"Berlin Alexanderplatz" in der Schaubühne: Das Hauptstadt-Debüt des Regisseurs Volker Lösch: Mit Hammer und Trichter

Wir wissen nicht, wer die beiden Polizisten aus dem Fenster geworfen hat. Nur dass der Polizistenwerfer sechs Monate dafür gesessen hat und nun irgendwo in dem Chor von ehemaligen Häftlingen steckt, die an der Schaubühne die "Berlin Alexanderplatz"-Inszenierung von Volker Lösch mit Authentizität dekorieren. Oder ist es umgekehrt - dekoriert das auf ein paar melodramatische Kernsätze zusammengestrichene Werk Döblins den Auftritt des Straftäterchors? Oder dienen beide nur als Dekoration einer politisch-moralischen Botschaft? Es ist die erste Berliner Inszenierung des in Worms geborenen, zum Regisseur gewordenen Schauspielers Volker Lösch, der berühmt ist für seine Arbeit mit Laienchören und für sein politisches provozierendes Theater.Die Schaubühne ist mit Unmassen von Geldmünzen ausgelegt, darüber prangt der Schriftzug "Du sollst nicht stehlen", wogegen der eine oder andere Premierengast kaltblütig verstieß (Bühne Carola Reuther). Zirka 20 Laienspieler zählen zur Einstimmung chorisch ihre Verbrechen auf: unter anderem Polizistenwerfen, Diebstahl, Scheckbetrug, Fälscherei, Drogenhandel, Bankraub, Geiselnahme versuchter Mord, Totschlag. Später werden sie sich als Panzerknacker verkleiden, Geldsäcke stapeln, mit Münzen um sich werfen und am Ende, nun in makelloser Finanz-Business-Kluft, vom Beutezählen schwärmen. Wer genau welches Verbrechen begangen hat, erfahren wir nicht, das geht uns auch nichts an. Sie haben die Taten mit teils mehrjährigen Haftstrafen abgebüßt und sind nun keine Diebe, Betrüger und Totschläger mehr, sondern unbescholtene, in unsere Gesellschaft einzugliedernde Bürger. Ihnen steht - so das Programmheft richtig - "soziale Anerkennung" zu. In der Schaubühne bekamen sie schon mal einen langen Applaus.In Wirklichkeit aber sind sie aufgrund ihrer Vorstrafen stigmatisiert und durch den Aufenthalt in den Vollzugsanstalten, was ihre sozialen Fähigkeiten angeht, aus der Übung. Faktisch ist die Strafe mit der Entlassung nicht vorbei: Die in die Wirklichkeit zurückgeworfenen Delinquenten sind benachteiligt im Wettbewerb um Arbeit, Wohnung und Einkommen und um die damit verbundene Würde, die ja eigentlich mit dem Leistungsprinzip nichts zu tun haben sollte. In vielen Fällen führt der Weg zurück ins Milieu und in den Knast oder Schlimmeres.Genauso ist es bei Franz Biberkopf (mit schrottplatzhafter Vorarbeiterherzlichkeit: Sebastian Nakajew), der mit dem festen Entschluss, ein anständiger Kerl zu werden, aus Tegel kommt. Er hatte den "bis zu diesem Tage völlig intakten" Brustkorb seiner Braut Ida mit dem Sahneschläger "berührt", und zwar so, dass sie starb. Biberkopf versucht sich durchzuschlagen, gerät an eine Diebesbande, steht anfänglich wider Willen Schmiere, zieht mit seiner Anständigkeitsattitüde den Zorn seines zunehmend psychopathischen Freundes Reinold (David Ruhland) auf sich, der Franz um seinen Arm und Franzens neue Braut, die treue Hure Mieze (Eva Meckbach), ums Leben bringt.Aber Moment mal. Hat sich seit damals wirklich nichts getan? Dass Franz, dieser proletarische Hiob aus dem Berlin der 1920er- Jahre, gleichgestellt wird mit den wieder in die Gesellschaft einzugliedernden Straftätern unserer Tage, ist eine von Löschs wirkungsvollen Vereinfachungen, mit denen er das Publikum dazu bringen will, sich ins Verhältnis mit der Wirklichkeit zu setzen. Dabei ist seine Mitteilungsform die des Eintrichterns und Einhämmerns. Er lässt einem, was man ohnehin schon weiß, wiederholt und variantenreich ins Ohr und ins Gewissen brüllen. Auf dass man endlich handle, vielleicht?Stattdessen erwischt man sich immer wieder bei der trotzigen und unfreiwilligen Verteidigung der bestehenden Verhältnisse. Und immer wieder kommt man darauf, dass man sich da gerade Ausreden zurecht legt. Das ist kein Wunder, denn Löschs Theater ist aggressiv, es greift uns, die mehrheitlich bildungsbürgerlichen Zuschauer zwar nur verbal, aber doch in unserer Existenz an. Er will uns, wie es in Franzens Schlussmonolog heißt, nicht nur unseren Porsche und unsere 250-Quadratmeter-Villa im Grunewald wegnehmen, sondern auch unsere glückliche Kindheit. Wie, haben wir die auch nicht verdient? Man fühlt sich als Zuschauer unter Generalverdacht und in eine Reihe gestellt mit dem Neid-Feindbild des gewissenlosen Bankmanagers, der der wahre Verbrecher ist.Die Angriffsfreude des theatralischen Leitartiklers Lösch hat ihm schon einige öffentlichkeitswirksame Skandale beschert. Seine Dresdner "Weber"-Version (2004) wurde zwischenzeitlich verboten, weil in ihr zum Mord an Sabine Christiansen aufgerufen wurde. Als Hartz-IV-Empfänger im vorigen Jahr in "Marat. Was ist aus unserer Revolution geworden" (eingeladen zum Theatertreffen) Hamburgs Vermögensmillionäre mit Verdienst und Adresse aufzählten, wurde auf Unterlassung geklagt. Diese juristischen Verzweiflungstaten sind ein Beleg für den ausgelösten Selbstverteidigungsimpuls - und sie warfen recht fruchtbare gesellschaftliche Debatten ab. Aber muss man sich solchen doch ziemlich enervierenden Theaterabend, muss man sich den anschließenden Ärger mit dem Gewissen wirklich antun? Es schadet sicher nicht. Und in der Schaubühne war das Premierenpublikum, wie der warm-zustimmende Applaus verriet, sogar dankbar für die Prügel.------------------------------Berlin AlexanderplatzNach dem Roman von Alfred DöblinRegie Volker Lösch Chor Bernd FreytagBühne Carola Reuther Kostüme Cary GaylerEs spielen Sebastian Nakajew, Eva Meckbach, David Ruland, Felix RömerChor Robert Elsinger, Lars Götze, Volker Hauptvogel, Andreas Knud Hoppe, Toni Jessen, Para Ndombasi Kiala, Mohamad Koulaghassi, Johannes Kühn, Markus Lamberty, Rose Louis-Rudek, Dirk Muchow, Wolf Nachbauer, Paul Peter, Lutz Rinke, Heather Sacks, Ralph Schacht, Detlef Schnurbus, Uwe Seidel, Felix Tittel, Doreen ZanonaTermine 15., 18., 19. Dezember; 1., 8., 10.-12. Januar, jeweils 20 Uhr, Schaubühne am Lehniner PlatzKarten 89 00 23------------------------------Foto: Resozialisierungsmaßnahme in der Schaubühne: Unkenntlich gemachte Exhäftlinge müssen bis zur Erschöpfung Geldsäcke stapeln.