Bei Usura: Kleine Erkundungen auf dem großen "Walter-Benjamin-Platz": Hauptsache gerühmt

In Charlottenburg geht es bei den Straßennamen politisch korrekt zu. Es gibt einen "Else-Ury-Bogen", der an die von den Nationalsozialisten ermordete Dichterin des unvergessenen "Nesthäkchens" erinnert. Und es gibt einen "Walter-Benjamin-Platz" zwischen der Wielandstraße und der Leibnizstraße. Früher war da der Parkplatz mit der unvergessenen Brandmauer. Seit geraumer Zeit sind dort die "Leibnizkolonnaden" des Architekten Hans Kollhoff aufmarschiert. Die 120 Wohneinheiten und Büros zeichnen sich weithin durch Leerstand aus; unter den Säulen versuchen sich die dafür vorgesehenen Einzelhandelsgeschäfte. So richtig brauchbar ist nichts. Einzig ein italienisches Wein-Restaurant von der etwas aufwändigeren Sorte scheint zu florieren. Im Sommer plantschen Kinder in dem dafür nicht vorgesehenen Springbrunnen; im Winter herrscht Öde. Längst hat irgendein Künstler den horror vacui entdeckt und stellt Wechselndes auf."Am tiefsten aber konnte mich die Stelle betreffen, wo der Baum im Hofe stand. Sie war im Pflaster ausgespart, in das ein breiter Eisenring versenkt war" - so lesen wir in Walter Benjamins "Berliner Kindheit um Neunzehnhundert". Und tatsächlich: Eine durch die Miniermotte kränkelnde Kastanie mit Eisenring steht ebenfalls auf dem Platz. Mehr allerdings könnte Benjamin etwas anderes betreffen. Ob er von dem Werk Ezra Pounds Kenntnis genommen hat, ist mir nicht bekannt; auszuschließen ist es nicht. Ein Vers also von Ezra Pound ist in das gequaderte Gepflaster eingelassen. Man findet ihn nicht leicht; er ist nicht auffällig. Es ist auch nicht vermerkt, dass es sich um einen Vers von Pound handelt. Hat man den Stein einmal gefunden, so stutzt man und liest: "Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert."Nun möchte es sein, dass der im Unklaren belassene Leser denkt: Richtig, als wir das letzte Jahr im Urlaub bei Usura waren, da gab es keine so schönen Häuser, wie Hans Kollhoff sie zu bauen versteht. Aber Usura? Usura . lat. "Wucher". Ja, es handelt sich um die Anfangszeilen des berühmten Usura-Canto Nr. XLV von Ezra Pound, also des "Gesangs vom Wucher, Nr. 45", veröffentlicht 1936. Und dieser Stein mit dem Vers darauf besagt: Wanderer, schau her! Hier sind die Häuser von gutem Werkstein, hier sind die Quadern wohlbehauen und fugenrecht, hier gliedert sich die Stirnfläche zum Muster. Hier war Hans Kollhoff am Werke.Oder ist alles ein Eingeständnis des Scheiterns? Wollte der Architekt uns sagen: Unter der Vorherrschaft des "Wuchers" (mit diesem Begriff bezeichnete Ezra Pound den Kapitalismus) konnte ich nur dieses Machwerk zu Stande bringen; hier war es nicht möglich, mit gutem Werkstein eine Fassade zu gliedern. Denn für Pound stand "Usura" für alle Verhinderung von Kunst, für die Versündigung an der Natur. Da wir nun annehmen müssen, dass mit der Errichtung der Leibnizkolonnaden ganz gewöhnliches Geld verdient wurde, dass sie also mit Usura zu Stande gekommen sind, wäre der Vers nur dann nicht fehl am Platze, wenn Kollhoff sich selbst und die Verhältnisse anklagen wollte, unter denen er arbeiten musste. Einsichten dieser Art sind aber unter erfolgreichen Architekten so gut wie ausgeschlossen, also müssen wir leider zu unserer ersten Deutung zurückkehren: Sich zum Ruhme hat Hans Kollhoff - gegen die Logik des Zitats - den Anfang des Usura-Canto XLV von Ezra Pound evoziert. Hat er auch dessen Herkunft bedacht?Der Vers variiert nämlich ein Mussolini-Zitat. In einer Rede von 1934 hatte Benito Mussolini Arbeit für alle, einen angemessenen Lohn und eine menschenwürdige Behausung gefordert. Über diese Mailänder Rede schreibt Pound 1935 in einem Brief an T.S. Eliot: "decorosa bedeutet mehr als eine Behausung, in der man wohnen kann, es bedeutet ein Haus, das sich sehen lassen kann." Er denkt an den avantgardistischen Bildhauer Brancusi und schwärmt von Steinquadern, denen kein Makel anhaftet. Eben dies hatte ihn für den Anfang des Canto XLV inspiriert. Nun, jeder Architekt möchte ein Haus bauen, das sich sehen lassen kann. Über Hans Kollhoff ist jüngst bei Prestel ein Buch erschienen, in dem ein Essay von Fritz Neumeyer ihm den "Rückgriff auf den Humanismus in der Architektur" andient. Das klingt gut. Der Begriff "Humanismus" ist im 20. Jahrhundert aber auch gerne von politischen Systemen benutzt worden, die sich vom Liberalismus abgrenzen wollten. Sicherlich war es Hans Kollhoff nicht bewusst, dass er mit dem Pound-Zitat einen Verweis auf Mussolini auf seinen Platz transportiert hat - aber es gibt eben auch unbewusste Wahrheiten. Angesichts solch untergründiger Bezüge: hätte sich der Platz nicht den Namen "Benito-Mussolini-Platz" oder wenigstens "Ezra-Pound-Platz" verdient?Nun heißt er aber einmal "Walter-Benjamin-Platz". Von Walter Benjamin sollte wenigstens bekannt sein, dass er im Nachwort zum "Kunstwerkaufsatz" den italienischen Faschismus ausdrücklich kritisiert hat als die "Ästhetisierung des politischen Lebens". Er wandte sich auch gegen das Manifest des Filippo Tomaso Marinetti, der den Abessinienkrieg als futuristisches Gesamtkunstwerk gefeiert hatte. Ausgerechnet diesen Kolonialkrieg wiederum begrüßte Ezra Pound als Beginn einer neuen "Mentalität" - vollbracht durch den Tatmenschen Mussolini. Überdies hat Pound noch 1944/45 versucht, eine Übersetzung gerade des "Canto XLV" für den großdeutschen Rundfunk zu verfertigen. Da wird einem doch unbehaglich. Walter Benjamin war schon längst tot; er hatte sich am 26. September 1940 auf der Flucht vor den Nazis an der französisch-spanischen Grenze bei Port Bou das Leben genommen.Ezra Pound, dieser Wegbereiter der literarischen Moderne, hat für seine politische Parteinahme fürchterlich büßen müssen. Die Amerikaner steckten ihren sechzigjährigen abtrünnigen Landsmann im Militärstraflager bei Pisa von Mai bis November 1945 in einen Käfig; anschließend kam er bis 1958 in eine Strafanstalt für geistesgestörte Kriminelle in Washington D.C. Aus der Gemeinschaft der "Wohlgesinnten" wurde er zeitlebens ausgeschlossen. Seine dichterische Kraft war erloschen. Heute würde man wohl sagen, dieser Poet habe sich in die "Achse des Bösen" verirrt. Es ist ein eigenes Schicksal - mit dem des Walter Benjamin zugleich zeitgenössisch und kontradiktorisch. Benjamin wurde zum Opfer des deutschen Nationalsozialismus, weil er ihn durchschaut hatte: Er sah in ihm nicht den magischen Runenzauber, sondern nur den platten kapitalistischen Alltag. Ezra Pound glaubte umgekehrt im italienischen Faschismus die Überwindung des verhassten Usura-Kapitalismus erkennen zu können - und wurde so zu seinem Opfer. Das könnte im kritischen Rückblick sogar erhellend sein. Ist es aber nicht.Es ist nur die übliche gedankenlose Mischung. Ein Platz wird politisch korrekt benannt. Von dem Manne scheint jedoch außer dem Namen weiter nichts bekannt zu sein. Ahnt man in Charlottenburger Amtsstuben denn nicht, dass Walter Benjamin - tief in das ästhetische Innenleben des 19. Jahrhunderts versenkt - diesen Platz verabscheut hätte? Warum tut man ihm postum diesen Tort an? Mehr noch: Der Gestalter dieses Platzes nimmt einige Verszeilen Ezra Pounds für sich in Anspruch, die er letztlich sogar gegen ihren Sinn zitiert. Hauptsache es wird gerühmt. Vielleicht war dem Architekten bekannt, dass dieser Dichter politisch nicht so ganz korrekt war; wäre es anders, hätte er seinen Namen wohl nennen können. Über nähere Bekanntschaft mit dem Werk Pounds scheint Kollhoff aber auch nicht zu verfügen. Sonst käme nicht das Kuriosum zu Stande, dass ein der damaligen italienischen Architektur nicht ganz unähnlicher Platz indirekt auch noch auf eine Rede Mussolinis anspielt.Walter Benjamin und Ezra Pound hätten sich in politischer Hinsicht wahrscheinlich nicht besonders gemocht - was nicht ausschließt, dass sie nicht angeregt über die Moderne in Kunst und Literatur hätten streiten können. Nun sind sie durch die Namensgebung höheren Ortes und die Eitelkeit eines Architekten in Charlottenburg postum vereint. Zu Ehren des einen ist der Platz benannt; um sich selbst zu ehren, hat Hans Kollhoff den anderen zitiert. Ihre Tragödie ist beendet; es beginnt der Zusammenfall der Gegensätze, die Berliner coincidentia oppositorum.Der Autor ist Professor für Kulturwissenschaften an der Universität Frankfurt (Oder)."Bei Usura hat keiner ein Haus von gutem Werkstein, die Quadern wohlbehauen, fugenrecht, dass die Stirnfläche sich zum Muster gliedert. " Ezra Pound.BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING Nicht errichtet unter den Bedingungen des Kapitalismus? Die Leibnizkolonnaden von Hans Kollhoff.