Bereits 1894 meldete der Würzburger Karl Hannes den Klappschlittschuh als Patent an: Die Zukunft ist schon hundert Jahre alt

Die Frage nach den neuen Meistern rückte in den Hintergrund. Was die in ungewohnten Scharen angereisten Medienvertreter bei den Titelkämpfen in Erfurt viel mehr interessierte: Wer wird als erster deutscher Eisschnelläufer bei einem Wettkampf den Klappschlittschuh, die Wunderwaffe der in dieser Saison so erfolgreichen niederländischen Frauen, anziehen? Die Antwort steht aus. Die deutschen Asse vertrauten durchweg dem gewohnten Schuhwerk - obwohl alle vom Hersteller inzwischen ein Paar zu Verfügung gestellt bekamen. "In der laufenden Saison die Pferde zu wechseln, ist für jeden einzelnen ein hohes Risiko", begründete Gerd Zimmermann, Präsident der Deutschen Eisschnelllauf-Gemeinschaft (DESG) die Zurückhaltung. "Ich lasse mir weder von den Medien noch von irgend jemand anderem einreden, wann ich etwas Neues ausprobieren muß", hatte Gunda Niemann einem Fernsehsender, der ihren Premierenlauf groß herauszubringen versprach, eine Absage erteilt. Die Eisschnellauf-Königin der 90er Jahre sieht sich plötzlich in der ungewohnten Situation, bei den Weltcups gleich mehrfach von der jungen niederländischen Garde um Tonny de Jong vom Thron gestoßen worden zu sein. Niemann zwingt sich zur Ruhe: "Was bringt es mir, jetzt in Panik zu verfallen. Wer sagt denn, daß der Leistungssprung der holländischen Mädel nur mit dem Schuh zusammenhängt? Fest steht auf jeden Fall, sie sind glänzend in Schuß."Helmar Gröbel, Diagnose-Trainer der DESG, hegt keine Zweifel mehr. "Der Beschleunigungsweg beim Klappschuh wird dadurch vergrößert, daß nunmehr zum Kniewinkel der Fußgelenkwinkel kommt. Das Abheben der Ferse von der Schiene ermöglicht einen stärkeren Abdruck vom Eis, was objektiv eine höhere Geschwindigkeit zur Folge hat", erklärt er fachmännisch. Untersuchungen hätten ergeben, daß die holländischen Mädchen auf der 400-m-Runde gegenüber dem Vorjahr um eine Sekunde schneller sind. "Ich denke, der Schuh hat daran zu etwa 15 Prozent Anteil", wagt Gröbel, der im niederländischen Eisschnellauf-Leistungszentrum Heerenveen an einem Symposium teilnahm, eine vorsichtige Schätzung. Der Berliner ist davon überzeugt, daß sich die Neuerung durchsetzen wird, zumal auch schon Läufer anderer Nationen den Schuh mit Erfolg probierten. So der Russe Andrej Kriwotschejew, der beim Weltcup in Hamar damit die 10 000 m gewann. "Diese Entwicklung kann dem internationalen Eislaufsport nur guttun", ist Gröbel überzeugt. Allerdings gelte es, Regularien festzulegen, die für alle gültig sind und ein Ausufern von technischen Neuerungen verhindern. Genau das bezweckte auch eine schriftliche Anfrage der DESG an die Internationale Eissport-Union (ISU). Die Technische Kommission der ISU wird sich nunmehr während der Mehrkampf-EM Mitte Januar in Heerenveen mit diesem Thema befassen. "Wir hoffen, danach Klarheit im Hinblick auf die Olympischen Winterspiele 1998 in Nagano zu haben", unterstrich DESG-Präsident Gerd Zimmermann das Anliegen. Eine Überraschung erlebten allerdings selbst die Holländer mit ihrem Klappschlittschuh. Als sie ihr Produkt zum Patent anmelden wollten, erfuhren sie, daß ihnen ein Deutscher zuvorgekommen war. Der Würzburger Karl Hannes hatte sich den Schuh schon 1894 beim Kaiserlichen Patentamt als sein Gedankengut eintragen lassen. +++