MÜNCHEN, 17. Januar. Heinrich Mohn ist den Historikern ein Rätsel. Der 1955 verstorbene, ehemalige Verlagschef von Bertelsmann hat sich wahrend des Dritten Reiches innerhalb der Bekennenden Kirche engagiert, jener evangelischen Bewegung, die gegen die NS-Kirchenpolitik opponierte. Zugleich leistete er aber der SS als "förderndes Mitglied" finanzielle Beiträge. Mohns Mitgliedschaft stehe jedenfalls in "auffallendem Kontrast zu seiner ansonsten dokumentierten Zurückhaltung in Fragen der Politik", heißt es in der am Montag vorgelegten ersten Zwischenbilanz der Historiker-Kommission, die die Geschichte von Bertelsmann während des Dritten Reiches erforscht.Mangels Quellen sei "das konkrete Engagement" von Mohn in der SS jedenfalls weiter offen. "Wir haben noch kein Gesamtbild der Person Heinrich Mohn", sagte Norbert Frei, einer der vier Historiker der Kommission. Fest steht laut Frei hingegen, dass "zwei oder drei" weitere leitende Verlagsmitarbeiter Mitglied der NSDAP waren und "enge Verbindungen" zum Propagandaministerium unterhielten. Fest steht auch, dass Mohn seine fördernde Mitgliedschaft den britischen Besatzungsbehörden zunächst verschwiegen und sein Verlag dadurch problemlos eine neue Lizenz erhalten hatte.Die Kommission war 1999 von der Bertelsmann AG eingesetzt worden, um zu klären, ob der Verlag während der Nazizeit wegen Verbreitung oppositioneller Schriften geschlossen worden war, wie das Unternehmen noch 1998 in der eigenen Geschichtsschreibung behauptet hat. Der Düsseldorfer Soziologe Hersch Fischler hatte Bertelsmann dagegen vorgeworfen, die eigene Geschichte beschönigt zu haben: In Wahrheit habe der Verlag mit der Wehrmacht und dem NS-Regime paktiert und aus Gewinninteresse kriegsverherrlichende, teilweise auch ketzerische Schriften in Millionenauflagen gedruckt.Am Montag hat die Kommission wesentliche Vorwürfe Fischlers bestätigt. "Herr Fischler hat große Verdienste", sagte der Vorsitzende Saul Friedländer. "Wir schätzen sehr, was er getan hat." Der C. Bertelsmann-Verlag sei zwar 1944 geschlossen worden, allerdings offenbar wegen ungenehmigter Papierkäufe nicht wegen oppositioneller Schriften. Jedenfalls besitze die Kommission bisher "keine Anhaltspunkte dafür, dass die Schließung des Verlags C. Bertelsmann 1944 auf Grund seiner konfessionellen Ausrichtung als theologischer Verlag oder wegen seiner Beziehung zur Bekennenden Kirche erfolgt ist." Der Bertelsmann-Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff sagte dazu gestern: "Wir bedauern, daß dieser Sachverhalt aufgrund einer unzureichenden Kenntnis der damaligen Ereignisse bisher unzutreffend dargestellt wurde."Weiterhin unklar blieb jedoch, warum ein Verlag, der 1944 geschlossen worden war, seine Mitarbeiter weiter beschäftigte und große Mengen angeblich konfiszierten Papiers faktisch behalten durfte. Der Aufstieg des Unternehmens Bertelsmann nach dem Krieg zu einem der führenden Verlage habe jedenfalls damit zu tun, dass das Unternehmen nach Kriegsende stärker als alle Konkurrenten "den knappen Rohstoff Papier" zur Verfügung hatte, sagte das Kommissionsmitglied Reinhard Wittmann. "Die hatten einen Schatz nach dem Krieg", ergänzte Saul Friedländer.Der Verlag sei in Kriegszeiten mit seinen Feldpostausgaben von den Nazis genehmen Autoren zum größten Wehrmacht-Lieferanten aufgestiegen. Die Gesamtauflage habe über 20 Millionen Exemplare betragen. "Kein anderer Verlag hat die deutschen Soldaten so umfassend mit Lektüre beliefert", heißt es im Bericht. In "Kriegserlebnisbüchern" habe Bertelsmann unverhüllte und oft massive Kriegshetze und einige Titel mit antisemitischer Tendenz veröffentlicht.Auch hatte das NS-Regime einige Verlagstitel nicht wegen oppositioneller Gedanken verboten, sondern weil sich die Autoren mehrerer Publikationen "um eine Annäherung zwischen Kirche und Nationalsozialismus bemühten". Die Versuche, "Kirche und Nationalsozialismus miteinander zu verbinden, weckten bald den Argwohn der nationalsozialistischen Partei". Dabei sei die Publikation solcher Schriften für den Erhalt des Verlags gar nicht notwendig gewesen. Insgesamt könne Bertelsmann jedenfalls nicht als ein Verlag der Bekennenden Kirche dargestellt werden. Die "herausragende Stellung" von Bertelsmann im regulierten Buchmarkt des NS-Regimes sei "für mich überraschend in dieser Dimension", sagte Reinhard Wittmann. Bertelsmann habe keinen Druck auf die Kommission ausgeübt, betonte Saul Friedländer. Er bestätigte Gerüchte, wonach er das Ausscheiden des ehemaligen Haushistorikers von Bertelsmann, Dirk Bavendamm, zur Bedingung seiner Teilnahme gemacht habe. "Das konnte nicht anders sein", sagte Friedländer. Bavendamm habe "nicht die Art von Zeitgeschichte geleistet, die wir machen müssen". Die Untersuchung soll nicht nur eine Unternehmensgeschichte des Hauses Bertelsmann ergeben, sondern "auch einen Beitrag zur Geschichte des politischen Verhaltens deutscher Unternehmer in der NS-Zeit" leisten, sagte Friedländer. Problematisch sei allerdings auch das Verhalten anderer Verlage wie etwa Rowohlt, weil sie wenig hilfreich auf Archivanfragen reagierten.KOMMISSION Abschlussbericht in zwei Jahren // Gegründet wurde die "Unabhängige Historische Kommission zur Erforschung der Geschichte des Hauses Bertelsmann im Dritten Reich" im Jahr 1999 in München.Ihre Forschung wird von der Bertelsmann AG finanziert. Der Kommission gehören die Historiker Saul Friedländer (Vorsitz), Norbert Frei, Trutz Rendtorff sowie Reinhard Wittmann an.In etwa zwei Jahren will die Kommission ihren Abschlussbericht in Buchform veröffentlichen. Dann soll auch das Hausarchiv von Bertelsmann allen Forschern zugänglich gemacht werden.IInformationen über die Arbeit der Kommission sind unter www. uhkommission. de abrufbar.