Du kannst nur sehen, was du siehst. Doch irgendwie, scheint es, bringt das moderne Medienzeitalter unser Sehen immer mehr durcheinander. Es gibt Bilder überall und von allem. Alles wird als Benutzeroberfläche und visuell habhaft gemacht und verwertet. Wir bekommen alles und jedes, das auf der Welt geschieht, fast simultan vor unsere Augen geliefert. Ob wir es real erleben können, begreifen und einordnen - oder eben nicht. Trotzdem hat sich an der Tatsache nichts geändert, die der Humanist Michel de Montaigne schon vor gut fünfhundert Jahren formulierte: "Das Menschenauge kann von der Wirklichkeit nur erfassen, was seiner Aufnahmefähigkeit entspricht."Mit genau dieser Frage haben sich drei Berliner Künstler - Mechthild Ehrmann, Ute Rathmann und Peter Schulz Leonhardt - bei ihrem ziemlich außergewöhnlichen "Schiele Projekt" nun auseinandergesetzt. Der gemeinsame Ausgangspunkt für ihr künstlerisches Experiment war die nachdrückliche Wertschätzung für den Maler, Zeichner und Lyriker Egon Schiele, jenen großen österreichischen Ausnahmekünstler, der 1909 bei der "Großen Kunstschau" in Wien für Aufsehen sorgte. Klimt hat Schiele gefördert, Kokoschka stand ihm eher fern. Doch dass es sich bei Schiele um ein Jahrhunderttalent gehandelt hat, darüber waren sich beide Großmeister schon damals völlig einig.Hundert Jahre nach Schieles Debüt setzten sich die drei Berliner Künstler zusammen und baten die Tänzerin Dorothee Dick, ihnen zehn Tage lang Modell zu sitzen, zu stehen, zu liegen. Voller Absicht und genau mit dieser klassisch konventionellen Arbeitsmethode stellte sie fast alle bekannten Schiele-Motive nach - in Haltung, Pose, Kleidung, Beleuchtung und bis hin zum mimisch-gestischem Ausdruck. Das Modell Doro saß schließlich wirklich ganz "à la Schiele" vor ihnen. Eine filmische Dokumentation lässt für die Besucher in der Galerie Sieben jetzt einfühlsam jene Momente vom Sommer vergangenen Jahres nacherleben.Man könnte fragen: Ist das Malen nach Modell heute überhaupt noch angesagt oder nicht ein gar zu ausgetretener Pfad? Nein und nochmals nein. Wer sich die erstaunlichen Ergebnisse des zeichnerischen Exerzitiums im kleinen Friedenauer Projektraum vor Augen führt, wird sagen, ganz im Gegenteil: Eine "Versuchsanordnung" wie diese verlangt Zeitzeugenschaft und Selbstvertrauen im ganz besonderen Maße, dazu eine Menge an künstlerischen Mut. Denn bei allem Respekt vor dem Vorbild Egon Schiele, die Beteiligten hatten sehr wohl Zweifel, sich dieser authentischen Quelle zu stellen. Also brauchten sie vor allem Courage. Und auch Lust aufs Risiko.Zum Trio gehörte der ausgewiesene Zeichner und heutige Lehrer an der Kunsthochschule Berlin Weißensee Peter Schulz Leonhardt, der bei der früh verstorbenen Professorin Christine Perthen einst seine gestalterischen Grundlagen erlernte. Für ihn standen die Fragen der Raumaufteilung, die Chancen der Flächenkunst, die Proportionalität und der expressive Ausdruck im Vordergrund. Vor allem immer wieder die Frage: Was ist es, das im Schiele-Original die Lichter setzte und was hat er praktisch dafür getan? Mechthild Ehrmann, die Bildhauerin, war beim Zeichnen auf den Spuren von Schiele mehr von den Fragen nach der Räumlichkeiten, nach Sichtachsen und Volumen gefesselt. Ihr Kohlestift ziselierte und schraffierte, zog leise Linien oder zementierte feste Strichflächen auf das Blatt.Nicht zuletzt zeigten die eher malerisch ausgearbeiteten Blätter von Ute Rathmann, wie lyrisch und expressiv die Betrachtungen hundert Jahre später ausfallen können, wenn sie - wie es Schiele selbst in Gedichtform brachte - "wie in einer Trunksucht nach Freisein bei mir alles schenkt".Am Ende näherten sich alle drei ihrem Vorbild Schiele in ganz unterschiedlicher Weise. Gemeinsam war ihnen vor allem die eine, die echte Suche und Mühe, den jeweils eigenen "Betrachtungswinkel" zu finden und damit die eigene Hand zu schulen, zu entdecken, zu beherrschen.Oder manchmal auch eben nicht. So entstanden Grafiken, Zeichnungen und sogar Gemeinschaftsblätter. Nicht zuletzt rundet das aussagestarke, vom Filmemacher Hans-Peter Lübke repräsentativ dokumentierte Erfahrungskunstwerk in Form einer DVD die Ausstellung ab. Alles zusammen ist zu etwas Rundem geworden, das "das Sehen sehen" lässt.Schiele selbst hat sein Werk in kaum zehn Jahren mit Leidenschaft geformt. Echt, begeistert und unbedingt, mit brennenden Augen, wie er es oft in Selbstporträtstudien festhielt. So war auch das Motiv seiner allerletzten Skizze durch und durch dem Leben verpflichtet, todernst und authentisch. Der Zeichner, der so brillant wie kaum ein zweiter die Lichter ins Bild setzte, war dabei selbst schon vom Schatten gefangen. Denn der Maler Egon Schiele saß zeichnend bei seiner sterbenden Frau. Er wusste: Du kannst nur sehen, was du siehst. Drei Tage später ist er mit nur 28 Jahren selbst an der spanischen Grippe gestorben. Es war der 31. Oktober 1918, nachts um ein Uhr.------------------------------Projektraum Sieben/Susanne Wehr, Fröhaufstraße 7 (Friedenau). "Das Schiele Projekt" von Mechthild Ehrmann, Ute Rathmann, Peter Schulz Leonhardt. Bis 5. Juli, geöffnet nach Vereinbarung, Tel. 0176-23 12 74 65.------------------------------Man könnte fragen: Ist das Malen nach Modell heute überhaupt noch angesagt?------------------------------Foto : Projekt-Szene im Sommer 2008: das Modell in Pose wie für ein Egon-Schiele- Motiv, davor der Zeichner Peter Schulz Leonhardt.