In der Gedenkstätte für sechs Millionen von deutschen Nationalsozialisten ermordeten Juden ging es zu wie auf einem arabischen Basar. 120 mitgereiste Journalisten umschwärmten die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gestern beim Besuch des Holocaust-Museums Yad Vashem in Jerusalem wie geschäftstüchtige Händler zahlungskräftige Touristen. "Es war teilweise schon sehr respektlos, wie Kameraleute und Fotografen ihre Bilder einfangen", sagte Bundestrainer Berti Vogts. Jürgen Klinsmann, der mit Vogts und dem deutschen Botschafter Theodor Wallau einen Kranz niederlegte: "Man wird behindert, die Dinge in aller Ruhe auf sich wirken zu lassen."Anders als vor zehn Jahren, als das Nationalteam zum ersten Mal in Israel spielte und Yad Vashem eher zur lästigen Pflicht gehörte, war es dieses Mal der Wunsch der Mannschaft gewesen, die Gedenkstätte zu besuchen. Vor einem Foto, das einen Wärter eines Konzentrationslagers zeigt, der in Begriff ist, einen Juden zu exekutieren, rief Mario Basler Vogts zu sich. "Das kann doch nicht wahr sein. Hat es so etwas wirklich gegeben, Trainer?", fragte der 27jährige erschüttert. Und der 50jährige Vogts erwiderte: "Doch, so war es." Torwart Oliver Kahn resümierte: "Es ist schwer, jetzt über so unwichtige Dinge wie Fußball zu reden."Trotz ihrer Betroffenheit boten die Spieler zuweilen ein bizarres Bild bei ihrem Rundgang. Schwarz-weiß gekleidet, mit Mercedes-Werbung und großen schwarz-rot-goldenen Aufnähern zogen sie durch die dunklen Räume. Einige kauten unentwegt Kaugummi, andere hielten sich durch Dehnübungen geschmeidig. Pietätlos verhielten sich die Journalisten: Während einer kurzen Ansprache einer Israelin klingelten unablässig Funktelefone in der Halle, in der Schweigepflicht besteht.Vor zehn Jahren hatte die DFB-Delegation Kritik hervorgerufen. Die Spieler hätten versucht, "gelangweiltes Gähnen zu unterdrücken", seien kalt und zurückhaltend gewesen. Der damalige Teamchef Franz Beckenbauer war durch seine Bemerkung "der Besuch brachte mir nichts Neues" negativ aufgefallen. "Erinnerung ist der beste Weg zur Versöhnung", schrieb gestern DFB-Präsident Egidius Braun in das Gästebuch, die Spieler unterzeichneten. In Israel wird das Freundschaftsspiel heute in Ramat Gan bei Tel Aviv mit Interesse verfolgt. "Der Adler ist gelandet" schrieb die Boulevardzeitung "Maariw". Nach dem Gewinn der Europameisterschaft in England hatte sie getitelt: "Leider gewinnen die Deutschen". Damit sprach das Blatt vielen Israelis aus dem Herzen. "Ich weiß, daß man sich hier auf den deutschen Fußball freut", sagte Vogts. Tatsächlich wird - trotz aller Ressentiments - die Bundesliga Woche für Woche mit regem Interesse beobachtet. Vor der Holocaust-Gedenkstätte wartete gestern eine Gruppe Jugendlicher, um Autogramme zu erhaschen. Israels Nationaltrainer Schlomo Scherf hatte im Vorfeld mit Blick auf den Holocaust lapidar gesagt: "Was passiert ist, ist passiert." Auf Kritik entgegnete er: "Wir dürfen nicht vergessen, daß wir gegen eine andere Generation spielen." +++