Beklemmende Atmosphäre, großartige Bilder: "Der Verdacht" im ZDF ist ein ungewöhnlich guter Fernsehfilm: Verwirrung bis zum Schluss

Zwei Stunden. Nicht mehr und nicht weniger bleiben der Ingenieurin Maja Reichardt, um Kirsten Buresch, Angestellte der deutschen Botschaft in Windhuk, von ihrer Unschuld zu überzeugen. Entweder sie darf nach Deutschland ausreisen oder sie wird der namibischen Polizei übergeben: Alles hängt davon ab, ob die Frau, die ihr gegenübersitzt, bereit ist, ihr zu glauben; zu glauben, dass sie ihren Mann nicht umgebracht hat, dass sie nicht unter Verfolgungswahn leidet, dass sie tatsächlich ein Opfer dunkler Machenschaften ist. Und keinesfalls die Strippenzieherin.Der Fernsehfilm "Der Verdacht" schildert diese so folgenreichen zwei Stunden im Zeitraffer. Maja Reichardt redet um ihre Zukunft, der Zuschauer sieht die Bilder dazu: nicht nur die Gesprächssituation in der Botschaft, sondern auch das, was an den Tagen zuvor geschah. Der beständige Wechsel der Zeitebenen macht den neuen Thriller des vielfach ausgezeichneten Regisseurs Matti Geschonneck zu einer eher ungewöhnlichen Seherfahrung im deutschen Fernsehen. Hinzu kommen eine weibliche Hauptfigur, von der man nicht weiß, ob man ihr trauen kann, und die nur bedingt eine Sympathieträgerin ist; eine männliche Hauptfigur, die gleich am Anfang des Films tot im Wüstensand liegt, und ein Ende, das nicht jede Frage erschöpfend erklärt. Konfektionsware ist dieser Thriller nicht.Das gilt auch für die Besetzung. Christiane Paul spielt die deutsche Ingenieurin Maja Reichardt, ihren Ehemann Hanno gibt der Theatermann Hans-Jochen Wagner, den das Fernsehpublikum nicht zuletzt aus zahlreichen "Tatort"-Folgen kennt; die Botschaftsangestellte Buresch wiederum wird von Ina Weisse dargestellt, die zuletzt im Wirtschaftskrimi "Im Dschungel" zu sehen war. Zu dem hochklassigen Ensemble gesellt sich in einer weiteren zentralen Rolle die namibische Wüste, ein Ort, an dem man verloren gehen, deren Leere bedrohlich wirken kann. Ihre ungeheure, in beeindruckenden Bildern eingefangene Weite bildet einen reizvollen Kontrast zu der klaustrophobischen Enge, in der Maja und Hanno Reichardt aneinandergebunden sind.Nach Namibia ist das Berliner Ehepaar aus geschäftlichen Gründen gekommen. Die beiden betreiben zusammen ein Büro für Umwelttechnologie, in Afrika winkt ihnen ein Großauftrag. Doch der Aufenthalt steht unter keinem guten Stern. Achim Borchert, ein befreundeter Konkurrent (Pierre Besson), macht wie aus dem Nichts ein deutlich preiswerteres Angebot, und Maja entgeht auf einem Marktplatz nur knapp einem Messerattentat. Oder war es nur ein ganz normaler Überfall, wie die Polizei glaubt? Maja bestreitet das. Doch wer soll ihr nach dem Leben trachten? Etwa Achim, der aus finanziellen Gründen auf den Auftrag in der Wüste angewiesen ist und zunehmend verzweifelt reagiert?Achim taucht auch in der Wüste auf, wo Maja und Hanno in einem Hotel wohnen. Eine junge Ärztin, die angeblich dort völlig alleine Urlaub macht, erscheint Maja ebenfalls verdächtig. Nach dem Messerangriff leidet sie immer häufiger unter Schwindel-Attacken, immer bedrohlicher wird die Atmosphäre. Zwischen ihr und Hanno gibt es Streit, er will nicht länger akzeptieren, dass alles so laufen soll, wie sie es möchte. Majas Telefon klingelt, doch hat wirklich jemand angerufen? Bildet sie sich nur ein, dass jemand in ihr Zimmer geschlichen ist?Es ist eine mindestens ambivalente Rolle, die Christiane Paul da spielt, und genau deshalb hat ihr die Aufgabe große Freude bereitet. "Maja ist kein primär sympathischer oder einfacher Charakter", sagt sie. "Und so etwas sind ja die spannenden Figuren." In der Hauptsache aber war Regisseur Matti Geschonneck der entscheidende Faktor, warum sie mit nach Namibia flog und dort zum Wohle des Films so allerhand auf sich nahm: Aufstehen gegen 4 Uhr morgens bei großer Kälte, Drehen den ganzen Tag über bei großer Hitze, bloß keine Minute verschwenden, denn schon gegen fünf Uhr nachmittags ging die Sonne unter - und das mit durchaus beachtlicher Geschwindigkeit.Mit Geschonneck hatte Christina Paul 2006 bereits den Psychothriller "Die Tote vom Deich" gedreht, seitdem muss der Regisseur keine be-sondere Überzeugungsarbeit mehr leisten, wenn er sie für eine Rolle gewinnen möchte: "Wenn Matti einen Film macht, brauche ich das Buch gar nicht zu lesen, ich sage sofort zu." Er sei einer der wenigen Regisseure, die tatsächlich mit Schauspielern arbeiten könnten. "Er ist jemand, der mich interessiert, dessen Projekte mich interessieren und bei dem ich mich aufgehoben fühle."Das Projekt in der afrikanischen Wüste ging der so Gelobte mit Bernd Lange an. Dessen Bücher für Filme wie "Requiem" und "Sturm" hatten Geschonneck dermaßen überzeugt, dass er unbedingt mit dem Berliner Autor zusammenarbeiten wollte. Ausgehend von der Grundidee, eine Ehegeschichte zu erzählen, in der eine starke Frau in eine Bedrohungssituation gerät, entwickelten die beiden gemeinsam den Plot des Thrillers, der beim Publikum durchaus für Verwirrung sorgen wird. Eine Hauptfigur, mit der man sich nur bedingt identifizieren möchte? Eine eher langsame Erzählweise statt Action in der Wüste? Ein Ende, das Fragen offen lässt?"Wo ist das Problem?" fragt Geschonneck verwundert. Da will man ihm gleich zustimmen. Was soll falsch sein an einem Film, der sich wohltuend von den vielen Produktionen unterscheidet, über die Kritiker zu Recht mosern, sie ähnelten sich alle so sehr? "Der Verdacht" ist kein perfekter Thriller, dafür fehlen ihm noch ein paar Volten. Aber er ist ein ungewöhnlich guter Fernsehfilm mit beklemmender Atmosphäre, großartigen Bildern und interessanten Charakteren. Und das sind schon ziemlich überzeugende Gründe, ihn sich anzuschauen.-----------------------Der Verdacht, 20.15 Uhr, ZDF------------------------------"Wenn Matti einen Film macht, brauche ich das Buch gar nicht zu lesen. Ich sage sofort zu." Christiane Paul über den Regisseur Matti GeschonneckFoto: Zwei Hauptdarsteller in einem sehenswerten Film: Christiane Paul und die namibische Wüste.