Beim Berliner Bahntechnikhersteller Stadler füllen sich die Auftragsbücher. 100 Jobs sollen folgen: Sonderzug aus Pankow

BERLIN. Michael Daum hat gut Lachen, wenn er die Story erzählt: Vor rund 60 Jahren, berichtet der Chef des Berliner Bahntechnikherstellers Stadler Pankow, hatte die norwegische Stadt Bergen alle Straßenbahnen im Hafenbecken versenkt. Die Stadtverwaltung glaubte damals, die Elektrische habe ausgedient.Welch Trugschluss. Heute bereuen es die Norweger, dass Bus und Auto die umweltfreundliche Tram verdrängt haben. Deshalb entsteht in Bergen derzeit ein neues Straßenbahnnetz - und Daum liefert dafür die Fahrzeuge: zwölf Straßenbahnen des Typs Vario, inklusive Wartungsvertrag und einer Option auf den Bau 20 weiterer Bahnen. Auftragswert: 35 Millionen Euro.Arbeit bis Ende 2012Nicht nur in Bergen erlebt der Nahverkehr auf Schienen derzeit eine Renaissance. Ganz zur Freude von Stadler Pankow. Die Berliner Tochter der Schweizer Stadler Rail Group heimste in den vergangenen Monaten gleich mehrere Großaufträge ein. Am Freitag verkündete das Unternehmen, dass die Stuttgarter Straßenbahnen AG bei den Berlinern 20 neue, spezielle Stadtbahnen mit einem Auftragsvolumen von 77 Millionen Euro bestellt hat. Erst Anfang Januar hatte Stadler Pankow den größten Auftragseingang in seiner Firmengeschichte verkündet: Die Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG) bestellte 23 Züge im Wert von 146 Millionen Euro bei den Berlinern. Der Auftrag beinhaltet 16 elektrische Doppelstocktriebzüge und sieben Dieseltriebwagen für den Nahverkehr in Berlin-Brandenburg."Unsere Auftragsbücher sind jetzt so gut gefüllt, dass wir Arbeit bis Ende 2012 haben", sagte Daum im Gespräch mit der Berliner Zeitung. Zudem sehe sich das Unternehmen derzeit nach einem neuen Standort für eine neue Produktionshalle um. "Dort sollen die Rohbauten für die neuen Doppelstocktriebzüge der Ostdeutschen Eisenbahn hergestellt werden. Bisher ist Stadler Pankow auf die Montage spezialisiert. "Mit dem Großauftrag der ODEG rentiert es sich, auch den Rohbau hierher zu holen", begründet der Chef. Wo genau der Standort sein wird, sei noch offen. Das könne in Berlin oder an einem Standort ganz in der Nähe sein. In Velten im Norden der Hauptstadt hat Stadler bereits ein weiteres Werk.Dank der gut gefüllten Auftragsbücher denkt Daum auch über neue Mitarbeiter nach. "Bis zum Jahr 2012 werden wir sicherlich rund 100 weitere Stellen schaffen", sagt der Geschäftsführer. Derzeit beschäftigt das Unternehmen in Pankow und Velten insgesamt 550 Mitarbeiter. 1999 hatte Daum mit gerade einmal 200 Leuten damit begonnen, in der nagelneuen Fabrik in der Pankower Lessing-Straße Züge zu bauen. Das Werk hat eine kuriose Geschichte hinter sich: 1997 wurde es als eine der modernsten Fabriken Europas durch die damalige Daimler-Tochter Adtranz mit großem Getöse eröffnet. Schon ein Jahr später stand das Werk wieder vor der Schließung. Die Daimler-Tochter steckte damals in einer finanziellen Krise. Erst durch den Druck der Belegschaft entschloss sich Daimler, die Fabrik zu verkaufen. Anfangs übernahm die Schweizer Stadler Rail einen Teil des Pankower Werkes, um es dann zwei Jahre später komplett zu übernehmen. "Die geplante Schließung damals war Wahnsinn", sagt Daum.Die Übernahme wurde mehr als ein Hauptstadt-Flirt. Denn Flirt heißt auch einer der erfolgreichen Regionaltriebzüge, die unter anderem in Ungarn fahren. Straßenbahnen vom Typ Vario haben Städte wie Potsdam und Graz geordert. Der Tango, ebenfalls eine Stadler-Straßenbahn, fährt unter anderem in Lyon. Bergen ist sozusagen überall in Europa. Jetzt hofft Daum auf die ersten Aufträge aus dem nichteuropäischen Ausland.------------------------------Spezialist für den NahverkehrMutterkonzern: Stadler Pankow ist die zweitgrößte Tochter der Schweizer Stadler Rail Group. Die Unternehmensgruppe beschäftigt 2 400 Mitarbeiter, davon 550 in Berlin.Produkte: Stadler Rail ist vor allem auf den Nahverkehr spezialisiert und liefert dafür Straßenbahnen und Regionaltriebzüge. Für die ODEG in Berlin-Brandenburg liefert Stadler Pankow erstmals Doppelstockzüge.------------------------------Grafik: Stadtler Rail Group Umsatzentwicklung (2000-2008)Foto: Montage einer Vario-Straßenbahn für München im Stadler-Werk Berlin-Pankow