Bereits DDR-Veröffentlichung wies auf NS-Vergangenheit hin: Auswärtiges Amt lässt umhängen

BERLIN. Nach der Debatte um die Beteiligung deutscher Diplomaten an NS-Verbrechen soll in Deutschlands Auslandsvertretungen einem Runderlass des Auswärtigen Amtes zufolge künftig nur noch Botschafter-Porträts aus der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg hängen. Falls Botschafter, die von 1951 an für die Bundesrepublik im Amt waren, eine braune Vergangenheit haben, sollen die Porträts ergänzende Erläuterungen bekommen.Ein möglicher Anlass dafür hatte sich schon vor knapp vier Jahrzehnten ergeben, als eine DDR-Publikation über die Nazi-Vergangenheit vieler Botschafter für Furore sorgte. Der alle zwei Wochen in Ost-Berlin in englischer Sprache produzierte Informationsdienst Democratic German Report hatte in seiner Ausgabe vom 19. Januar 1962 unter der Schlagzeile "The Plague" (dt. Die Pest) eine Weltkarte mit vielen kleinen Hakenkreuzen veröffentlicht. Jedes markierte eine Hauptstadt, in der westdeutsche Botschafter tätig waren, die der NSDAP angehörten. "Das ist eine Karte von 1962, nicht von 1933" stand darunter. Im Inneren der achtseitigen Zeitung war die NS-Vergangenheit von fast 60 Botschaftern beschrieben. So konnte man etwa erfahren, dass der in London stationierte Hasso von Etzdorf zwischen 1939 und 1944 im Oberkommando der Wehrmacht saß und der Vertreter in Bern, Ernst-Günter Mohr, 1943 als Legationsrat die Fortschritte bei der "Entjudung" in den besetzten Niederlanden nach Berlin gemeldet hatte.Die Ausgabe war von Ost-Berlin aus an Redaktionen in Großbritannien, den USA und der BRD verschickt worden. Bundesdeutsche Medien schwiegen, aber im Ausland sorgte die Karte für Aufsehen. Die Londoner Zeitung Jewish Observer druckte sie nach und forderte Bonn - vergeblich - auf, sich zu erklären. Als der Spiegel im März 1962 darüber berichtete, wurde er heftig attackiert. Giselher Wirsing, einflussreicher Chefredakteur der auflagenstarken Wochenzeitung Christ und Welt, warf dem Magazin vor, ostdeutsche Propaganda zu übernehmen. Wirsing war SS-Hauptsturmführer und Verfasser antisemitischer Schriften. Feuilleton Seite 25------------------------------Foto: Der DDR-Informationsdienst Democratic German Report zeigte 1962 auf einer Weltkarte, wo damals westdeutsche Botschafter mit NS-Vergangenheit stationiert gewesen sein sollen: Hakenkreuze markieren die 39 Diplomaten, die einst ein NSDAP-Parteibuch hatten, 16 Quadrate stehen für Ex-Mitarbeiter im Reichsaußenministerium.