Vier Winter lang war die deutsche Frauennationalmannschaft im Rennrodeln eine geschlossene Gesellschaft. Einträchtig verrammelten Gabi Kohlisch (33), Susi Erdmann (28), Jana Bode (28) und Sylke Otto (27) die Tür zu den Weltcup-Partys, ließen den deutschen Rest beim Fest von Olympischen Spielen, Welt- oder Europameisterschaften nicht mittanzen.Einigkeit macht stark, lautete das Motto des Quartetts. Auch wenn während einer Saison schon mal die Koalitionen wechselten, sich die eine oder andere spinnefeind waren oder kurzfristig Zimmerbelegungspläne geändert werden mußten. Im beinahe wahrsten Sinne des Wortes zusammengerauft hatte sich die unterschiedliche Combo. Obendrein waren die Frauen erfolgreich: Susi Erdmann gewann zweimal Silber bei Olympia, Gabi Kohlisch 1995 WM-Gold, Sylke Otto in der Saison 1994/95 den Gesamtweltcup und Jana Bode im vergangenen Winter alles: WM, EM und Weltcup.Doch nun ist der schöne Schein einem neuen Sein gewichen. Durcheinander gewirbelt die Hierarchie hat Silke Kraushaar (26). Erst national, als sie die internen Qualifikationen unbeschadet überstand. Dann international, als sie auf Anhieb die Weltcup-Rennen in Sigulda und Lillehammer gewann."Wird ja auch Zeit, daß sie mit 26 Jahren auch einmal gewinnt", kommentierte Welt- und Europameisterin Jana Bode in Sigulda den ersten Weltcup-Erfolg der Thüringerin süffisant. "Vom Können hätte sie diese Leistungen längst bringen können. Die anderen haben sie in der Vergangenheit nur nie hochkommen lassen", entgegnete in Altenberg Jens Müller, 1988 Olympiasieger, 1996 Europameister und beim BSR Rennsteig Oberhof Vereinskollege von Silke Kraushaar.In Altenberg behauptete die Sportsoldatin dank Rang zwei hinter Jana Bode ihre Führung in der Weltcup-Gesamtwertung. Silke Kraushaar danach: "Langsam beginne ich, eine Medaille bei der Weltmeisterschaft im Januar in Igls als realistisches Ziel zu betrachten." Der Unterstützung der Trainer, Betreuer und auch Mechaniker darf sie sich dabei gewiß sein, wie es schon neidvoll aus dem Lager der Konkurrentinnen heißt.Allen Stutenbissen zum Trotz bewahrt sich die gebürtige Sonnebergerin auch ihr sonniges Gemüt: Pressekonferenzen, Interviews vor Fernsehkameras und selbst der Abschluß ihres ersten Sponsorenvertrages mit einem Unternehmen aus der Heizungsbranche lassen sie kühl. "Ich habe ja nichts zu verlieren. Druck verspüre ich keinen."Die Gesetze des Haifischbeckens, in dem sich Silke Kraushaar derzeit unbeschwert freischwimmt, lernt zur gleichen Zeit Barbara Niedernhuber schmerzvoll kennen. "Gott sei Dank ist jetzt der Hackl Schorsch wieder dabei, da trauen sich die anderen nicht mehr alles", sagte die zweimalige Junioren-Weltmeisterin. Bei den internen Selektionsrennen bescherte die Berchtesgadenerin gemeinsam mit Silke Kraushaar den Routiniers Gabi Kohlisch und Sylke Otto die Europacup-Einsätze im sogenannten "Perspektivkader". Jetzt darf sie im Weltcup dabei sein, aber "schön ist das auch nicht", wie sie in Lillehammer bekannte. "Aber ich will mich durchbeißen."Der moralische Beistand des einzigen bayerischen Landsmanns in der Nationalmannschaft, der in Sachsen zwei Monate nach seiner Bandscheibenoperation ein Weltcup-Comeback feierte, nutzte der 22jährigen allerdings wenig. Rasant war die Talfahrt der Barbara Niedernhuber nur in der Ergebnisliste. Ein böser Patzer im zweiten Lauf ließ sie von Rang sieben bei Halbzeit auf den 21. Platz bergab rutschen.Die Weltcup-Tür bleibt für die beiden Oberwiesenthalerinnen Kohlisch und Otto dennoch geschlossen. "Keine Zeit für eine Qualifiktion" hat nämlich Bundestrainer Thomas Schwab vor dem Weltcup am kommenden Wochenende in Königssee. Dafür dürfen bei der WM in Igls (17. und 19. Januar 1997) dank Titelverteidigerin Jana Bode fünf deutsche Grazien an den Start gehen. Also doch keine geschlossene Gesellschaft bei den deutschen Frauen. +++