Er habe panische Angst um sein Leben gehabt -- so begründet Alexander Schalck-Golodkowski bis heute seine Flucht nach West-Berlin im Dezember 1989. Unsere Recherchen aber lassen den Schluß zu, daß Schalck damals nicht um sein Leben zu fürchten brauchte. Die deutschen Geheimdienste in Ost und West hatten sich seiner angenommen.Am 29. August 1989 spricht eine Frau Sigrid Gutmann in der West-Berliner Scheurmann-Bank a~n Ku damm vor. Sie will unter ihrem Namen ein Bankschließfach eröffnen. Scheurmann-Direkor Labom kennt die Dame -- es ist Schalcks Ehefrau, die in seiner Bank schon seit einigen Jahren nur unter ihrem Mädchennamen verkehrt.Am Vortag hatte Ungarns Außenminister Gyula Horn der DDR mit-. geteilt, daß Ungarn in Kürze die Landesgrenze zu Österreich für die im Lande befindlichen DDR-Bürger öffne. Für Schalck war damit klar, daß die DDR nicht mehr zu retten ist.Das Schließfach wird in den folgenden Wochen gefüllt. Schalcks persönlicher Kurier, Peter Dimitroff, erinnert sich in einer Vernehmung, versiegelte Umschläge zur Ku damm-Bank gebracht zu haben.Auch der Züricher Bankier Max Moser von der Bank für Handel und Effekten, ein Vertrauter der Schalcks, bekommt im Herbst ,89 Order aus Ost-Berlin. Im Oktober eröffnet das Ehepaar Schalck zwei Konten bei der Moser-Bank. Schalck verpaßt seinem den Codenamen Alexander und zahlt sechs Millionen DM ein; Sigrid Schalck, wieder unter ihrem Mädchennamen Gutmann, erweist dem Hund der Familie ihre Reverenz: sie nennt ihr Konto "Sultan" und zahlt 650 000 Dollar ein.Die Eröffnungseinlagen werden Monate später in die DDR zurücküberwiesen. Ob bis dahin noch weitere Summen über diese Konten abgeflossen sind, ist aufgrund unvollständiger Bankunterlagen bis jetzt unklar.Mit der politischen Wende in der DDR sieht Schalck auch das Ende seines Devisenimperlums KoKo nahen. Dennoch führt er scheinbar unbeeindruckt seine Verhandlungen mit den Vertretern der Bundesregierung weiter, bereitet den Kohl-Besuch in Dresden vor, schreibt Berichte an Modrow und Krenz. Nebenbei aber organisiert er seinen Wechsel in den Westen."Im November 1989 deutete Schalck mir gegenüber an, daß er eines Tages von seinen Partnern in der Bundesregierung Hilfe bräuchte", erinnert sich Karl-Heinz Neukamm, Direktor des Diakonischen Werkes Stuttgart und im Häftlingsfreikauf enger Partner Schalcks. "Er bat mich, dieses Ansinnen Seiters und Schäuble anzutragen."Daß Schalcks Bitte vor allem in Geheimdienstkreisen der Bundesrepublik auf Zustimmung stieß, ist durchaus nachvollzlehbar. Erstens stand dem Westen mit ihm ein exzellenter Kenner der DDR-Innereien zur Verfügung, ein in den Wendewirren nicht zu unterschätzendes Faustpfand. Andererseits fieß sich mit dem "Abschuß" Schalcks auch der bislang für deutsch-deutsche Geheimgeschäfte zwar nützliche, mit seinen zum Teil unaufgeklärten Auslandsverbindungen nun aber gefährlich werdende Bereich Kommerzielle Koordinierung lahmlegen.Am 20. November 1989 erscheint im Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" ein Artikel, der Schalck und seine bis dahin nur Insidern bekannte KoKo urplötzlich ins Scheinwerferlicht rückt. Der "Fanatiker der Verschwiegenheit" (Spiegel-Titel) wird als skrupelloser Deviseneintreiber der SED, der unter anderem Brillantcolliers für Margot Honecker besorgte, an den Pranger gestellt.Was bisher niemand wußte -- der Artikel war lanciert. Das bestätigt später in kleiner Runde Regierungsdirektor Klaus Ahrend vom Kölner Bundesamt für Verfassungsschutz, dessen damalige Erkenntnisse -- und Fehleinschätzungen -- den wesentlichen Inhalt des Artikels bilden.Die kalkulierte Wirkung tritt ein. Schalck, plötzlich in aller Munde, kann weder stillschweigend in der Versenkung verschwinden noch wie bisher weitermachen. Die um innenpolitische Reputation bemühte SED-Führung läßt ihn fallen. DDRMinisterpräsident Modrow, einst guter Freund der Familie, wendet sich von Schalck ab, das Zentralkomitee schmeißt ihn raus, die Stasi entpflichtet ihn in aller Eile. Mielke-Nachfolger Schwanitz am Telefon zu Schalck: "Wir können nichts mehr für dich tun.Am 1. Dezember verlangt die Volkskammer in einer hitzigen Dehatte Aufidärung über Schalcks Rolle. Der Staatssekretär solle so schnell wie möglich persönlich vor den Abgeordneten Rede und Antwort stehen. Aber schon am nächsten Tag, am Sonnabend, dem 2. Dezember 1989, können Schalck und seine Frau ungehindert nach Stuttgart fliegen -- obwohl seit zwei Tagen ein Haftbefehl beim DDR-Generalstaatsanwalt bereitliegt.In Stuttgart trifft sich Schalck mit Neukamm, dem Prases des Diakonischen Werkes, und eröffnet ihm, daß er in die Bundesrepublik wechseln werde. Von Neukamms Wohnung aus ruft Schalck Schäuble an, versichert sich noch einmal seiner Unterstützung. Dann fliegt er zusammen mit seiner Frau nach Ost-Berlin zurück.Unbehelligt kann er in seine Zentrale in der Wallstraße in Mitte zurückkehren. Dort ereilt ihn eine neue Hiobsbotschaft: Aufgebrachte Bürger hätten vor wenigen Stunden das Waffenlager der KoKo-Firma IMES in Kavelstorf bei Rostock gestürmt. Er weiß, daß ihm jetzt nur noch wenige Stunden bleiben.In größter Eile ordnet Schalck sein Büro. Er räumt auf, trifft Kontenverfügungen, sichert Unterlagen, übergibt die Geschäfte. Die Stasi beobachtet derweil tatenlos aus Fahrzeugen und Wohnungen heraus die Ko-Ko-Zentrale.Kurz vor 23 Uhr erscheint in der Wallstraße Rechtsanwalt Wolfgang Vogel, der direkt von einem Empfang in der Ständigen Vertretung in der Hannoverschen Straße kommt. Vogel richtet ihm aus, daß er noch eine Stunde Zeit habe, das Land zu verlassen. Der KoKo-Chef räumt die letzten Sachen zusammen, steigt mit seiner Frau ins Auto und braust durch das nächtliche Ost-Berlin Richtung Invalidenstraße. An seinen Fersen ein Lada der Stasi, der ihn bis zum Grenzübergang eskortiert.Die Stasi greift auch nicht am folgenden Sonntag ein, als gegen zehn Uhr Ehefrau Sigrid nochmals das Wohnhaus in der Hohenschönhausener Manetstraße aufsucht, um Koffer zu packen. Dabei wird das Haus schon seit Tagen von den "auffällig Unauffälligen" observiert. Aber Sigrid Schalck kann ungehindert mit zwei Koffern das Haus und Ost-Berlin verlassen.In West-Berlin erwartet Schalck der von der Kirche vermittelte Anwalt Peter Danckert. Der überredet den KoKo-Chef, freiwillig in "Schutzhaft" zu gehen, und klärt in der Folgezeit in Bonn die Rahmenbedingungen für den "Fall Schalck". Er redet mit Politikern, schleppt Schalck zum BND und drängt ihn, alles auszupacken. Was Schalck auch -- bis auf wenige Ausnahmen -- tut.Zu den Ausnahmen dürften die Dinge gehören, die ihm in Ost-Berlin das Leben retteten und ihn ungehindert in den Westen ausreisen ließen. Seine "Lebensversicherung f befand sich wohl in jenen versiegelten Umschlägen, die er im September/ Oktober in dem Schließfach der Scheurmann-Bank deponieren ließ.Das Schließfach läßt Schalck nkmlich erst ausräumen, als er sich nach seiner Haftentlassung in Moabit an einem geheimen Ort in Bayern befindet. Bislang unbekannt war, daß die West-Berliner Geschäftsfrau Christa Wachsen Mitte Januar 1990 mit einer Vollmacht das Bankschließfach bei Scheurmann leerte und den Inhalt ihrer Freundin Sigrid Schalck bei einem geheimen Treff in West-Berlin übergab. Es habe sich um drei braune DIN A4-Umschläge gehandelt, jeder so dick wie ein Schreibblock, erinnert sich Christa Wachsen vier Jahre später bei der Berliner Staatsanwaltschaft. Der Inhalt der Umschläge habe sich wie Papier angefühlt, gebündeltes Geld sei es aber auf keinen Fall gewesen.Was aber war es dann? Nur persönliche Unterlagen, gab Sigrid Schalck Anfang des Jahres vor der Staatsanwaltschaft an -- und verweigerte jede weitere Auskunft.Alexander Schalck-Goiodkowski vor dem Untersuchungsausschuß in Bonn.Das Ende naht Ein Artikel hat Folgen Telefonat mit Schäuble Braune Umschläge