Bei einem der schwersten Schießunfälle der Polizei in den letzten Jahren ist offenbar Übungsmunition mit scharfer Munition verwechselt worden. Am Mittwoch waren drei Polizisten einer Spezialeinheit bei einer Übung auf der Schießanlage der Polizei in Ruhleben in Armen und Beinen verletzt worden. Inzwischen zog die Staatsanwaltschaft das Ermittlungsverfahren an sich.Übung "Schleyer-Entführung"Personenschützer des Landeskriminalamtes hatten bei der Übung am Mittwochvormittag den Auftrag erhalten, eine Geiselnahme zu verhindern. Die Übung lehnte sich an den Hergang der Entführung des später ermordeten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer durch Terroristen der RAF an. Die Personenschützer sollten verhindern, dass Extremisten, dargestellt von Kollegen, eine Schutzperson aus einem Auto herausholen. Bei der Übung verwendeten einige der LKA-Beamte kurzläufige Maschinenpistolen vom Typ MP5 der Firma Heckler & Koch. Bei dem simulierten Überfall sollte auch geschossen werden. Allerdings wurde statt der Platzpatrone eine scharfe Patrone abgefeuert. Nach ersten Ermittlungen traf das Vollmantelgeschoss auf Metall und wurde dann zum Querschläger. Mit großer Wucht durchschlug es die Arme von zwei Beamten, ehe es im Oberschenkel eines weiteren Beamten stecken blieb. Die Verletzten wurden in ein Krankenhaus gebracht.Der Schütze ist ermittelt. Er ist ein erfahrener Personenschützer. Noch ungeklärt ist, wieso die scharfe Munition mit Übungsmunition verwechselt werden konnte. Beim Bundeskriminalamt, das ebenfalls Personenschützer ausbildet, wird bei derartigen Übungen nie scharfe Munition verwandt, wie ein Sprecher mitteilte. Zudem ist unklar, wieso die scharfe Patrone beim Laden des Gewehrs nicht erkannt wurde. Übungsmunition ist silberfarben, während die scharfe Munition kupferfarben ist. Die Munitionsarten werden an unterschiedlichen Orten aufbewahrt. Möglicherweise sei die Kugel noch im Lauf der Waffe gewesen, sagte ein Beamter.Der Schießunfall belebte erneut die Diskussion um die Art der scharfen Munition. "Die Berliner Polizei benutzt nach wie vor Kriegsmunition mit hoher Durchschlagskraft", sagte der Landesvorsitzende der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Eberhard Schönberg. Als scharfe Munition sind so genannte Vollmantelgeschosse üblich. "Diese Kugeln verlieren beim Aufprall so wenig Energie, dass sie drei Menschen durchschlagen können. Auch die Gefahr von Querschlägern ist besonders hoch", sagte Wolfgang Dicke, Waffenexperte der GdP. Die Polizeigewerkschafter forderten die Einführung so genannter Deformations-Munition. Sie verliert beim Aufprall enorm an Wucht. Dadurch nimmt auch die Wahrscheinlichkeit von Querschlägern deutlich ab. Derartige Geschosse werden zur Zeit schusstechnisch geprüft. "Wenn sie genehmigt sind, werden wir sie in Berlin einführen", sagte Stefan Paris, Sprecher der Innenverwaltung.MUNITION Kugeln für den Krieg // Die Berliner Polizei benutzt bisher Vollmantelrundkopfgeschosse. Die Munition verwendet die Bundeswehr im Kriegsfall.Die Patronen besitzen einen harten Kern. Die 9-Millimeter-Geschosse haben eine Reichweite von bis zu 2,7 Kilometern.Kritiker bemängeln, dass eine Kugel bis zu drei Personen durchschlagen kann. Durch den harten Kern verliert sie bei einem Aufprall auf Metall kaum Energie und wird schnell zum Querschläger.In München starben 1999 durch einen Notwehr-Schuss einer Polizistin zwei Menschen, weil die Kugel eine Person durchschlug.Die GdP fordert die Einführung von Deformationsgeschossen, die im Körper stecken bleiben und einen Angreifer gleich stoppen. In der Polizeiakademie in Münster werden die Kugeln zur Zeit geprüft.