"Die Wahrheit ist dem Menschen zumutbar“, lautet das Bekenntnis der Schriftstellerin Ingeborg Bachmann. Sie wusste, dass Menschen von den Schreibenden Wahrheit fordern, weil sie „in den Stand kommen wollen, wo ihnen die Augen aufgehen“. Absichtsvoll steht das Bekenntnis in weißer Schrift auf rotem Grund im Foyer unseres Pressehauses am Alexanderplatz. Wer hier arbeitet, kann ihn mehrfach täglich lesen – als Ermunterung, wenn er das Haus betritt, als Prüfung, wenn er es verlässt.

Ganz klar, Wahrheit und die an sie gebundene Glaubwürdigkeit sind essenziell für die Existenz der Medien – der Zweifel daran existenzbedrohend. Doch wird er immer häufiger formuliert und immer lauter. Ihr, die Lügenpresse!

Die Anklage lautet auf Unterdrückung missliebiger Nachrichten, auf tendenziöse Auswahl und Bewertung und geht bis zum massiv vorgetragenen Vorwurf, ferngesteuert zu sein – von Politiker- und Geheimdienstkreisen, von Amerika, vom Kapital. Was auch immer. Es sei hier noch einmal schlicht eine Wahrheit ausgesprochen: Niemand „von außen“ steuert, lenkt, manipuliert hier. Niemand erteilt Weisungen wie einst die Abteilung Agitation und Propaganda im ZK der SED, die Chefredakteure zur wöchentlichen „Argu“ lud, um die Argumentationslinie zu diesem und jenem zu verkünden und bis in kleinste sprachliche Details zu regeln. Wir hatten daher nicht über schicke Brücken in San Francisco oder London zu berichten, weil die DDR-eigenen zu Hunderten einzustürzen drohten. Wir hatten nicht über die Zehntausenden DDR-Bürger zu berichten, die im Frühjahr und Sommer 1989 über Ungarn in den Westen zogen. Was nicht sein durfte, wurde ins publizistische Nirwana versenkt.

Allerdings gab es in jüngster Zeit etliche Anlässe, sich dieses Verfahrens zu erinnern.

Es gibt weitere einschlägige Vorfälle, so aus Thüringen, und immer geht es um das Vertuschen von Informationen, die für die Öffentlichkeit von Relevanz sind. Die Leute machen einfach ihren Anspruch geltend, als mündige Bürger qualifiziertes Wissen für die eigene Meinungsbildung zu erhalten. Und sie haben recht.

Die vernünftigste Antwort auf aus dem Ruder laufende Political Correctness hatte mal der Bundesinnenminister: „Es darf keine Schweigespirale geben, schon gar nicht darf sie von der Polizei ausgehen“, sagte Thomas de Maizière. Er sieht die Gefahr: Wer Dinge vertuscht, erreicht das Gegenteil des Erwünschten: Gerüchte entstehen, im Informationsvakuum breiten sich Spekulationen und Verschwörungstheorien aus.

Journalisten, auch in dieser Zeitung, bewegen sich täglich im Spannungsfeld zwischen offener Information und der Abwägung zwischen relevant und nebensächlich. Sie müssen sortieren: wahr – unklar – falsch. Die ungeheure Menge und Widersprüchlichkeit der dauernd einlaufenden Informationen zu erfassen, zu gewichten und zu wählen, gerät oft zur inneren Plage. Journalismus kann niemals mit Gewissheit einhergehen. Wer glaubt, in deren Besitz zu sein, scheitert.

Die Leserschaft ist ja nicht blöd

Wer konnte schon sofort überprüfen und wissen, ob US-Außenminister Colin Powell log, als er behauptete, Saddam besitze Massenvernichtungswaffen und so das Eingreifen im Irak begründete? Manche waren nicht überzeugt, andere doch. Je nach Haltung. Natürlich beeinflusst die Grundhaltung des Journalisten-Individuums seine Art und Weise zu berichten. Sage einer, er sei ganz frei, sehe alles immer mit professioneller Distanz, werte stets kühl und sachlich. Jeder trägt seine persönliche Schere im Kopf und setzt sie mehr oder weniger intensiv ein. Darf man die Flüchtlingskrise Flüchtlingskrise nennen oder erzeugt das Ängste? Verdirbt das die Willkommenskultur? Solche Fragen werden ernsthaft diskutiert. Das ist einerseits legitim, andererseits doch eine Form der Selbstzensur, auch wenn sie dem Wahren und Guten dienen soll. De facto läuft das Weichspülen auf Vergrößerung verdrängter Probleme hinaus. Die Leserschaft ist ja nicht blöd.

Wir lernen und sehen (mal wieder): Nicht das Benennen, sondern das Beschweigen richtet den größeren Schaden an. Wir lernen (mal wieder), dass auf offizielle Mitteilungen kein Verlass ist. Wir erinnern uns der Kernaufgabe des Journalismus (der einst als vierte Gewalt, als Kontrollinstanz, höher im Ansehen stand als heute): verifizieren, prüfen, selber denken. Auch alte Gewissheiten abwerfen, wenn die Realität es verlangt, statt bange möglichen Ärger im Kollegen-, Familien- oder Freundeskreis zu antizipieren, falls man mal etwas dem Mainstream Missfallendes äußert. Und es steckt auch ein Körnchen Wahrheit im Lügenpresse-Nörgler-Verdacht: Die parteipolitischen Präferenzen deutscher Journalisten liegen laut Studien zu etwa zwei Dritteln links. Das steht im deutlichen Gegensatz zum Wahlverhalten des Bürgers.

Im Fall Köln ist es mit Verzögerung dem nachforschenden Journalismus gelungen, die Öffentlichkeit der Wahrheit näher zu bringen. Die ungehemmte Online- und Pegida-Hetze betreibt das Gegenteil. Da werden Augen wutgeschwollen verklebt, statt sie zu öffnen.