Ärzte sind die Schlimmsten. Sie können ihren Patienten nicht verständlich erklären, welche Erkrankung sie haben. Wissenschaftler sind auch so. Jahrelang hocken sie im Labor, wer wissen will, was sie dort tun, hört Latein und Fremdwörter. Und versteht nichts.Jochen Müller ist anders. Der Neurologe arbeitet an der Charité, Abteilung Experimentelle Neurologie, Forschungsgruppe Molekulare Bildgebung, er forscht über den Schlaganfall. Was ihn von vielen Berufskollegen unterscheidet, ist die Fähigkeit, komplizierte wissenschaftliche Zusammenhänge einfach erklären zu können. Müller gehört zur Akademikerbewegung Science Slam, einer immer größer werdenden Gruppe von Nachwuchswissenschaftlern, denen es Spaß macht, ihrem Publikum von der Bühne aus recht locker über ihre Forschung zu berichten: zügig, unterhaltend, verständlich.An jedem ersten Montag im Monat veranstaltet Gregor Büning im Kreuzberger SO36 seinen Science Slam, mehr als 500 Besucher, darunter Gymnasiasten, Studierende und Akademiker, sind zur März-Performance gekommen. Der Saal ist voll. "Die Gemeinschaft der Fans wird immer größer", sagt Gregor Büning. Veranstaltungen dieser Art gibt es in vielen Universitätsstädten, in Berlin findet Science Slam auch im Lido in der Cuvrystraße in Kreuzberg statt.Wer bei der Redeschlacht der Wissenschaftler gewinnen will, muss Leidenschaft zeigen und einen Hang zur (Selbst)-Darstellung haben. Neurologe Müller redet an diesem Abend über "nichtinvasive molekulare Bildgebung der Störung der Blut-Hirn-Schranke nach experimenteller zerebraler Ischämie". So würde sein Vortrag auf einer Fachtagung lauten, im SO36 nennt er es beim Namen: Schlaganfall. Also kündigt Müller seinen Vortrag so an: "Ich glaub', mich trifft der Schlag."Im Laufe von jeweils zehn Minuten, mehr Zeit gibt es nicht, müssen der Neurologe und die anderen fünf Forscher nun eine unterhaltsame Performance liefern. Das Publikum entscheidet am Ende per Applausmessung, welcher Slammer am besten war. Jochen Müller redet über "all den Schnodder", der sich in den Blutgefäßen absetzt, über den Thrombus, der "nicht wirklich lecker aussieht" und einen Schlaganfall auslösen kann. Dann müsse recht schnell ein Lösungsmittel gespritzt werden, "das löst den Klumpen auf wie eine Brausetablette", sagt Müller. Er zeigt ein Foto von David Hasselhoff ("Da haben wir den Alkoholiker"), ein Schlaganfallanwärter, genauso wie all die Raucher und die Ungesund-Esser. Den Zuschauern gefällt Müllers lockerer Ton, sie klatschen und johlen.Eine Mathematikerin forscht zur Wahrscheinlichkeitstheorie, sie erklärt, was Mixen von Bowle mit komplizierten Rechnungen zu tun habe, deren Lösung eine Million Dollar wert sei. Ein Musikwissenschaftler hat Telefonwarteschleifen erforscht, Beatles-Musik mit Panflöte mögen Wartende am ehesten, sagt er. Ein Sozialwissenschaftler hat für eine Doktorarbeit den Alltag in Operationssälen untersucht. Er erzählt, wie entspannt Anästhesisten mit technischen Pannen umgehen. Warum Architekten Science-Fiction-Filme lieben und weshalb Würmer im Körper Allergien verhindern, erfahren die Zuschauer an diesem Abend auch noch. Dem Parasitologen reicht die vorgegebene Zeit nicht aus: "Da schreibt man fünf Jahre an seiner Doktorarbeit und soll das alles dann in zehn Minuten erklären", schimpft er.Am Ende bekommt Jochen Müller den längsten und lautesten Applaus. Er ist Science Slammer des Monats März und erhält dafür einen Büchergutschein sowie ein Paar Boxhandschuhe, die er nächstes Mal jedoch verteidigen muss.-----------------------Termine: 4. April, 20 Uhr, SO 36, Oranienstr. 190, 3 Euro, www.scienceslam.net24. Mai, 20.30 Uhr, Lido, Cuvrystraße 7, Kreuzberg, 5 Euro. www.scienceslam.de------------------------------Foto: Seit 2008 gibt es in Deutschland Science Slam. Teilnehmer müssen kein Genie wie Albert Einstein sein. Es reicht auch, wenn sie forschen.Foto: Erklär' mir einer den Schlaganfall: Neurologe Jochen Müller hat ein Foto von David Hasselhoff projiziert. Der sei Alkoholiker und besonders gefährdet.