Überraschungen über Überraschungen. Im Jahre 1995 erscheint in Deutschland ein Roman, in dem die jüdische Mystik nicht etwa nostalgisches Beiwerk, sondern Hauptthema ist. Und sein Autor ist kein Überlebender der Shoah, sondern gerade 25 Jahre alt. Benjamin Stein erzählt in seinem ersten Roman "Das Alphabet des Juda Liva" mit großer Fabulierlust von Übernatürlichem: von Menschen, die von innen heraus verbrennen, von lebenden Toten und wiederkehrenden Rabbis, von Seelenwanderungen und Engeln, ja, selbst von einer Begegnung mit Gott.Den Schlüssel zum Verständnis liefert der Romantitel. "Das Alphabet des Juda Liva" ist eine Abschrift des "Buchs der Schöpfung", das einst der Prager Rabbi Löw mit einem Kommentar versah. An den kabbalistischen Weisen des 16. Jahrhunderts und sein Geschöpf, den Golem, knüpfte schon Gustav Meyrink 1915 an. 80 Jahre später läßt Benjamin Stein den Hohen Rabbi die Frevel eines jungen Berliners ahnden.Alexander Rottenstein ist ein Student der Judaistik. Leichtsinnig schwört er in Prag, orthodox zu werden, sofern ihm der sagenhafte Golem begegne. Damit nicht genug: Rottenstein begehrt vom Rabbi Löw, in dessen Grab er seinen Wunschzettel steckt, das "Geheimnis der Namen" zu erfahren. Unerlaubterweise teilt ihm schließlich ein jüdischer Freund das Geheimnis der 22 Buchstaben mit, aus denen die Schöpfung Gottes besteht.Die Mystik in den Händen eines Uneingeweihten - Rabbi Löw ersteht angesichts dieses Frevels wieder auf. Er läßt den Frevler sterben und ihn zugleich dabei zusehen, um Rottenstein dann als orthodoxen Juden zum Studium der Schrift nach Jerusalem zu senden. Diese zwar ungewöhnliche, letztlich aber recht versöhnlich ausgehende Initiationsgeschichte in die jüdische Mystik erweitert Stein durch die Familiengeschichte der Markovas, weiblichen Engeln. Denn bevor Rottenstein sich in die Heiligen Schriften vertieft, ist er für wenige Tage der Geliebte der jüngsten Seraphin Eva Markova.Diese ineinander verflochtenen und sich über ein Jahrhundert erstreckenden Begebenheiten zwischen Berlin, Prag und Budapest stellt Benjamin Stein nicht nur mit zahlreichen Vor- und Rückblenden dar, er bettet sie zudem in eine Rahmenhandlung ein. In dieser erzählt ein versoffener Jacoby einem jungen Kreuzberger Pärchen Geschichte auf Geschichte von seinem Freund, dem Neujerusalemer Rottenstein. Jacoby ergeht es jedoch eines Tages wie einigen Personen seiner Geschichten: Er verbrennt von innen heraus. Die Erzählungen liebende junge Frau beschließt, ihr Lebensgefährte möge mit Hilfe der von Jacoby hinterlassenen Aufzeichnungen die Geschichte beenden. Dieser Ich-Erzähler erhält am Ende seiner Rekonstruktionsarbeit Besuch vom Rabbi Löw und dem Golem. Der Hohe Rabbi bedankt sich für den Roman, der ihm zur Existenz verholfen habe, und bemerkt, die Schläfenlocken des orthodoxen Juden würden dem Ich-Erzähler gut zu Gesicht stehen Stein ist diese Synthese aus jüdischer Mystik, für die die Buchstaben die Welt enthalten, und moderner Erzähltradition, in der die fiktiven Gestalten zu leben beginnen, recht gut gelungen. Über einige Schwächen der Konstruktion helfen eine Vielzahl von Ereignissen und treffsicher verteilte Effekte hinweg: Handstreichartig wird die Familiengeschichte der Markovas eingeführt, von der der erste Erzähler Jacoby ebensowenig wie sein leichtsinniger Freund Rottenstein wissen kann, und die Episode mit einem Redakteur, der die im Grab des Rabbi Löw gefundenen Wunschzettel in der Zeitung veröffentlicht, bleibt recht unmotiviert.Erfolgreich verdeckt der junge Autor mit beträchtlichem erzählerischen Aufwand den höchst profanen Kern des mystischen Geschehens: die pubertäre Identitätssuche Alexander Rottensteins. Seine Eltern haben nämlich in diesem an Familiengeschichten wahrlich nicht armen Roman keinen Platz. Wohl aber die Vorfahren: Rottenstein entdeckt die seit dem Dritten Reich verdrängte jüdische Herkunft der Familie. Stein beschreibt diese Wiederkehr des Verdrängten augenzwinkernd als Verbannung in die Jerusalemer Orthodoxie. Das Judentum als Lockung und Drohung, von einem Fabulierer aus Prag nach Berlin geholt - dieser gelungene Erstling kündigt ein neues Selbstbewußtsein jüdischer Deutscher an. Benjamin Stein: Das Alphabet des Juda Liva. Romann Ammann Verlag, Zürich 1995. 328 S., 38 Mark. +++