutschland und Polen. Andere Funde wogen bisher maximal acht Kilogramm.Region: In der Oderregion wurden in den vergangenen Jahrzehnten 166 Bronzebeile ausgegraben, nun kamen mit einem Mal 101 dazu. Die Beile weisen Gussfehler auf und wurden damals offenbar nicht benutzt. Unklar ist, wer sie möglicherweise aus religiösen Gründen vergraben hat.Wert: Allein der Materialwert eines Beils war in der Zeit um 900 vor Christus enorm hoch - einer Zeit, in der es noch keine Münzen gab und selbst die Spitzen von Pfeilen aus Knochen geschnitzt wurden, um Metall zu sparen. Ein Beil entsprach dem Wert einer Kuh oder von fünf Schweinen.Restaurieren: Welchen Wert die Beile heute auf dem Kunstmarkt hätten, ist noch nicht ermittelt. Sie werden mit mehreren Zehntausend Euro versichert. Ihr Hauptwert liegt im wissenschaftlichen Bereich. Am Dienstag wurden die Bronzen tiefgefroren, um sie zu schützen und dann zu restaurieren.BERLINER ZEITUNG/LUKAS PUSCH Zeitleiste Neolithikum-Neuzeit.DPA/BERND SETTNIK Die Bronze-Beile wurden am Dienstag erstmals in Potsdam gezeigt.