Mutter Maire ist eine kleine Frau von Mitte 50, deren Leben im wesentlichen daraus besteht, fünfmal am Tag zu beten. Die gebürtige Irin ist Äbtissin der Benediktinerinnenabtei in Dinklage im Westen Niedersachsens. Es ist ein stilles Leben, das sie und ihre 35 Nonnen hier auf einer Wasserburg mitten im Eichenwald führen. Nur mittags dringt ein bißchen von da draußen in das Klostergelände. Dann liest eine der Schwestern aus der Zeitung vor. Und danach wird das Radio für die Nachrichten angestellt. Vor einigen Tagen kam es zwischen der Welt der Politik und der Welt der Benediktinerinnen zu einer zufälligen Begegnung. Sie sollte für das Regierungspräsidium in Hannover zu einer einschneidenden Erfahrung werden.Aus Sicht der Behörde ging es um einen Routinefall. Der heißt Sergej Zubatschev und ist Asylbewerber aus der Ukraine. Für Zubatschev, seine Frau Nastja und seine fünfjährige Tochter Natascha waren alle Rechtswege längst ausgeschöpft. Der 33jährige Untermaat der russischen Schwarzmeerflotte gab an, in der Ukraine schwer drangsaliert worden zu sein, weil er sich bei einer Demonstration in Sewastopol für den Anschluß der Krim an Rußland stark gemacht habe. Da er keinen anderen Ausweg als die Flucht nach Deutschland gesehen habe, gelte er nun bei den Russen als Deserteur und müsse auch dort schwere Strafen fürchten. Doch Zubatschevs Asylanträge wurden als "offensichtlich unbegründet" abgelehnt. Die Ukraine ist ein sogenanntes "Nichtverfolger-Land". Zubatschev tauchte unter. Bei den Nonnen in Dinklage.Mutter Maire sagt: "Wir leben hier zur Ehre Gottes, sind aber gleichzeitig offen für alles, was hier hineinfließt. Und dann erwächst daraus vielleicht eine Handlungssituation, und wenn man wach ist, handelt man." Die Handlungssituation kam, mit den Zubatschevs. Neben dem Kloster der Benediktinerinnen, jenseits des Wassergrabens, gibt es eine katholische Begegnungsstätte. Die Sozialarbeiter Lisa und Michael Oesterheld leiten die Einrichtung. Im letzten Winter erweiterten sie zusammen mit den Benediktinerinnen ihr Projekt um das sogenannte "Martinshaus". Das ist eine umgebaute Scheune mit sieben Zimmern. Hier können Menschen übernachten, die in Not sind. Obdachlose etwa, oder Freigänger. An der Eingangstür steht: "Gott schütze dieses Haus." Als Asylbewerberunterkunft war die Einrichtung nicht geplant. Die Zubatschevs kamen einfach und konnten bleiben.Spielzeug für Natascha Nun entwickelte sich etwas, das für die Beamten in Hannover keine Größe ist: Zusammenleben. Die Nonnen mochten die Familie und glaubten ihrer Angst vor einer Rückkehr in die Ukraine. "Wir haben das Wort Kirchenasyl nie auf unsere Fahne geschrieben", sagt Mutter Maire. "Wir hatten gar keine Fahne. Wir haben die Leute so aufgenommen." Für die kleine Natascha, das einzige Kind auf dem Klostergelände, taten die Nonnen alles nur Erdenkliche. Sie besorgten Spielzeug und organisierten Begegnungen mit anderen Kindern. Umgekehrt halfen die Zubatschevs bei der Arbeit. Arglos meldeten Äbtissin Maire und Lisa Oesterheld die Anwesenheit der Flüchtlinge im Mai den Behörden und baten darum, gemeinsam eine Lösung für die Familie zu finden. Das sei ihnen telefonisch auch zugesichert worden, berichtet Lisa Oesterheld. Aber vielleicht sei diese Zusage nicht bei den richtigen Stellen gelandet.Jedenfalls nicht bei Andreas Wangemann, der als Dezernatsleiter verantwortlich ist für alle Abschiebungen im Bereich des Regierungspräsidiums. Wangemann betont, daß Zubatschev "rechtskräftig ausreisepflichtig" und "zur Festnahme ausgeschrieben" gewesen sei. Als er von dem neuen Aufenthaltsort in Dinklage erfuhr, ordnete er die Festnahme der Flüchtlinge an. Er habe keinen Grund gesehen, mit den Nonnen zu sprechen, zumal es sich nicht um ein Kirchenasyl gehandelt habe. Die Familie habe schließlich im Martinshaus und nicht in einem "sakralen Raum" gewohnt. Diese Unterscheidung ist Wangemann sehr wichtig.Doch als die Polizeibeamten früh um fünf Uhr bei den Zubatschevs klingelten, eine Tür aufbrachen und die drei Ukrainer in die Autos verfrachteten, kam der sakrale Raum zu den Flüchtlingen. Äbtissin Maire und die Nonnen waren wie immer zu dieser Zeit schon aufgestanden. Um 5.45 Uhr ist das laudes, das Morgenlob. Als sie draußen das Geschrei hörten, überlegten sie nicht lange, rannten hin und ließen sich vor den Polizeiautos auf der Straße nieder. Sitzblokkade. Die Morgenandacht wurde nun Auge in Auge mit der Staatsgewalt gehalten. Die Schwestern beteten den Rosenkranz und sangen das Ave Maria. Niemals, sagt Mutter Maire, habe sie so deutlich erlebt, daß es eine Konfrontation zwischen Gewissen und Gesetz geben könne, "und daß mein Gewissen mit dem Gesetz nicht in Einklang zu bringen war".Für die Polizisten war nun eine "schwierige Situation" entstanden, wie Einsatzleiter Kümmel einräumt. Die Beamten kommen alle selbst aus der Gegend, die erzkatholisch ist. Nonnen sind hier besonders geachtet. Dann traf auch noch Gemeindepfarrer Kurt Schulte ein, bei dem etliche der Beamten sonntags beichten gehen. Er stellte sich zu den betenden Schwestern.Und wenig später kam ein Fotograf von der Oldenburgischen Volkszeitung. Lisa Oesterheld hatte den Chefredakteur aus dem Bett geklingelt. "Ich wußte mir nicht anders zu helfen. Ich dachte nur, wir brauchen Zeugen." Einsatzleiter Kümmel war sich, wie er sagt, bewußt, was das für ein Bild gegeben hätte, wenn er den Platz hätte räumen lassen. Nonnen im Polizeigriff. Aber die Zeit lief. Noch am Vormittag sollte im 150 Kilometer entfernten Hannover die Maschine in Richtung Kiew starten. Um 7.30 Uhr ordnete Kümmel schließlich die Räumung an. Er bat die Äbtissin, die Nonnen zum Aufstehen aufzufordern. Sonst müsse man alle wegtragen. Mutter Maire ging zu den Schwestern und teilte ihnen mit, was der Beamte ihr gesagt hatte. Und fügte hinzu: "Ich fordere euch nicht auf, aufzustehen. Es ist die Entscheidung jeder einzelnen. Ich bleibe sitzen." Die Beamten schritten nun zum Einsatz, allerdings sehr langsam. Da wurde Kümmel noch einmal zum Funkgerät gerufen. Neue Weisung: Sergej Zubatschev wird heute nicht abgeschoben, kommt aber vorsorglich in Haft. Frau und Kind können dableiben. Die Nonnen gaben ihre Blockade nun auf. Abends versammelten sie sich in der Kreisstadt Vechta vor dem Gefängnis und bildeten ein Kreuz aus Kerzen. Sergej Zubatschev wurde auch in der Nacht nicht ausgeflogen.Katholischer Widerstand Seitdem ist eine Welle der Solidarität über die Dinklager Benediktinerinnen hereingebrochen. Es gab Hunderte Anrufe, Faxe, und es kamen Journalisten an den stillen Ort im Wald. Auch die Bürger, als stramme CDU-Wähler nicht eben gegen die neue Asylgesetzgebung, spendeten Beifall. Die Nonnen hätten Mut bewiesen und Menschlichkeit durchgesetzt, heißt es unisono auf den Straßen. Es gibt in der Gegend so etwas wie einen traditionellen katholischen Widerstandsgeist, der sich meldet, wenn der Staat sich an der Kirche vergreift. Für diesen Geist steht der hier wie ein Heiliger verehrte Clemens August Graf von Galen, der sich als Bischof von Münster der Anordnung der Nazis widersetzte, die Kreuze aus den Schulen zu entfernen. Er wurde auf Burg Dinklage geboren.Das Innenministerium knickte angesichts der geballten Stimmung ein. Die Äbtissin bekam einen Termin beim Staatssekretär und machte sich auf die lange Reise nach Hannover. Sie erreichte, daß die Abschiebung zunächst ausgesetzt bleibt.Kontakt nach Kanada Eine befreundete Ordensschwester in Kanada hat eine Garantie für die Aufnahme der Familie abgegeben. Nun laufen die Gespräche mit den kanadischen Behörden. Sobald von der Botschaft in Bonn das Signal kommt, daß die Einreise ernsthaft geprüft wird, kommt Zubatschev frei. Seine Frau und das Kind sind derweil direkt auf das Klostergelände umgezogen. Damit es keine Mißverständnisse wegen des "sakralen Raumes" mehr gibt. Wie lange der Aufschub gilt ist unklar.Andreas Wangemann im Regierungspräsidium betont, daß man natürlich "nicht unendlich lange" warten könne. Im niedersächsischen Innenministerium hingegen hat man offenbar genug von der Konfrontation mit den Nonnen. "Wir werden ohne vorherigen Kontakt mit dem Kloster keine weiteren Schritte ergreifen", sagt Pressesprecher Ingo Marek in Diplomatenton.Mutter Maire will sich, wie sie sagt, nicht von Gruppen vereinnahmen lassen, "die über das Kirchenasyl den Rechtsstaat angreifen wollen". Es sei ihr um den Einzelfall gegangen und um die Benedediktiner-Regel, die da besagt, daß jeder, der an die Tür klopft, aufzunehmen ist, als sei er Jesus Christus selbst. Dennoch kritisiert sie, daß das Asylgesetz zu schematisch sei. "Ich wünschte mir, daß es mehr Möglichkeiten gäbe, die Einzelsituation nachzuprüfen."Die Äbtissin hegt keinen Groll gegen die Behörden. "Es ist keine Frage, daß sie guten Gewissens gehandelt haben in einer schwierigen Situation. Aber es gab einen Punkt, wo ich eben anders handeln mußte."