Das schwedische "Volksheim", der ursprüngliche schwedische sozialdemokratische Traum von einem gleichberechtigten behüteten Leben aller in sozialer und wirtschaftlicher Sicherheit, ist bis in die Fundamente erschüttert. Das Land steht unter einem Schock. Die liberale Zeitung "Dagens Nyheter" ("DN") hat in einer Artikelserie auf die Menschen aufmerksam gemacht, die mit staatlichen Zwangsmaßnahmen vor die Tür des Volksheims befördert wurden.Es geht um über 60 000 Menschen, die zwischen 1935 und 1976 gegen ihren Willen zwangssterilisiert wurden, weil sie nach den schwedischen Gesetzen als "rassisch minderwertig" oder "sozial abweichend" eingestuft worden waren. Überwiegend sind die Betroffenen Frauen, von denen heute noch schätzungsweise 20 000 bis 25 000 am Leben sind."Wir haben das Glück, eine noch weitgehend reine Rasse zu besitzen, eine Rasse, die Trägerin der besten und höchsten Eigenschaften ist." Die Worte von Arhur Engberg, sozialdemokratischer Minister für Kirche und Ausbildung im Kabinett von Hjalmar Branting in den zwanziger Jahren, beschreiben den Ursprung von Gesetzen, die ihren geistigen Überbau aus der damals in den USA, in Deutschland und anderen Ländern verbreiteten "wissenschaftlichen" Eugenik bezogen. Das erste staatliche rassebiologische Institut der Welt, so betont der Autor der Artikelserie, Maciej Zaremba, sei auf Grundlage eines Beschlusses des schwedischen Reichstags 1921 eingerichtet worden. 1922 sah ein von den Sozialdemokraten initiiertes Gesetz die Zwangssterilisierung Geisteskranker mit der Begründung vor, es sei "rassenhygienisch schädlich, wenn Schwachsinnige sich fortpflanzen".Aus verfassungsrechtlichen Gründen zunächst nicht realisierbar, wurde das Gesetz, das eine Sterilisierung "minderwertiger" Menschen von Geisteskranken bis zu sozial Unangepaßten und Alkoholikern gestattete, 1935 im Reichstag per Akklamation mit großer Mehrheit angenommen. Die Verwaltungen setzten es akkurat um; in den vierziger Jahren verschärfte die Regierung des sozialdemokratischen Volksheim-Architekten und Ministerpräsidenten Per Albin Hansson die Vorschriften sogar noch. Ein Motiv dafür war, Kosten für die Versorgung Geisteskranker und sozial unerwünschter Menschen zu sparen und die staatlichen Wohlfahrtsleistungen auf die Teile der Bevölkerung in Schweden zu konzentrieren, die dem politischen Menschenbild entsprach.Bestürzung herrscht heute in Schweden besonders über zwei Tatsachen. Zum einen darüber, daß die Sterilisierungen nach dem Ende Hitlerdeutschlands nicht überdacht und gestoppt, sondern verstärkt fortgesetzt wurden: Die meisten Fälle gab es nach 1945. Erst 1976 wurden die Gesetze abgeschafft.Zum zweiten kommt dem Land zu Bewußtsein, daß es von Anfang bis Ende Sozialdemokraten waren, die diese Politik vorantrieben. Fast alle der Ikonen, die für das schwedische Modell stehen und den hohen ethischen Anspruch des Landes in der Welt verkörpern, waren beteiligt: Per Albin Hansson und sein Nachfolger als Ministerpräsident, Tage Erlande. Das Gesetz fällt auch noch in die Amtszeit von Olof Palme. Als Theoretiker wirkten die Nobelpreisträger Gunnar und Alva Myrdal, die in ihren Sozialstudien unbarmherzig Zwangssterilisierungen für "erbmäßig schlechtere Elemente" forderten. "Die Rassenhygiene war vor allem ein sozialdemokratisches Projekt", schreibt Zaremba und bringt damit große Teile des Landes auf die Barrikaden: Die sozialdemokratische Presse hebt hervor, daß die Sterilisierungsgesetze im Reichstag immer auch die Stimmen der anderen Parteien gefunden hätten. Tatsächlich waren die Zwangssterilisierungen der schwedischen Öffentlichkeit bekannt, die Presse berichtete darüber ebenso wie über die Klagen von Opfern auf Entschädigung. Diese wurden bis auf wenige Fälle von den Behörden und Gerichten mit dem Argument zurückgewiesen, die Zwangssterilisierungen seien ja "nach Recht und Gesetz" vorgenommen worden.Nach einem überwältigenden kritischen Echo in der internationalen Presse kann sich die jetzige sozialdemokratische Regierung jedoch kaum auf solche Argumente zurückziehen. Sozialministerin Margot Wallström hat den Betroffenen gestern eine Entschädigungsregelung in Aussicht gestellt und will eine Untersuchungskommission berufen.Die Veröffentlichungen ziehen auch bei skandinavischen Nachbarn und in anderen Ländern Kreise: In Norwegen wurden laut "DN" 40 000 Menschen zwangssterilisiert, in Dänemark 6 000. In die Diskussion gerät zudem die Sterilisationspraxis in Österreich und Teilen der Schweiz.